Krimikolumne

Jussi Adler Olsen: „Selfies“ Parforceritt durch die Abgründe der Seele

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„Selfies“, der neue Thriller von Jussi Adler Olsen, ist anders als die vorangegangenen Fälle. Man könnte meinen, Adler Olsen hätte Kultregisseur Quentin Tarantino über die Schulter geschaut.

Das spitzbübisch-abgründige Lächeln Jussi Adler Olsens passt bestens zu dessen Thriller. Foto: Getty
Das spitzbübisch-abgründige Lächeln Jussi Adler Olsens passt bestens zu dessen Thriller.Foto: Getty

Stuttgart - Ein Seil, das kurz davor ist, zu reißen, ziert Jussi Adler Olsens jüngsten Wurf, und das Bild passt bestens zu dem mehr als 570 Seiten langen Wälzer. Genau genommen ist bei einigen der Protagonisten bereits viel zu viel gerissen. „Selfies“ ist ein Parforceritt, in dem entfesselte Wut und gnadenloser Egoismus die Abgründe der menschlichen Seele aufreißen.

Vordergründig geht es um den gewaltsamen Tod einer älteren Frau, die in einem Park in Kopenhagen aufgefunden wird. Gleichzeitig werden nacheinander mehrere junge Frauen von einem unbekannten Autofahrer an- und totgefahren. Das Team um Kommissar Carl Morck vom Sonderdezernat Q gerät eher zufällig an die Ermittlungen – und hat eigentlich einen ganz anderen, sehr persönlichen Fall zu lösen. Die Kollegin Rose Knudsen ist nach einer psychischen Kernschmelze nicht mehr arbeitsfähig und zudem unauffindbar. Hängen der Tod der alten Dame, die Mordserie an den jungen Frauen und Roses Verschwinden womöglich miteinander zusammen?

Was passiert, wenn jahrelange Frustration und hemmungsloser Egoismus umschlagen in Wut und Gewalt? Wie kann in eine Gesellschaft entgleisen, in der von den Medien und Freaks im Internet die Grenzen permanent in die falsche Richtung verschoben werden und Gewalt als probates Mittel der Konfliktbewältigung gilt? Das ist das Thema von Adler Olsens jüngstem Thriller. Anders als im Vorgänger „Verheißung“, in dem der dänische Bestsellerautor einen klassischen Whodunit mit einer Reise tief in die Vergangenheit schildert, lässt Adler Olsen seine Protagonisten in „Selfies“ mehr oder weniger Amok laufen – für den Leser mit weitgehend offenem Visier. Morck und seine Kollegen hecheln dem Geschehen allerdings eine ganze Weile hinterher.

Adler Olsen schildert dieses Geschehen mit der gewohnten und sehr erfolgreichen Mischung aus lakonischem schwarzen Humor und Abgründigkeit, so dass sich „Selfies“ bisweilen anfühlt wie ein gedruckter Quentin-Tarantino-Film – mit all den bizarren Zufällen und Extremsituationen, die man in anderen Krimis getrost als unrealistisch abtun wurde. Für den Fan der Fälle des Sonderdezernats Q mag das zunächst ungewohnt sein. Doch in „Selfies“ steckt genügend Adler Olsen drin. Wer die ersten sechs Bände verschlungen hat, wird auch den siebten lieben.

Jussi Adler Olsen: Selfies. Der siebte Fall für Carl Morck, Sonderdezernat Q. Thriller. Aus dem Dänischen von Hannes Thiess. dtv Verlag München 2017. Gebunden, 576 Seiten, 23 Euro. Auch als E-Book, 19,99 Euro.