Justiz-Skandal Nach Dopingtod falsch reagiert

Andreas Müller, 28.12.2012 12:06 Uhr

Ravensburg - Den Kampf gegen die Doping-Kriminalität hat Rainer Stickelberger (SPD) zu einem seiner politischen Schwerpunkte erkoren. „Nur gemeinsam können wir die kriminellen Strukturen und Netzwerke durchschlagen“, sagte der Justizminister, als er im April in Freiburg die neu geschaffene Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Doping-Delikte vorstellte. Zwei spezialisierte Staatsanwälte seien dort fortan landesweit für den Kampf gegen den Missbrauch von Arzneimitteln zur Leistungssteigerung im Freizeit-, Amateur- und Berufssport zuständig. Mit den Sportverbänden und der Nationalen Anti-Doping-Agentur, so Stickelberger, sollten sie eng zusammenarbeiten.

Doch die Kooperation klappt noch nicht einmal innerhalb der Justiz. Bis nach Ravensburg hatte sich der Appell des Ministers offenbar nicht herumgesprochen. Nach einem Todesfall durch Doping hat die dortige Staatsanwaltschaft komplett versagt, wie jetzt durch Recherchen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ bekannt wurde. Bereits am 10. September war in Leutkirch der Amateur-Mountainbiker Frederik Zierke (44) – einer der besten Deutschlands – in seiner Wohnung gestorben. Polizisten fanden ihn, nachdem sie die Tür zur Toilette aufgebrochen hatten. Auf dem Boden lag eine Spritze mit dem Epo-Präparat Neorecormon, das sich Zierke in die Armbeuge injiziert hatte. In dem Anderthalb-Zimmer-Appartement entdeckten die Beamten laut „Spiegel“ zahlreiche weitere Doping-Mittel, darunter Hormone, Anabolika, blutverdünnende Präparate und Tabletten aus der Tiermedizin.

Die Leiche ohne Blutprobe oder Obduktion eingeäschert

Die Hinweise auf Doping waren also überdeutlich. Doch der für alle Todesfälle zuständige Chef der Staatsanwaltschaft, Herbert Heister, stellte das Verfahren bereits am nächsten Tag ein. Da es keinen Hinweis auf Fremdverschulden gab, habe er weitere Ermittlungen nicht für nötig gehalten. Die Leiche wurde ohne Blutprobe oder Obduktion eingeäschert, weder Mobiltelefon noch Computer nahmen die Fahnder mit. Zudem unterließ es der Leitende Oberstaatsanwalt die Schwerpunktabteilung in Freiburg einzuschalten.

„Das war ein absolutes Versäumnis meinerseits, ich habe nicht richtig geschaltet“, bekennt Heister heute. Natürlich hätte er „die Freiburger Kollegen informieren müssen“, da gebe es nichts drumrumzureden. Erst aufgrund der „Spiegel“-Anfrage unterrichtete der 64-Jährige die vorgesetzte Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart.

Die Justizbehörde sieht einen bedauerlichen Einzelfall

Während die oberschwäbische Bürgerinitiative der „Prozessbeobachter“ in dem Fall „die Spitze eines Eisbergs an Fehlverhalten“ sieht, reagierte die Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart milde. Es handele sich um einen „bedauerlichen Einzelfall“, der „sicherlich nicht optimal bearbeitet wurde“, ließ der Behördenchef Klaus Pflieger auf StZ-Anfrage erklären. Da die Versäumnisse inzwischen „intern aufgearbeitet“ worden seien, sehe man „keinen Grund für personelle Konsequenzen oder organisatorische Maßnahmen“. „Wir gehen davon aus, dass in vergleichbaren Fällen, zu denen es hoffentlich nicht kommen wird, künftig umgehend das Erforderliche veranlasst werden wird“, erklärte der Sprecher. Die Information der Staatsanwaltschaft Freiburg sei nachgeholt worden.

Auch Justizminister Stickelberger, der dieser Tage unabhängig von dem Vorfall die Staatsanwaltschaft Ravensburg besuchte, sprach gegenüber der StZ von einem „bedauerlichen Fehler“. Heister habe „diesen Fehler in einem persönlichen Gespräch auch eingeräumt – und ich gehe fest davon aus, dass sich das nicht wiederholen wird“. Der Fall zeige aber auch, „wie wichtig eine Sensibilisierung aller beteiligten Mitarbeiter und Behörden auf Dopingvergehen hin ist“, fügte Stickelberger hinzu. „Es gibt sie in Leutkirch genauso wie anderswo. Deshalb müssen wir auch überall an dem Thema dran bleiben – zum einen mit den Ermittlungen vor Ort, zum anderen auf politischer Ebene.“

Jetzt wird doch noch der Computer des Toten untersucht

Die Staatsanwaltschaft Freiburg hat mittlerweile Ermittlungen gegen Unbekannt wegen eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet, wie ein Sprecher bestätigte. Zurückhaltend äußerte er sich zu den Chancen, angesichts der Versäumnisse in Ravensburg den Lieferanten und Hintermännern auf die Spur zu kommen. Es werde versucht, am Computer Spuren wiederherzustellen und „zu retten, was noch zu retten ist“. Laut „Spiegel“ hatte Zierke die Dopingpräparate per Skype, E-Mail oder SMS bestellt, vorzugsweise aus China oder Indien. Wenige Tage nach seinem Tod seien sein Facebook-Account und die Kurznachrichten auf seinem Handy verschwunden.