Kai Schumann im ZDF Dreister als die Polizei erlaubt

Antje Hildebrandt, 24.01.2013 11:56 Uhr

Berlin - Ein Hüftschwung. Ein sonores „Hallooo“. Eine Handgranate, die er ­beiläufig explodieren lässt. Das ist Heldt, Nikolas Heldt, der neue Kommissar beim ZDF. Sein Revier ist der Ruhrpott. Sein Charme öffnet ihm Türen – und wenn nicht, kommt er von hinten. Schlendert einfach so in die Stube eines Tatverdäch­tigen hinein, einen Apfel in der Hand. Und bevor der Hausherr reagieren kann, hat er ihn mit dem angebissenen Apfel ausgeknockt. So sehen Helden im Fernsehen aus.  Sie legen die Gesetze aus, wie es am bes­­ten in ihre Ermittlungen passt. Man kann sagen: so ein Kommissar hat gerade noch gefehlt.

Kai Schumann spielt diesen Heldt – mit einem t hintendran. Kai, wer? Bei Schumann denken manche zuerst an Karl Theodor zu Guttenberg: Im März zeigt Sat 1 den Aufstieg und Fall des Überschallpolitikers als Komödie. „Gutti“, wie er lebt und Luftgitarre spielt. Ausschnitte aus dem Film hat der Sender schon im Herbst in Berlin vorgestellt. Der Hauptdarsteller war auch dabei, glatt rasiert, die Locken nach hinten gegelt, Nickelbrille und Nussknackergrinsen. Man musste zweimal hinschauen, weil er dem Original so täuschend ähnlich sah. Der Mann, der Wochen später an einem Januarvormittag in ein Café in Berlin-Mitte platzt, erinnert eher an den Ruhrpott-Cop als an den adeligen Pfau, der Federn lassen musste, als aufflog, dass er beim Schreiben seiner Dissertation die Funktion „Copy and Paste“ zu oft strapaziert hat.

Draußen friert es, trotzdem trägt Kai Schumann nur ein T-Shirt. Es spannt sich über den durchtrainierten Oberkörper des 36-Jährigen. Es ist eine Art Berufsbekleidung. Schumann ist einer der Schauspieler, die ihren Körper als Instrument benutzen. Er sagt, das sei doch das Schöne an seinem Beruf: das Spielen. Andere Kollegen schwärmen meistens davon, dass ihnen ihr Job Türen öffne in andere Lebenswelten.

Kai Schumann sagt, für ihn sei das eher ein Nebeneffekt. Die Suche nach Wahrhaftigkeit, klar, auch die treibe ihn an. „Aber viele der deutschen Drehbücher sind einfach zu schmal, als dass man da philosophisch in die Tiefe dringen könnte.“

In der DDR fühlte er sich als Exot

So redet einer, der oft mit seinem Image gehadert hat. Der Frauenliebling. Schumann, Absolvent der renommierten Berliner Schauspielschule Ernst Busch, trug diesen Stempel schon, bevor ihm der Durchbruch im Fernsehen gelang, in der Rolle als ebenso sanfter wie verständnisvoller Frauenarzt Mehdi Kaan in der beliebten Arztserie „Doctor’s Diary“ (Sat 1). Vielleicht lag es an seinen braunen Augen oder an seinem südländischen Temperament. Das Erbe seines syrischen Vaters, den er nie kennengelernt hat. In der DDR fühlte sich der gebürtige Dresdener selber als Exot.

Er sagt, er habe es nicht immer leicht ­gehabt mit seinem dunkleren Teint. Einen „Kanacken“ hätten ihn Nazis in seinem Dorf genannt. Einmal bespritzten sie ihn sogar mit Wasser. So wurde er zum Punk. Die Liebe zur Schauspielerei entdeckte er eher zufällig, in der Theater-AG seiner Schule. Hier war er kein Außenseiter mehr. Hier konnte er sein, wer er wollte. Links oder rechts, gut oder böse. An seine erste Rolle erinnert er sich noch genau: Es war der Dorfrichter Adam aus Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, ein Mann, der über eine Tat urteilen muss, die er ­selber begangen hat. Schumann grinst, als er das erzählt.

Der Mann, der auch Engagements am Landestheater Tübingen hatte und von 2001 bis 2005 zum Ensemble des Stuttgarter Schauspiels gehörte, ist ein komisches Naturtalent. Es hat eine Weile gedauert, bis das Fernsehen das entdeckt hat. Das war 2007. Er sagt, das Timing sei perfekt gewesen. Es habe ihn zunehmend genervt, am Theater mit Regisseuren zu arbeiten, die nur ihre Eitelkeit inszenierten. Er war gerade Vater geworden und hatte eine Familie zu ernähren. Er nahm, was kam.

„Schimanski war so echt, so emotional“

Der Guttenberg war ein Glückstreffer. Nach Rollen als sexsüchtiger Yogalehrer, als Stripper oder Buschpilot war er endlich da angekommen, wo er seine Stärke ausspielen kann. Politisch liegen freilich Welten zwischen ihm und dem ehemaligen Shootingstar der CSU. Schumann sagt, er habe sich frei machen müssen von allen Vorurteilen. Ein Politikercoach und eine Körpertrainerin haben ihm dabei geholfen.

Er habe den Freiherrn als einen Menschen kennengelernt, der schon als Kind einer unglaublichen Belastung standhalten musste und der deshalb ständig um Leichtigkeit gerungen habe, erzählt der Schauspieler. Den Menschen hinter der Figur zu zeigen, das sei eine Herausforderung gewesen. „Unter Druck kommt der wahre Charakter des Menschen heraus.“

Dagegen ist ihm die Rolle des Kommissars Nikolas Heldt wie auf den Leib geschnitten – inklusive dessen Beanie-Mütze. Als Jugendlicher habe er Schimanski bewundert. „Der war so echt, so roh, so emotional.“ Jetzt darf er das Gesetz selber dehnen und stretchen, wenn auch nur am Vorabend. Mit einem „Tatort“-Kommissar würde er trotzdem nicht tauschen wollen, versichert Schumann. Ein Cop, der Handgranaten explodieren lässt, um Kapitalverbrecher einzuschüchtern, der ist dreister, als die Polizei erlaubt.