Kanada Geschichte zum Anfassen

Von Wolfgang Albers aus Louisbourg 

Auf der kanadischen Halbinsel Neuschottland entführen Schauspieler die Besucher mehrerer Freilichtmuseen in die Welt der früheren Siedler.

Bewaffnet: Die Wache am Eingang von Fort Louisbourg. Foto: Destination Cape Breton
Bewaffnet: Die Wache am Eingang von Fort Louisbourg.Foto: Destination Cape Breton

Louisbourg - Der Boden ist aus festgestampftem Lehm, und mitten im Raum befindet sich eine Feuerstelle. Der Rauch hat die Wände aus groben Feldsteinen geschwärzt, denn er kann nur durch ein kleines Loch im Dach abziehen. Eine junge Frau rührt in einer Suppe für ihren Vater. „Der ist fischen gegangen“, sagt sie, „hoffentlich hat er nicht schon wieder zu viel getrunken.“ In einer Ecke ist Stroh aufgeschichtet für das Vieh, das jetzt auf den Weiden grast. In einer anderen Ecke sind die Schlafstätten: Bettkästen mit Dach, weil das offene Loch Regen hineinlässt. Die junge Frau spielt eine Schottin, die mit ihrer Familie aus dem Hochland im Norden der Britischen Inseln gekommen ist. Sie segelten über den Atlantik und ließen sich auf dieser Halbinsel vor der Küste Ostkanadas nieder und gaben dem Landstrich einen Namen: Nova Scotia - Neuschottland. Kanadas Atlantikprovinz war ein Einfallstor für die Besiedlung Nordamerikas. Ein geschichtliches Erbe, an das in ganz Neuschottland erinnert wird - in einer für Besucher attraktiven Weise: mit Living-History-Stätten. Iona ist eine der schönsten.

Hoch über dem Ufer des Bras d’Or Lake, einem weit verzweigtem Binnenmeer, hatten sich um 1770 schottische Einwanderer angesiedelt und den Platz nach der heimischen Hebriden-Insel benannt. Die ersten Siedler häuften sich erstmal ihr „An Taigh Dubh“ auf, so sagt man auf Gälisch für Schwarzes Haus. Aber bald bauten sie sich statt der Räucherhöhle ein Blockhaus, und die nächste Generation wohnte dann schon in Steinhäusern. So entstand ein ganzes Dorf - jetzt ein Freilichtmuseum mit Häusern aus allen Epochen, die aus ganz Neuschottland hierher gebracht worden sind. In allen Häusern warten Frauen und Männer, kostümiert im Stil ihrer Epoche, und spielen eine Rolle. Der Schmied biegt glühendes Eisen und stöhnt vor Arbeit, weil er das ganze Dorf mit Türbeschlägen, Kerzenhaltern, Glockenhaken und anderen Gerätschaften beliefern muss. Eine Frau blättert in einem Katalog, um Stoffe zu bestellen. Ihr Haus ist mit Fotografien geschmückt, sie hat elektrisches Licht - im Jahr 1920 ist der Fortschritt auch in dieses kleine Dorf gekommen. Aber sie klagt über Einsamkeit. Ihre Kinder sind mit der Eisenbahn in ferne Städte gezogen, wo sich mehr Geld verdienen lässt.

Eine ganze Kultur wurde zum Erinnerungsthema der Alten

Vorbei die Gemeinschaftsstunden am Abend, wo alle vor dem Kamin hockten und gälische Lieder sangen. Eine ganze Kultur wurde zum Erinnerungsthema der Alten. Gerade noch rechtzeitig bemerkten das einige und begannen, das Museumsdorf aufzubauen, das jetzt auch als gälisches Kulturzentrum dient. „Ur beatha an Clachan“ steht am Eingang: willkommen im Dorf! Der Name Neuschottland verschweigt, dass sich zunächst eine ganz andere Nation auf der Halbinsel angesiedelt hatte. Im Jahr 1605 baute Pierre Dugua des Mons, also ein Franzose, an der Nordküste Port-Royal auf, ein Holzfort aus Blockhäusern. Perfekt rekonstruiert steht es heute auf einer Wiese über der Annapolis-Bucht.

Schon im Kassenhäuschen sind die Ticketverkäuferinnen mit Haube und Rock gekleidet wie im 17. Jahrhundert. Im Innenhof sägt ein Zimmermann Bretter für ein Dach zu. Er erzählt, dass sich die Menschen damals alles, was sie zum Leben brauchten, aus den Wäldern holten. Mit dem Holz bauten sie sich ihre Häuser und Möbel, Wild lieferte Nahrung und Pelze, die auch als Handelsware dienten. Im Jahr 1613 - die Männer des Forts waren im Wald - überfielen Engländer das Fort und brannten es nieder. Immer mehr drängten die Engländer die Franzosen zurück, so dass diese Anfang des 18. Jahrhunderts den Bau der befestigten Stadt Louisbourg begannen. Aber auch diese Stadt eroberten die Engländer und schleiften sie 1760 bis auf die Grundmauern. Und doch salutieren heute wieder die Wachen in Bourbonen-Uniformen am Stadttor, zwei Kanoniere richten ihr Kanonenrohr zur See hin aus. Kanadas Regierung hat ein Viertel der alten Stadt wieder aufbauen lassen: die Festung und das Hafentor, Magazine und Wohnhäuser, Kopfsteinpflaster und Gärten.

Im Gouverneurspalast putzt eine Magd mit weißer Haube das Tafelsilber: „Mein Herr residiert hier wie ein König“, sagt sie. Neun Diener habe er, verrät sie, und er kontrolliere alles von den Finanzen bis zu den Sitten. In der Garnison schiebt ein Soldat mit einem Dreispitz auf dem Kopf müde Dienst. Bis zu 100 Schauspieler entführen die Besucher ins 18. Jahrhundert. Louisbourg ist damit eines der größten Living-History-Museen Nordamerikas. Am Abend ertönt Trommelwirbel. Von der Festung ziehen die Soldaten zum Hafen. Dort feuern sie eine Kanone zum Salut ab. Ein Spektakel, das alle Besucher direkt am Ausgang zusammengezogen hat. So elegant bekommt man ein Museum selten geräumt.

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