Kein Fußball-Bundesligist im Halbfinale Die Krise beim Europapokal

Von Marco Seliger 

Das gab es schon lange nicht mehr: Erstmals seit der Saison 2004/2005 hat kein Bundesliga-Club das Halbfinale im Europapokal erreicht. Was fehlt also im internationalen Vergleich?

Au backe! Bayern Münchens Thiago kann das Ausscheiden nicht fassen. Foto: Getty
Au backe! Bayern Münchens Thiago kann das Ausscheiden nicht fassen.Foto: Getty

Stuttgart - Es gibt wohl wenig, was den Chef der Bundesliga so sehr umtreibt wie die erfolgreiche Auslandsvermarktung seines Produkts. Konkurrenzfähigkeit, das ist das Zauberwort für den Geschäftsführer Christian Seifert und seine Mitstreiter von der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Am besten soll die Bundesliga die Konkurrenz aus England oder Spanien auf den Märkten in China, den USA und am besten auch noch in Ost-Tadschikistan und Süd-Timbuktu ausstechen. TV-Verträge, Trikotverkäufe und Vermarktungsreisen sind längst Usus geworden bei den deutschen Spitzenclubs, ebenso wie Auslandsbüros und So­cial-Media-Kanäle im Internet auf Chinesisch oder Japanisch. Immer noch mehr Geld soll her mit den Aktivitäten im Ausland. Auch im europäischen Vergleich.

Dumm nur, dass all das nicht im Einklang mit den sportlichen Leistungen der deutschen Clubs im Europapokal steht. Kein Verein im Halbfinale. Nicht in der Champions League, nicht in der Europa League. Das ist für die DFL nicht gerade eine Empfehlung für die nächsten Marketingaktivitäten. In der Europa League etwa stand zum letzten Mal vor sieben Jahren ein deutscher Club im Halbfinale. „Das ist nicht gerade berauschend“, sagt Christian Seifert: „Im Ausland wird eine Liga in erster Linie wahrgenommen über das internationale Abschneiden ihrer Clubs.“

Spanien um Längen voraus

Und das ist aus deutscher Sicht stark verbesserungswürdig. In den vergangenen 20 Jahren gewannen allein spanische Clubs insgesamt 17 Europacup-Titel, deutsche Vereine dank der beiden Champions-League-Erfolge des FC Bayern München (2001, 2013) aber nur zwei. Ist die Bundesliga also längst nicht so gut, wie sie selbst immer vorgibt? Bundestrainer Joachim Löw denkt, dass der deutsche Fußball sich gern mal überschätzt. „Wer glaubt, wir hätten die größten Talente, der muss nach Spanien gehen“, sagt er.

Dass in Real Madrid und dem Stadtrivalen Atlético in der Königsklasse und mit Celta Vigo in der Europa League insgesamt drei Clubs von der Iberischen Halbinsel im Halbfinale stehen und aus der Bundesliga keiner, hat sicher auch noch andere Gründe. Einer davon ist die mangelnde Qualität in der Breite der Liga. Ganz oben gibt es mit dem FC Bayern eine Konstante auf internationalem Topniveau, dahinter entwickelte sich Borussia Dortmund in den vergangenen Jahren auch in diese Richtung.

Dahinter aber sinkt das Niveau rapide. Hinter Bayern und dem BVB bangen zurzeit sogar die Clubs, die zuletzt immer international vertreten waren, um den Einzug in den Europapapokal. Bayer Leverkusen, Mönchengladbach und der FC Schalke sind nur noch Mittelmaß. Konstante internationale Wettbewerbsfähigkeit sieht anders aus. Und ob die Emporkömmlinge RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim bei ihrem europäischen Debüt bald durchstarten werden, ist zumindest fraglich.

Schneckenrennen um Platz fünf

Die aktuellen Anwärter auf die Europa League wie Hertha BSC, der SC Freiburg oder der 1. FC Köln sind zurzeit selbst in der Bundesliga zu inkonstant und liefern sich ein Schneckenrennen um die Plätze fünf und sechs. Hertha BSC etwa hat zuletzt acht Auswärtsspiele in Serie verloren, ist aber immer noch Fünfter. Nur fünf Punkte dahinter steht die Frankfurter Eintracht, die kein einziges ihrer vergangenen zehn Spiele gewann. Die Bundesliga hat ein Qualitätsproblem in der Breite. „Das hängt mit der Struktur der Liga zusammen“, sagt der Hertha-Manager Michael Preetz: „Das Segment unterhalb der Spitze ist wahnsinnig umkämpft, und ich glaube, das wird in ­Zukunft so bleiben. Für ganz vorne müssen sich alle etwas einfallen lassen.“

Seit Jahren hat der Kampf um Platz fünf und sechs seinen Namen nicht verdient, was sich verheerend auf die internationale Konkurrenzfähigkeit der Bundesliga auswirkt. „Acht Punkte zwischen Europa League und Abstiegsplatz, das gibt es normalerweise in der dritten und vierten Liga. Man kann das als Stärke oder Schwäche der Liga auslegen. Ich finde, das ist eine Schwäche“, sagte der Nationalstürmer Mario ­Gomez jüngst in einem „SZ“-Interview.

Immer wieder haben es in den vergangenen Jahren Außenseiter wie der SC Freiburg, FC Augsburg oder der FSV Mainz in die Europa League geschafft – und konnten nur wenig für die deutsche Bilanz in der Fünfjahreswertung tun. Aussicht auf Besserung gibt es da zunächst kaum. Die Großen aus München und Dortmund werden es wahrscheinlich in den nächsten Jahren wieder richten müssen. Immerhin: Den Segen von Christian Seifert werden sie haben.