Kernenergie Das Atomgeschäft boomt wieder

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Fünf Jahre nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima kommt die Atomindustrie wieder in Schwung. Bei ihrer Hauptmesse in Paris zeigt sich allerdings, dass viele Reaktoren in Ländern gebaut werden, die nicht als die sichersten der Welt gelten.

Bei der World Nuclear Exhibition präsentieren sich in Paris 680 Unternehmen Foto: AFP
Bei der World Nuclear Exhibition präsentieren sich in Paris 680 Unternehmen Foto: AFP

Paris - Frankreich hat derzeit nicht nur bei der Fußball-EM einen Heimvorteil. Bei der „World Nuclear Exhibition“ in Le Bourget sind die französischen Atomkonzerne Areva und Electricité de France (EDF) klar die Platzhirsche. Aber nicht nur an ihren Ständen wird Champagner serviert. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Unglück im japanischen Fukushima startet die Branche wieder durch: 680 Anbieter aus der ganzen Welt sind nach Le Bourget gekommen, ein Drittel mehr als bei der letzten Weltnuklearmesse vor zwei Jahren.

Umweltverbände oder Atomenergiegegner sind nicht zu sehen – die Branche ist unter sich. „Wir glauben an die Atomkraft“, sagt Frankreichs Wirtschaftminister Emmanuel Macron mit der Hand auf der Brust. „Sie ist unsere Zukunft, der Traum des Prometheus.“ Rund um den Planetenwerden 64 neue Reaktoren gebaut. Nur Deutschland und die Schweiz sind im Pressedossier der Messe als kleine rote Aussteiger gekennzeichnet. Dass andere Länder wie Österreich oder Italien ebenfalls nichts von Atom wissen wollen, wird übergangen.

Der polnische Energieminister Andrzej Piotrowski erzählt, dass sein Land 30 Jahre nach Tschernobyl wieder zwei Atommeiler errichte, um auf einen Atomstromanteil von 20 Prozent zu kommen. Alle Nachbarn Polens täten es gleich – mit Ausnahme Deutschlands, dessen Abseitsstehen rein politische Gründe habe.

Allerdings täuscht das Bild von der strahlenden Atomindustrie, was Europa betrifft. Die französischen Marktführer stecken finanziell in der Klemme. Ihre im Bau befindlichen Druckwasserreaktoren EPR – die so genannte dritte AKW-Generation – produzierten in Frankreich und Finnland bisher nur technische Probleme, Verzögerungen und Kostenüberschreitungen. Areva muss mit Staatsgeldern am Leben gehalten werden, und die mächtige EDF zögert, sich auf ein Großprojekt im britischen Hinkley Point einzulassen.

In Wahrheit werden die französischen Atomfirmen sogar bei ihrem Heimspiel hart bedrängt – vor allem Billiganbieter aus Russland, China und Korea trumpfen auf.

Am Stand des koreanischen Staatskonzerns Kepco, der den Franzosen einen 20-Milliarden-Auftrag in den Arabischen Emiraten abgeluchst hat, lacht Manager Woojin Son: „Ja, wir werden immer besser. Und wir sind viel günstiger als die anderen!“ Dongshan Zheng, Vizedirektor von China Nuclear General (CNG), leitet indes eine Debatte über Minikernkraftwerke, so genannte SMR, die vor allem in Entwicklungsländern zum Einsatz kommen sollen. Die Chinesen planen Kraftwerke im eigenen Land und in Pakistan. Dazu bieten sie westlichen AKW-Bauern ihre Kapitalkraft für Großprojekte an.

Wenn sich die EDF dort zurückziehen sollte, weil ihr das Vorhaben zu überrissen ist, sprängen sofort die Russen in die Bresche. „Wir verfolgen die Vergabe in Hinkley Point aus nächster Nähe“, erklärt Kirill Komarov, Vizechef des russischen Atomkonzerns Rosatom, der in Le Bourget mit einem großen Auftritt auffällt. „Die Russen markieren heute an allen Nuklearmessen Präsenz“, sagt beim deutschen Edelstahlhersteller BGH ein Standverkäufer. „Aber mal ehrlich, wer würde schon ein russisches AKW kaufen?“

Diese Meinung wird nicht überall geteilt: Rosatom baut derzeit weltweit 16 Reaktoren; noch mehr Aufträge sind unterschriftsreif. Weitere Interessenten seien Ägypten, Jordanien oder Vietnam.

Areva und EDF haben hingegen seit langem keinen französischen Reaktor mehr ans Ausland verkauft. Dabei bieten die Franzosen im internationalen Vergleich das höchste Sicherheitsniveau – bis hin zu einer „Schnellen nuklearen Einsatztruppe“, die vor dem Messegelände eine Trockenübung durchführt. Chinesen und Russen müssen weniger Rücksicht auf kernkraftskeptische Bevölkerungen nehmen, meint das Londoner Forschungsbüro Chatham House: „Sie haben ihre Zuverlässigkeit noch nicht unter Beweis gestellt, und man weiss nicht viel über die Sicherheitsnormen ihrer Reaktoren.“ Von den 64 in Bau befindlichen AKW stammt mehr als die Hälfte aus chinesischer oder russischer Fabrikation. Ein Teil davon steht in Ländern wie der Türkei oder Pakistan. Nicht die sicherersten Standorte der Welt.