Kernkraftwerk Neckarwestheim Neuer Streit um Boden-Risiken

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Exklusiv Steht der Atommeiler Neckarwestheim auf löchrigem Untergrund? Ein kritischer Geologe bekräftigt seine alte Warnung aufgrund neuer Unterlagen. Sein Vorwurf: Die Risiken würden von Regierung und Experten systematisch schöngeredet.

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim – gefährdet durch den Untergrund? Foto: dpa
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim – gefährdet durch den Untergrund?Foto: dpa

Stuttgart - Steht das Kernkraftwerk Neckarwestheim auf unsicherem Boden und ist somit von einer „geologischen Zeitbombe“ bedroht? Diese seit vielen Jahren immer wieder geführte Diskussion über den Untergrund des Atommeilers lebt jetzt abermals auf. Bei der Sitzung der Informationskommission an diesem Donnerstag in Neckarwestheim dürfte aufs Neue kontrovers über Geologie und Baugrund des Standortes debattiert werden. Das Thema wurde auf Betreiben der Gegner des Atommeilers auf die Tagesordnung genommen, die damit auf neue Erkenntnisse eines kritischen Geologen reagierten.

Der Stuttgarter Geologe Hermann Behmel gilt seit langem als scharfer Kritiker des Standortes. Er hatte dessen Untergrund Mitte der siebziger Jahre im Auftrag der Landesregierung erstmals untersucht und danach wiederholt als ungeeignet bewertet. Seine Warnung: eine Gipsschicht könne durch Grundwasser ausgelaugt werden, wodurch Hohlräume entstünden, die spontan zusammenstürzen könnten.

„Die Risiken systematisch heruntergespielt“

Nun hat Behmel seine Analyse aktualisiert aufgrund von Akten, die das Umweltministerium auf der Basis des Umweltinformationsrechtes zur Verfügung gestellt hatte. Seinen kritischen Befund sieht er dadurch noch erhärtet. Scharf ins Gericht geht der 74-jährige Experte insbesondere mit jenen Gutachtern, auf deren Ergebnisse sich die Landesregierung bis heute stütze. Dabei sei es in den achtziger und neunziger Jahren, aber auch noch 2004 zu „schlimmen Fehlleistungen“ gekommen: Die Gefahren durch die besonderen geologischen Verhältnisse, so sein Fazit, würden systematisch heruntergespielt, ausgeblendet und „schöngeredet“ . Dabei zeigten die Erfahrungen in Staufen und Böblingen, wo es Probleme wegen aufquellender Gipsschichten gab, dass die Risiken in Neckarwestheim nie nach dem Stand der Wissenschaft bewertet worden seien.

Zu Unrecht wurde nach Behmels Ansicht davon ausgegangen, über dem Gipskarst befinde sich ein solider Felsuntergrund. Dies belegt für ihn auch ein Schreiben des Landesumweltministeriums aus dem Jahr 2013, in dem auf „unerwartet starke Setzungen am Kühlturm“ verwiesen werde. Der angebliche „Fels“ sei nur so belastbar wie seine Unterlage; die problematischen Schichten unterhalb von 30 Meter Tiefe seien in einem Gutachten von 2004 aber nicht berücksichtigt worden. „Das ist etwa so, als würde ein Arzt nur die Haut untersuchen, wenn es um einen Tumor im Knochen geht“, sagt Behmel. Als Konsequenz fordert er eine umfassende Untersuchung des Untergrundes durch Bohrungen sowie eine Überprüfung aller gefährdeten Rohre, Kabelschächte und Gebäudeteile.

EnBW und Geologisches Landesamt äußern sich

In der Infokommission werden sich auch Vertreter des Landesamts für Rohstoffe, Geologie und Bergbau sowie der EnBW als Betreiber zum Untergrund äußern. Mit Spannung wird erwartet, inwieweit sie Behmels Bedenken entkräften können. Die EnBW verweist auf eine kontinuierliche Untersuchung des Baugrundes und regelmäßige Setzungsmessungen.