Kirchheim Vom Fruchtkasten zur Rauminstallation

Von Gunther Nething 

In der Städtischen Galerie im Kornhaus zeigt die international renommierte Künstlerin Annett Zinsmeister bis zum 27. November ihre ungewöhnlichen Arbeiten zum Thema „Speicher/Transformation“.

Der geschlossene Kubus im Eingangsbereich der Galerie suggeriert einen Blick  in ein Magazin  oder einen Bibliotheksfundus Foto: Rudel
Der geschlossene Kubus im Eingangsbereich der Galerie suggeriert einen Blick in ein Magazin oder einen Bibliotheksfundus Foto: Rudel

Kirchheim - Räume haben es Künstlern immer schon angetan – und sei es nur als Präsentationsorte, in denen sich ihre Werke ins rechte Licht rücken lassen. Annett Zinsmeister aber hat Räume selbst zu Kunstobjekten erkoren, und dazuhin festgehalten und dokumentiert, welchen wechselnden Zwecken sie in den jeweiligen Gebäuden dienten. In Kirchheims mächtigem Fruchtkasten von 1553, in dem nebst dem Museum die Städtische Galerie untergebracht ist, liegt die einstige Zweckbindung auf der Hand. Und so stehen die Rauminstallationen der Künstlerin unter dem Signum „Speicher/Transformation“.

Der kleinste Teil der Ausstellung ist begehbar. Dazu hat man im Eingangsbereich der Galerie einen geschlossenen Kubus mit den vergleichbaren Maßen eines Lastenaufzugs installiert, der mit seiner strengen Rundum-Parzellierung und -Nummerierung das Speichermoment aufgreift und den Blick in ein Magazin oder einen Bibliotheksfundus suggeriert. Weitere Bereiche sind rund um die Uhr von außen („outdoor“) zu betrachten, handelt es sich doch um Projektionsflächen hinter den Galerieschaufenstern. Hier meint man ganze Lagerschluchten, Gerüstaufbauten und Stützbalkenreihen in exakter struktureller Ausrichtung zu erkennen.

Werke im New Yorker Museum of Modern Art

Annett Zinsmeister stammt aus Stuttgart, studiert hat sie Kunst und Architektur sowie Kultur- und Medienwissenschaften. Seit 2003 trägt sie den Professorentitel, von 2009 bis 2013 lehrte sie an der Kunstakademie Stuttgart und leitete das Weißenhof-Insitut. Heute lehrt die Künstlerin in der Mainmetropole Frankfurt und lebt in Berlin. Bekannt geworden ist Annett Zinsmeister in den 1990er-Jahren durch Fotozyklen aus dem zerstörten Sarajevo sowie zur ostdeutschen „Plattenbauästhetik“ und zur Hausbesetzerszene. Ihre künstlerischen Arbeiten finden sich im New Yorker Museum of Modern Art ebenso wie in herausragenden Sammlungen von Paris, Wien oder Istanbul.

Der Bogen spannt sich bis 18. Jahrhundert

Kein Wunder also, dass Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker mit Blick auf die hochkarätigen Referenzen Zinsmeisters bei der Vernissage von einer „großen Ehre und Freude“ für die Stadt sprach. Für den Kunstbeirat begrüßte der Kurator und Architekt Florian van het Hekke die Gäste, und der Leiter des Kunstvereins Esslingen, Christian Gögger, stellte in seiner Einführungsrede das Schaffen Annett Zinsmeisters in einen kunsthistorischen Kontext.

Dabei spannte sich der zeitliche Bogen zurück bis ins 18. Jahrhundert, als der italienische Kupferstecher Giovanni Battista Piranesi mit seinen Werken für Aufsehen sorgte. Zur Sprache kamen weiter der Geometriekünstler Viktor Vasarély und die Speicherkathedralen des Malers und Bildhauers Anselm Kiefer. Bei Annett Zinsmeister, so Christian Gögger in seinem Resümee, bildeten wie bei einem guten Theaterstück, die Handlung und der Handlungsort eine „funktionierende Einheit“. Und generell gelte: „Wenn der Künstler seine Kunst nicht erklären muss, ist schon ein großer Schritt getan.“