Klimawandel Das große Schmelzen beschleunigt sich zusehends

Von Roland Knauer 

Das Eis auf der Antarktischen Halbinsel schmilzt seit 2010 weitaus schneller als gedacht. Ursache sind unter anderem wärmere Strömungen aus dem Norden, die durch den Klimawandel nun weiter in den Süden reichen.

An der Antarktischen Halbinsel beschleunigt sich die Gletscherschmelze. Foto: Science
An der Antarktischen Halbinsel beschleunigt sich die Gletscherschmelze.Foto: Science

Stuttgart - I

n Teilen der Antarktis schmilzt das Eis seit 2010 erheblich schneller als in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Geophysiker und Eisbedeckungsspezialisten wie Veit Helm vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven wissen zwar, dass der Klimawandel die Temperaturen im Norden der Antarktischen Halbinsel rasch steigen lässt, und registrieren dort auch hohe Schmelzraten. „Dort sind aber verhältnismäßig kleine Eismassen betroffen“, erklärt der AWI-Forscher. Die Auswirkungen auf den Anstieg des Meeresspiegels sollten also überschaubar bleiben. Die viel größeren Gletscher weiter im Süden an der Wurzel der Halbinsel schmolzen dagegen bisher kaum. Als Bert Wouters von der Universität im englischen Bristol und seine Kollegen aber die Daten des von der Firma Astrium am Bodensee gebauten Eis-Satelliten Cryosat-2 analysierten, fanden sie auch dort rasante Eisverluste.

Von Juli 2010 bis April 2014 verschwanden von der südlichen Antarktischen Halbinsel auf einer Strecke von 750 Kilometern Luftlinie jedes Jahr etwa 72 Kubikkilometer Eis im Meer, berichten die Forscher im Fachjournal „Science“. Das entspricht jährlich einem rund 350 Meter hohen Eisquader mit einer Grundfläche von der Größe des Stuttgarter Stadtgebiets, der im Meer schmilzt. Das sind immerhin zusätzliche 55 Billionen Liter Wasser jedes Jahr.

Im Durchschnitt werden die Gletscher der südlichen Antarktischen Halbinsel seit 2010 jedes Jahr 42 Zentimeter dünner, misst Cryosat-2 mit Hilfe von Radar-Wellen aus einer Höhe von 700 Kilometern. Der am Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ) konzipierte Doppelsatellit Grace bestätigt diese Werte: Seine Daten zeigen, dass die Gegend jedes Jahr ein klein wenig leichter wird. Dieser Verlust kann nach Lage der Dinge nur vom Schwund der Eismassen stammen.

Wärmeres Wasser aus dem Norden

Was aber lässt die Gletscher plötzlich schmelzen, deren Masse sich bis 2009 auf der südlichen Antarktischen Halbinsel kaum verändert hatte? Das Wetter kommt nach den meteorologischen Daten dafür kaum in Frage: Weder haben dort die Niederschläge stark abgenommen, die Schnee nachliefern, der zu Eis zusammengequetscht wird, noch sind die Temperaturen der Luft 2009 und 2010 so abrupt gestiegen, dass sie solche großen Eismassen schmelzen sollten. Ganz im Gegenteil hat der Klimawandel gemeinsam mit dem Ozonloch über der Antarktis bisher die stürmischen Winde noch weiter angefacht, die seit Jahrmillionen um den Eiskontinent herumjagen. Dieser Windwirbel isoliert die Region um den Südpol von den wärmeren Luftmassen weiter im Norden. Daher bleiben die Lufttemperaturen über der Antarktis niedrig.

Der stärker werdende Windwirbel treibt aber wärmeres Wasser aus dem Südpolarmeer auf die Antarktis zu. Am Grund der Bellingshausen-See vor der Küste der südlichen Antarktischen Halbinsel und der Westantarktis zeigen dann auch Messungen im Wasser um das Jahr 2010 tatsächlich deutlich höhere Temperaturen als vorher. Die oft mehr als einen Kilometer dicken Gletscher fließen hier ins Meer und schwimmen dann als mehrere Hundert Meter dickes Schelfeis auf dem Wasser. „Dort schmelzen höhere Temperaturen daher das Eis von der Basis an“, erklärt Helm. Genau in diesen Bereichen zeigen die Cryosat-Daten auch einen besonders großen jährlichen Eisschwund an.

Das Schelfeis wiederum stützt die Gletscher ab, die vom Inneren der südlichen Antarktischen Halbinsel zu deren Küsten fließen. Schmilzt das Schelfeis von unten, wird also auch die Stütze schwächer, die Gletscher strömen schneller Richtung Meer und werden dünner. Tatsächlich beobachtet Cryosat-2 bereits heute mehr als hundert Kilometer von der Küste entfernt deutlich geringere Eisdicken. „Aufhalten lässt sich diese Entwicklung kaum noch“, prognostiziert Helm. Vielmehr könnten sich das große Schmelzen beschleunigen und auch benachbarte Regionen ergreifen.

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