Kolumne „Kinderkram“ Ab in die Box!

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Stuttgart - Es geht an dieser Stelle um Stauraum. Stauraum ist neben einem Vorrat an Süßigkeiten (für Kinder) und Rotwein (für Eltern) das wichtigste Hilfsmittel, entscheidende Phasen der Elternschaft zu überleben. Denn es ist ja kein Zufall, dass sich Kinder für sogenannte Wimmelbilder begeistern. Da wuselt und krabbelt es, da entfaltet sich das ganze Weltenpanorama wie in einer arkadischen Trompe-l’Œil-Malerei.

Diese Perspektive entspricht ganz dem kindlichen Denken, das alles Parallele, Geordnete, ja das Aufgeräumte an sich einer fraktalen Verteilung opfert. Anders gesagt, das Kinderzimmer ist ein einziger Saustall. Halb ausgetrunkene Flaschen, in denen grüne Inseln schwimmen, Puzzleteile, verstaubte Reste eines Dinosaurier-Ausgrabesets, Bügelperlen, Hefte, Unterhosen, Bücher (die hätten wir schon längst in die Bibliothek zurückgeben müssen), Bleistifte, Buntstifte, Kuscheltiere – Sie möchten etwas aus eigener Anschauung ergänzen? Bitte sehr: ah, eine Vesperbox samt angebissenem Inhalt. Und, genau: Legoteile, die sich gemäß einer perfiden Systematik in den unzugänglichsten Winkeln des Raumes verteilen. Sammelbilder! Teile von Sammelbildern! Plastikfiguren! Flummies! Kaugummis (frisch und zerkaut)!

Die Wahrheit lautet: Es gibt keine Lösung

Einer gängigen Theorie zufolge verbinden sich diese Dinge auf geheimnisvolle Weise mit dem normalen, von der Straße eingeschleppten Dreck zu einer fruchtbaren Melange und – wir können es nicht beweisen, glauben aber daran – vermehren sich in diesem freundlichen Milieu.

An dieser Stelle würde ein Fachmagazin für moderne Eltern pragmatische, gleichwohl ästhetisch befriedigende Lösungen anbieten, mit denen das Problem des zugemüllten Kinderzimmers ein für allemal einer Lösung zugeführt werden kann. Nur, leider, sind wir kein modernes Elternmagazin, sondern der Wahrheit verpflichtet, und die heißt: Es gibt keine Lösung. Es gibt allenfalls einen Akt der Verzweiflung, und damit sind wir wieder am Anfang der Geschichte. Stauraum. Stauraum wird geschaffen, indem man große Kisten und Boxen kauft und alles hineinschleudert, was herrenlos im Zimmer liegt und sich einer eindeutige Zuordnung verweigert. Nein, die Kinder sollte man zunächst nicht hineinstopfen. Skeptiker wenden ein, man erkaufe sich damit nicht mehr als einen kurzen Zeitgewinn. Sie haben recht. Selbst wenn das ganze Kinderzimmer als Sammelbehälter betrachtet wird, die Verboxung also ihre sinnvolle Vollendung erfährt, kommt der Moment, in dem Eltern die Räume ihrer Kinder betreten müssen. Das Rumpeln, das Sie in Ihrer Nachbarschaft hören, stammt also nicht von den Geländewagen der Mittelschichtmütter, sondern von dem sich aus der geöffneten Kinderzimmertür ergießenden Müll.

Wer jetzt glaubt, er habe andere Sorgen, seine Kinder seien mit falschen Freunden unterwegs, brächten schlechte Schulnoten, seien reizbar und verschlossen, dem sei hier der Kauf einer Box empfohlen, in die all diese Alltagsbeschwerlichkeiten geschleudert werden. Wir müssen allerdings noch recherchieren, wo es Kisten in der Größe gibt.