Kolumne zum Kunstkalender „Kesselsafari“ Die Nackten von Stuttgart

Von Uwe Bogen 

Die einen lassen die B 14 sperren, die anderen die Hosen runter. Der Nacktkalender von Stuttgarter Künstlerinnen soll ein Manifest für Natur und „gegen Staus und Dreck“ werden. Unser Kolumnist Uwe Bogen appelliert an die Träumer von der autofreien Stadt: Bitte nicht alle nachmachen!

Als Steinböcke auf dem Birkenkopf für den Kunstkalender „Kesselsafari“. Foto: Daniela Wolf 5 Bilder
Als Steinböcke auf dem Birkenkopf für den Kunstkalender „Kesselsafari“. Foto: Daniela Wolf

Stuttgart - Ja, sie haben es wieder getan. Sie haben sich wieder nackig gemacht.

Seit Wochen ziehen Studierende und Dozierende der Kunstakademie Stuttgart quer durch die Stadt, um für ihren Kalender „Kesselsafari“ Freiwillige als Großstadttiere abzubilden. Tiere tragen keine Kleider. Am vergangenen Sonntag haben sich fürs Fotoshooting erst 35 nackte Steinböcke auf dem Birkenkopf versammelt und danach nicht ganz so viele nackte Wölfe im Stadtgarten zwischen Universität und Liederhalle.

Als ein Fotograf der „Bild““-Zeitung auf dem 511 Meter hohen Berg, dem höchsten Punkt im inneren Stadtbezirk, auftauchte, weigerten sich einige, sich auszuziehen. In diesem Blatt wollten sie nicht erscheinen. Ines Witka, Autorin des Erotikromans „Perle um Perle“, setzte die Brille ab und postierte sich ganz hinten, um nicht erkannt zu werden. Belustigt stellte die 57-Jährige fest: „Die Götter mögen nackte Menschen.“ Denn die Sonne brach just in jenem Moment durch die Wolken, als das Shooting begann.

Für viele war’s „bisschen ein Abenteuer“

Die Schriftstellerin hatte es offengehalten, ob sie mitmacht. ,,Es wirkt ansteckend, wenn alle die Hüllen fallen lassen“, sagt sie. Erst kraxelten die Frauen und Männer im Alter von Mitte 20 bis Mitte 60 in Bademänteln in den Kriegstrümmern des „Monte Scherbelino“ herum. Auf Zuruf zogen dann alle für fünf Minuten blank. „Lustig“ fand’s Ines Witka. Für sie war’s „bisschen ein Abenteuer“.

Familien blieben stehen. Künstlerin Justyna Koeke warnte die Eltern vor dem, was gleich passieren werde. „Die fanden es toll“, berichtet sie. Auch die Polizei schaute vorbei. „Die Beamten ließen uns gewähren“, freut sich Koeke, „sie wollten quasi nur Hallo sagen.“

Bitte, es geht in dieser Sache um mehr als nur um blanke Hintern. Es geht um das große Ganze, peng! Die Organisatorin Marie Lienhard erklärt den unverhüllten Aufbruch so: „Stuttgart braucht einen wilden freizügigen Kalender, der ewigen Baustellen, Betonlandschaften und verschwindender Natur entgegentritt!“ Die Aktion „Kesselsafari“ wolle die Stadt „von der wilden grünen Naturseite“ zeigen. Die Kalendermacherinnen haben „die ständigen Staus, die vielen Autos und die dreckige Luft satt“.

Die einen lassen die B 14 für Autos sperren, die anderen die Hosen runter.

Nacktsein ist keine Straftat

„Die Menschen, schlüpfen in die Rolle der wilden Tiere“, erklärt Marie Lienhard: „Sie entdecken den urbanen Dschungel und suchen grüne Stellen, die in unserer Stadt übrig geblieben sind.“

Nacktsein ist keine Straftat, auch in der Öffentlichkeit nicht. Nur, wenn sich jemand gestört fühlt oder unfreiwillig zum Objekt von Erregung und sexueller Lust wird, wird’s ein Fall fürs Gericht.

Es gibt Nacktwanderwege, Nacktcampingplätze, Nacktyoga. Freunde von all dem rühmen die „paradiesische Stimmung“ dabei, das habe „nichts Anrüchiges“. Die deutsche Freikörperkultur stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie hat nichts mit Erotik zu tun, sondern mit Naturliebe, sagen die Nudisten.

Bitte nicht alle nachmachen!

Die Kunstgeschichte ist reich an nackten Figuren. Die Nymphe oder der Satyr werden stets unbekleidet dargestellt. Wundern wir uns also nicht, dass sich die Kunstschaffenden der Stadt herausgefordert fühlen. Nicht immer muss es sich dabei um exhibitionistische Störungen handeln, kann aber. „Lieber nackt als im Pelz“, lautet ein bekannter Slogan. Für Stuttgart lässt sich sagen: Lieber nackt als im Auto Staus produzieren.

Aber bitte, liebe Träumer von der autofreien Stadt, jetzt nicht alle nachmachen!