Kommentar zu Managergehältern Es fehlt das Maß
Michael Heller, 22.02.2013 21:32 Uhr
Martin Winterkorn ist Vorstandschef bei VW.Foto: dpa
Stuttgart - In einer Hinsicht ist die Neuordnung des Vergütungssystems bei VW wirklich bemerkenswert. Vorstandschef Martin Winterkorn verzichtet auf Bezüge, die ihm laut Vertrag eigentlich zustehen. Damit zeigt der 65-Jährige immerhin, dass er anders als so mancher Managerkollege nicht völlig die Bodenhaftung verloren hat. Natürlich tut dem gebürtigen Leonberger der Verzicht nicht weh, schließlich verbleiben ihm 14,5 Millionen Euro. Deshalb muss ihn auch niemand mit Lob überschütten. Aber Winterkorn grenzt sich von Managern wie dem bisherigen Chef des Pharmakonzerns Daniel Vasella ab, der 58 Millionen Euro erhalten sollte, ohne etwas dafür tun zu müssen. Solche Exzesse gefährden die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems.
Nun ist VW nicht Novartis. In Wolfsburg hat die öffentliche Hand Anteile, und der Anspruch, ein in sozialer Hinsicht vorbildliches Unternehmen zu sein, wurde dort immer hoch gehalten. Aber auch bei VW sind die Verhältnisse aus der Balance geraten, fehlt das Maß. Niemand bestreitet, dass Winterkorn gute Arbeit leistet. Aber welchen Anteil am Erfolg hat er – zum Beispiel im Vergleich zu den Weichenstellungen von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch? Niemand weiß das.
Manager sollten sich nicht an Fußball- und Filmstars orientieren, sondern an der Belegschaft. Ernst Abbe hat einst im Zeiss-Statut festgelegt, dass auch der Chef nicht mehr als das Zehnfache des Jahreslohns eines Arbeiters verdienen soll. Übertragen auf VW wären das etwa 420 000 Euro. Realistischer ist es womöglich, an die Verhältnisse in den USA bis Ende der siebziger Jahre zu erinnern. Ganz ohne Gesetz pendelten sich die Regeln in der Praxis so ein, dass niemand mehr als das Vierzigfache eines Durchschnittsverdieners erhielt. Für Winterkorn wären das immerhin 1,7 Millionen Euro. Das ist auch nicht wenig.



Verantwortung
Werter Alt-Sozi, vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Es wäre überaus bedauerlich, wenn Menschen, die sich um die Arbeit in unserem Land Gedanken machen, nicht wenigstens irgendwo eine gemeinsame Basis fänden. In meinen Augen ist diese gemeinsame Basis jenseits ideologischer Prägungen die Verantwortung für sich selber, seine Nächsten und für die Gesellschaft. Es gibt die von Ihnen angesprochenen, nach allen Seiten von ihrer Verantwortung befreiten, weil abgesicherten Manager. Unter denen gibt es aber auch solche wie Herrn Winterkorn, der mit seiner Arbeitsleistung, seinen Ideen, seinen Strategien und Visionen Hunderttausenden sichere Arbeitsplätze verschafft. Und dann gibt es noch die Self-Made-Unternehmer wie beispielsweise den viel gescholtenen Herrn Herrenknecht, der mit einer Idee, eigenem Kapital und viel Mut zum Risiko ein Unternehmen aufgebaut hat, das mehreren Tausend Menschen und Familien ein Auskommen ermöglicht. Solche Menschen müssen wir als Gesellschaft loben. Bei denen, die medienwirksam ein Kirchendach in Berlin vergolden lassen, bin ich schon eher etwas zurückhaltender. Aber die Absahner in diesen Reihen, die gar nichts außer ihrem Job tun, sind aus meiner Sicht ein Thema. Beim Billiglohnthema sehe ich uns eher alle gefordert. Mit einem Klick im internet bekomme ich die Ware punktgenau am nächsten Tag um zehn Uhr ins Haus geliefert. Und das nur für ein paar Euro zusätzlich. Sachen, die ich möglicherweise aus Zeitmangel gar nicht sofort genießen kann. Für die sich aber ein Mensch krumm gemacht hat, nur damit ich sie rumliegen lassen kann. Jede/r, der/die möglichst viel für möglichst wenig haben will, muss akzeptieren, dass er/sie damit den modernen Sklavenhandel unterstützt oder bestenfalls nicht deklariertes Eselfleisch zu essen bekommt. Oder anders herum: die Dinge brauchen wieder einen Wert. Freundliche Grüße vom weiten Land.
@Interessierter vom Land
Werter Interessierter, da liegen wir ja nicht so weit auseinander. Ihr Zitat 'Woran ich appelliere ist, in dieser Gesellschaft einen Konsens zu finden, wohin sich diese entwickeln soll, verbunden mit der Verpflichtung aller, an diesem Ziel zu arbeiten. Und denjenigen, die meinen, sich dieser entziehen zu müssen - entweder durch Steuerhinterziehung oder durch Sozialbetrug - klare Grenzen aufzuzeigen. ' könnte von mir sein :-). Ich selbst benutze 'Besserverdiener' auch nicht als Schimpfwort. Wer sein Geld VERDIENT, soll es auch bekommen. Auch das gilt aber für die sog. kleinen Leute genauso wie für die 'oberen Zehntausend'! Solange Millionen von Menschen in diesem reichen Land nicht von einer vollen Stelle leben und ihre Familie ernähren können, solange sind Gehälter, die die Millionengrenze deutlich überstiegen (und auf eine oder zwei Millionen kommt es mir hier nicht an) einfach nur obszön. H. Winterkorn und VW ist da vielleicht das unpassendere Beispiel, andere kriegen zwar nicht so viel Geld, sind aber noch raffgieriger. Aber irgendwo muss einem doch der Anstand sagen, dass ein durch Haftpflichtversicherungen abgesicherter angestellter Manager nicht das 400fache des Durchschnittslohns eines seiner Mitarbeiter kassieren darf, während anderswo Menschen mit 3,50 € in der Stunde abgespeist werden. Freundliche Grüße aus der großen Stadt!
Danke Herr Heller, ein treffender Kommentar
Allein die Überschrift trifft genau den Kern dieser, schon seit Jahren andauernden Auswüchse in unserer Gesellschaft, nicht nur in Deutschland und schon lange nicht nur auf Managergehälter begrenzt. Besonders im Bereich Sport und Unterhaltung gibt es ähnliche Auswüchse. Sicher, der VW Konzern ist neben einigen Anderen im Land, fast schon ein Vor-bildbetrieb, in denen das Gehaltgefüge weitgehend noch von Verantwortung und Fairness geprägt ist. Aber ist das Wirklich so, wie sieht die Situation der Leiharbeiter aus oder in den unzähligen Zuliefer-Firmen oder in den Produktionsbetrieben im Ausland ? Ich will diese bedenkliche und gefährliche Entwicklung gar nicht an VW festschreiben, das wäre genau so albern als wäre Amazon die einzige Firma am anderen Ende dieser Problematik. Die Kernursache ist, WIR (Politik und Gesellschaft) lassen Regularien und Strukturen zu, die solche Exzesse legal möglich machen. Mir ist auch klar, Deutschland ist schon lange keine Insel mehr und es ist (fast) unmöglich in einer weltweit verwobenen Wirtschaft verbindliche, kontrollierbare und vor allem sanktionierbare Standards zu schaffen. Wir haben es ja gerade erlebt, wie zäh dieser Prozess allein in Europa abläuft.(Stichwort Transaktionsteuer). Bleibt uns wirklich nur die beinahe hilflose Alternative und in jedem Einzelfall an Verantwortung, Ethik und Moral zu appellieren und damit auf Bescheidenheit zu hoffen. Das mag vielleicht im Einzelfall auf Einsicht stoßen, aber vorwiegend bei der Generation, die noch geprägt wurde von einer Bundesrepublik mit soliden und fairen Wertekompass u.a. mit Verantwortung und sozialen Gewissen. Man muß kein LINKER Fundamentalist sein um zu erkennen, dass dies markante Indizien für eine Fehlentwicklung sind, die mittelfristig sogar den soziale Frieden bedrohen, denn die Vorstufe davon ist, wie es im Artikel steht, “solche Exzesse gefährden die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems“. Übrg., um es klar zu sagen, ich lasse mir bei dieser Diskussion nicht von irgendwelchen dümmlich-neidischen Gedanken leiten, es macht mir eher große Sorge um den Zusammenhalt und die Zukunft unserer zivilen Gesellschaft. Und um auch das zu sagen, es muss sogar Unterschiede geben, um Anreiz für faire und verantwortungsvolle Leistung zu schaffen, ABER, es ist wie mit dem Salz in der Suppe oder wie es in der Überschrift steht, eine Frage des Maßes.