Kongress in Stuttgart Sprache als den Schlüssel zum Bildungserfolg

Von ral 

Politiker und Wissenschaftler sehen die Sprache als den Schlüssel zum Bildungserfolg. Den Grundstein sollen die Erzieherinnen in der Kita legen. Sie stehen durch die Kleinkindbetreuung vor ganz neuen Aufgaben.

Das ist ein Schiff. Wie Kinder Gegenstände und Wörter zusammenbringen, ist ein Thema des Kongresses. Foto: dpa
Das ist ein Schiff. Wie Kinder Gegenstände und Wörter zusammenbringen, ist ein Thema des Kongresses.Foto: dpa

Stuttgart - Sprache ist der Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit und den Erzieherinnen in den Kindertagesstätten kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Diese Erkenntnis teilen Wissenschaftler wie Politiker. „Wir wollen ungleiche Startbedingungen möglichst früh ausgleichen“, erklärte Kultusstaatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD) am Donnerstag zum Auftakt des Kongresses „die hundert Sprachen der Kinder“ in der Stuttgarter Liederhalle.

Der Bildungsforscher Marcus Hasselhorn vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hält das für dringend geboten. Die Sprachkompetenzen der Kinder bei Schuleintritt ließen bereits „eine gute Vorhersage über die spätere Schulentwicklung“ zu. Hasselhorn fordert also, „wir müssen alles tun, die Potenziale vor dem Schuleintritt so gut wie möglich zu heben“.

Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer sieht in den Erzieherinnen sogar diejenigen, die verantwortlich seien für die Zukunft von Städten und Gemeinden. „Sie vollbringen Pionierleistungen in den Kitas“, würdigte Fezer die Tätigkeit der Erzieherinnen und der wenigen Erzieher, die jedoch in der Gesellschaft noch immer unterbewertet werde.

Wertschätzung für Erzieherinnen

Als Zeichen der Wertschätzung sollten die rund 500 Teilnehmer auch den zweitägigen Kongress sehen, den das Kultusministerium und die Stadt ausrichten. Er dient der Weiterentwicklung der Qualität in den Tagesstätten. Es habe sich nicht nur zahlenmäßig, sondern auch qualitativ einiges getan in der Sprachförderung in den Kitas, lobt die Mannheimer Sprachforscherin Rosemarie Tracy, die die Stadt und das Land seit langem in der Sprachförderung begleitet.

Die schönsten wissenschaftlichen Erkenntnisse ließen sich jedoch nur im richtigen Rahmen umsetzen, mahnt Tracy. Dazu gehören kleine Gruppen und Zeit, damit sich Kinder auch ausführlich äußern könnten, denn, so Tracy: „Sprachförderung funktioniert nicht im Chor“.

Das Land lässt sich nicht lumpen. Das Sprachförderprogramm Spatz wurde bereits im Sommer ausgeweitet, die Gruppen werden verkleinert, die Antragsverfahren vereinfacht. 21 Millionen Euro gebe das Land im Jahr für die Sprachförderung aus, sagte Marion von Wartenberg. In den Jahren 2015 und 2016 kämen jeweils 1, 2 Millionen hinzu, um die steigende Zahl von Flüchtlingskindern fördern zu können.

In die Fortbildung von Erzieherinnen fließen jedes Jahr zehn Millionen Euro, sie verteilen sich auf die Schwerpunkte Sprachförderung, Medienbildung, Elternarbeit und auf die Inklusion.

Neue Aufgaben durch die Kleinkindbetreuung

In der Sprachförderung ergeben sich für die Erzieherinnen neue Herausforderungen. Kleinkinder in der Krippe brauchen andere Anregungen als Kindergartenkinder. Dabei ändern sich auch die wissenschaftlichen Ansichten. Rieten Sprachförderer früher ausländischen Eltern dazu, zuhause möglichst Deutsch zu sprechen, gilt heute, „zuhause die Muttersprache, in der Kita Deutsch“, erklärt Rosemarie Tracy.

Neu betrachtet wird ebenso die so genannte Ammensprache im Umgang mit Kleinkindern. War der „ei dei dei“- Singsang in den Achtzigerjahren verpönt, so empfiehlt die Heidelberger Entwicklungspsychologin Sabina Pauen heute, „Babys möchten am liebsten angesungen werden. Der Singsang ist gut für die Sprachentwicklung und gut für die Beziehung, machen Sie’s einfach“.

Schon mit sieben Monaten erwarten Kleinkinder dagegen natürliche Sprechpausen, dann rät die Forscherin dazu „freundlich, deutlich, langsam und mit natürlichen Pausen“ mit den Kindern zu reden. Wenn die Kinder dann selbst sprächen, komme es darauf an, sensibel zu korrigieren. „Nicht die falsche Form wiederholen, sondern die richtige Form vorsprechen“, sagt Pauen. Also nicht sagen, „es heißt nicht, der Papa hat gelügt“. Sondern, „meinst du der Papa hat gelogen?“

Jeder Dritte braucht Förderung

Die Landesregierung geht davon aus, dass 30 Prozent der Kinder eines Jahrgangs intensive Sprachförderung benötigen. Häufig sind Migranten betroffen, doch auch in vielen deutschen Familien laufe die Kommunikation über Zwei-Wort-Sätze, sagt Uli Simon, der pädagogische Leiter des Stuttgarter Jugendamts.

Laut Statistischem Landesamt wird bei 21 Prozent der 396 100 Kinder, die im März 2013 eine der 8400 Kitas besuchten, zuhause vorwiegend nicht deutsch gesprochen.

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2 KommentareKommentar schreiben

Chancen nutzen: Sie haben Recht, Herr Krause. Von der Verantwortung der Eltern hört man seitens der Politiker selten mal ein Wort. Umso wichtiger ist deshalb, dass die Kitas ihre Chancen wahrnehmen und mit den Kindern viel singen (fördert das sprachliche Gedächtnis), ihnen viel vorlesen (trainiert die Aufmerksamkeit und vermittelt die Hochsprache) und in vollständigen Sätzen mit ihnen reden, wobei flüssiges Reden in der Mundart einem aufgepfropften und fehlerhaften Hochdeutsch vorzuziehen ist. Der Dualismus von Mundart und Hochsprache bildet jedenfalls eine ausgezeichnete Grundlage für die Herausbildung eines gehobenen Sprachgefühls.

Wo bleibt: die Verantwortung der Eltern? Diese sind zuvörderst für die Bildungschancen ihrer Sprößlinge verantwortlich. Krippe, kita und Grundschule sind keine Reparaturbetriebe für integrationsunwillige Eltern.

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