Konzertwochenende in Stuttgart Und jeder kocht sein Süppchen

Von Michael Werner, und Ulrich Kriest 

In Stuttgart und der Region war musikalisch ordentlich was los: Bob Dylan war in Bad Mergentheim, die Ärzte in der Schleyerhalle – und dann gab es noch die Jazz-Open.

Die Ärzte in der Schleyerhalle mit  Bela B. am Schlagzeug Foto: Heinz Heiss 9 Bilder
Die Ärzte in der Schleyerhalle mit Bela B. am Schlagzeug Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Wer regelmäßig Konzerte von Bob Dylan besucht, entwickelt unweigerlich eine Leidenschaft für das Fährtenlesen: Warum legt der 71-Jährige im Schlosshof von Bad Mergentheim seinen für gewöhnlich unverzichtbaren Hut auf die Hut­ablage, als er die Bühne betritt? Warum setzt er ihn erst bei Song Nummer 14 auf, einer diabolisch-düsteren, mit dem ausnahmsweise zur Stimme geschalteten Echo vollends ins Apokalyptische kippenden, grandiosen Version von „Ballad of a thin Man“? Warum rammt er ein experimentelles Jazzpiano-Solo in „Highway 61 revisited“ und eines der Honky-Tonk-Gattung in „The Levee’s gonna break“? Und warum reist er seit Neuestem überhaupt mit einem Konzertflügel, wo er ihn doch nicht wesentlich verschwenderischer spielt als seine viel handlicheren Mundharmonikas, auf denen er die Geheimnisse des Überlebenskampfes zuweilen schlüssig mit zwei verschiedenen Noten erklärt.

Antwortversuche auf Fragen dieser Art werden seit einem halben Jahrhundert mit viel Bedeutsamkeit aufgeladen, wo doch die naheliegendste Antwort lautet: Weil Dylan Lust drauf hat. In Bad Mergentheim hat er vor allem Lust auf Klavier, viel Klavier, lautes, angeschrägtes Saloon-Klavier. Und so schwer es fällt, sich einen besseren Songwriter als Bob Dylan vorzustellen, so leicht fallen einem doch ein paar versiertere Pianisten ein. Und Dylans Stimme klingt mittlerweile nach einem kraftvoll röchelnden Zwischending aus einem betagten Traktor am Berg und einer waidwunden Raubkatze.

Bob Dylan, der Weise mit der Wundertüte

Und was macht Dylan daraus? Eine Offenbarung, wieder mal. Weil sich diese sagenhaft ausdrucksstarke Stimme mit bewegender Selbstverständlichkeit in die Musik seiner fantastischen Band fläzt und sie dann wieder rüde zerhackt. Weil wieder mal alles neu ist: die Hutlosigkeit, das Klavier, die Arrangements, der Sound, der Fokus. Der Weise mit der Wundertüte, der längst aufgehört hat, nach den endgültigen Versionen seiner Songs zu suchen, zerschreddert „Tangled up in Blue“ und macht so eines seiner bedeutendsten Lieder zum Soundtrack einer hinreißenden Crooner-Comedy. In „Desolation Row“ klimpert er kinderliedhaft und spuckt die Zeile, die besagt, dass jemand den Tod als „ziemlich romantisch“ empfinde, fast höhnisch ins Mikrofon. Im zurückgenommen liebkosten „Sugar Baby“, im umso explosiver herausgefauchten „High Water“, und im dämonisch gedehnten „Love sick“ gelingen ihm Momentaufnahmen für die Ewigkeit, die er bald wieder zerfetzen und übermalen wird.

Bob Dylan zelebriert in Bad Mergentheim knapp zwei Stunden lang lustvolles und entdeckungsfreudiges Songrecycling auf allerhöchstem Niveau. Null Nostalgie, hundert Prozent heute. Sogar in „Blowin’ in the Wind“, der Zugabe, während der er den Flügel verlässt, zur Bühnenmitte spaziert und dort mit der Mundharmonika die Erwartungen martert, denen er sich seit einem halben Jahrhundert virtuos entzieht. Bob Dylans Musik schneidet ins Fleisch. Nicht immer noch, sondern immer mehr. Wow!

Bei den Stuttgarter Jazz-Open wird ebenfalls viel geboten

Weich und Hart, Balladen und Tempostücke, etwas R&B und etwas Nu Soul: Jill Scott macht das am dritten Tag des Festivals „Jazz Open“ mit ihrer Musik auf dem Schlossplatz nicht schlecht, aber auch nicht so, dass da etwas zu verpassen gewesen wäre. Sie hat Grammys, Erfolg und ein paar funky Rhythmen. Es ist dies moderne Musik mit ein paar hübsch arrangierten Auf- und Abgeregtheiten. Geht so.

Doch dann Melody Gardot, die im eher altmodischen Bar- und Nachtclubjazz zu vermuten wäre. Die Amerikanerin hatte einst einen schweren Unfall, bei dem sie erhebliche Kopf- und Beckenverletzungen erlitt. Seither ist sie auf einen Stock beim Gehen und auf eine dunkle Brille angewiesen, um sich vor zu starker Lichteinwirkung zu schützen. Sie macht Musik, die aus dem Schmerz kommt. Lasziv, sinnlich, und gut phrasiert, sie spielt Klavier und Gitarre. Acht Jahre ist ihr Unfall her. Für ihre neuen Songs ist sie um die Welt gereist, hat versucht, deren Einflüsse aufzunehmen. „Es gibt so viele Sprachen und so viele Kulturen, aber es ist doch immer wieder erstaunlich, wie ähnlich sich die Musiken der ganzen Welt im Geiste sind.“ Das hat sie gesagt und auch in diesem Geist ihr neues Album aufgenommen.