Kreis Ludwigsburg Die Pflastersteine des Anstoßes

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Historische Altstädte sind reizvoll, aber leider ist der Bodenbelag für Senioren und Behinderte oft zu holperig. Deshalb suchen viele Städte nach Lösungen – mit mehr oder weniger Erfolg.

Ganz schön holperig: die Altstadt von Vaihingen/Enz Foto: factum/Granville
Ganz schön holperig: die Altstadt von Vaihingen/EnzFoto: factum/Granville

Kreis Ludwigsburg - Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen: wer mit mehr als seinen zwei Beinen in einer historischen Altstadt unterwegs ist, kann das hübsche Ambiente oftmals nicht richtig genießen. Denn als die Städte und Gemeinden vor gut 20 Jahren ihre Fußgängerzonen optisch aufmöbelten, dachten die wenigsten an unerfreuliche Themen wie Behinderung oder den demografischen Wandel der Gesellschaft. Dank der historischen Pflasterung sind viele Altstädte zwar hübsch, aber holperig, wie vielerorts Behinderten- und Seniorenvertreter kritisieren. Fast überall wird deshalb zurzeit über Verbesserungen diskutiert.

In Besigheim hat sich laut dem Bürgermeister Steffen Bühler inzwischen gar eine Asphaltfraktion im Gemeinderat gebildet. Sprich: ein harter Kern von Stadträten will die Barrierefreiheit im historischen Ortskern per Handstreich und Betonmischer lösen. Bühler ist strikt dagegen. „In der guten Stube sollte der Charakter der Stadt erhalten bleiben.“ Wie der Erholungsort allerdings einen Kompromiss zwischen altem Gemäuer und alten Menschen schaffen kann, weiß der Rathauschef auch nicht so recht.

Mancherorts gibt es Materialprobleme

Denn Besigheim hat ein Materialproblem. Einerseits an der Hauptstraße, wo der unlängst verlegte Sandstein „dort, wo er ganz ist, gut zu befahren ist“. Allerdings hapert es mit der Stabilität (siehe „keine Einigung im zermürbenden Materialstreit“) – und zwar auch rund um die Kirchstraße. Dort liegt Pflaster aus Porphyr, das nicht nur ausgesprochen uneben ist, sondern sich auch noch immer wieder lockert. „Die Kritiker beklagen, dass andauernd der Bauhof anrücken muss“, sagt Bühler. Eine Neupflasterung in Etappen sei aber schwierig, da es auf dem Markt kaum Material im selben Farbton gebe.

Auch in Marbach hat man mit dem Porphyr zu kämpfen. Das Material sei bei Denkmalschützern sehr beliebt, werde aber beispielsweise von Autos leicht aus ihrer Halterung gedreht, beklagt der Bürgermeister Herbert Pötzsch. Der Bauhof habe die Fugen inzwischen mit Zement stabilisiert. „Das sieht aber echt bescheiden aus“, findet er. Auf lange Sicht führe wohl kein Weg daran vorbei, einen Bodenbelag aus größeren Granitplatten zu verlegen – ähnlich wie vor der neu gestalteten Stadthalle auf der Schillerhöhe.

Bietigheim hat die Sache im Griff

Guter Rat ist teuer – Lösungen aber auch. In der Bietigheimer Altstadt hat die Verwaltung in den vergangenen vier Jahren einen rund 2,50 Meter breiten Geh- und Fahrstreifen mit glattem, breiterem Pflaster gebaut. Kostenpunkt: 1,1 Millionen Euro. Einen ähnlichen Weg geht man auch in Nürtingen (Kreis Esslingen). Der Weg vom Rathaus über den Marktplatz in die Innenstadt wird dort zur nächsten Bausaison mit speziellen, etwa 10 mal 15 Zentimeter großen Granitsteinen gepflastert. Der habe insbesondere den Vorteil, dass der Fugenabstand nur etwa vier Millimeter groß sei, erläutert Gerhard Linder, stellvertretender Tiefbauamtsleiter. Örtliche Vertreter des „Forums Handicap“ hätten den Belag für überaus tauglich befunden. „Ich denke, dass wir mit diesem Material in den nächsten Jahren weiter arbeiten.“

So weit ist die Stadt Vaihingen/Enz noch längst nicht. Auf Antrag der FDP-Fraktion kam hier die Barrierefreiheit auf die Tagesordnung. Nach einem Selbstversuch mit Rollatoren stellten Verwaltung und Stadträte der Innenstadt das Zeugnis „mangelhaft“ aus. Selbst die Idee, das Pflaster nachzuverfugen, steht seitdem im Raum. „Mit so etwas muss man vorsichtig sein in einer Altstadt“, findet der Oberbürgermeister Gerd Maisch. Die Fußgängerzone hat leider ein planerisches Grundproblem. Leider wurden größere Pflastersteine nicht wie in Bietigheim in die Mitte, sondern an den Rand zu den Schaufenstern gelegt. Und dort stehen heute Tische für Außenbewirtung und Waren von Händlern.

Wie es weitergeht, soll jetzt ein Arbeitskreis entscheiden. Zudem wurde ein Planungsbüro beauftragt – dasselbe übrigens, das die Ideen für die heutige Gestaltung der Fußgängerzone hatte.

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