Küche Die Geheimrezepte türkischer Mütter

Von Markus Reiter 

Dem Koch Orhan Tançgil geht es mit seinem Blog „Koch dich türkisch“ um mehr als Rezepte.

So schwer kann das doch nicht sein . . . Auf „Koch dich türkisch“ lernt der Hans vom Orhan, wie Sigara böregi gelingen. Foto: dpa, WDR
So schwer kann das doch nicht sein . . . Auf „Koch dich türkisch“ lernt der Hans vom Orhan, wie Sigara böregi gelingen.Foto: dpa, WDR

Stuttgart - Ganz reibungslos gehen Deutschen ohne Türkischkenntnisse die Namen türkischer Gericht noch nicht über die Lippen. Aber das Wasser läuft einem trotzdem im Mund zusammen „Zeytinyağlı Taze Fasulye“ spricht man zum Beispiel „sejtinnjahleh taase faßullje“ aus. Es handelt sich um grüne Bohnen in Olivenöl, mit frischen Tomaten und glasierten Zwiebeln – ein praktisches Gericht, das man warm und kalt essen und mehrere Tage aufbewahren kann. Oder wie wäre es mit „mam bayıldı“, gefüllten geschmorten Auberginen? Der Name bedeutet „Der Imam fiel in Ohnmacht“ – vermutlich, weil es ihm so sehr mundete. Im Türkischen kann das Wort „bayıldı“ auch einfach nur „entzückt” heißen. Das lässt auf einen melodramatischen Nationalcharakter schließen.

Solche kleinen Geschichten samt Landeskunde haben dem Blog „Koch dich türkisch“ von Orhan Tançgil zum Erfolg verholfen. Inzwischen gibt es unter dem Label Kochbücher, regelmäßige Fernsehauftritte im Nachmittagsmagazin des WDR, Kochkurse, Weinverkostungen und einen kleinen Laden in Düsseldorf. Und außerdem viel Lob für das Projekt mit dem Untertitel „Türkisch Kochen auf Deutsch“, denn die Deutschen können gut integriert werden – in die türkische Küche. Das hat ja mit den italienischen Spaghetti ebenfalls geklappt.

Begonnen hat die Story von „Koch dich türkisch“ in Stuttgart. Orhan Tançgil, Sohn türkischer Eltern, ist zwar im Rheinland aufgewachsen, in Stuttgart studierte er aber dann Verlagswirtschaft und -herstellung an der Hochschule der Medien, später arbeitete er bei einer PR-Agentur im Stuttgarter Westen als Berater für digitales Publizieren. Zur schwäbischen Küche fand er schnell Zugang, Zwiebelrostbraten mag er bis heute. Aber etwas fehlte ihm. Manchmal packte ihn einfach die Sehnsucht nach den Gerichten, die seine Mutter zu Hause auf den Tisch stellte. Um Döner nämlich handelte es sich dabei nicht.

Erste Beiträge veröffentlichte er in seinem Blog

Zunächst kaufte er türkische Kochbücher. Doch die waren für Junggesellen wie ihn nicht gemacht; sie sollten wohl eher türkischen Hausfrauen als Gedächtnisstütze dienen. Was sollte ein Kochanfänger wie er auch mit Anweisungen anfangen wie: „Bereite den Teig, bis er fertig ist“? Also rief er bei seiner Mutter an und fragte nach den genauen Rezepten. Ihre erste Reaktion: „Suche dir eine Frau, die das kann!“ Schließlich ließ sie sich doch breitschlagen und rückte ihre Familienrezepte raus.

Tançgils Freunde waren vom Selbstgekochten begeistert. Im Januar 2007, noch in Stuttgart, veröffentlichte er den ersten Beitrag in seinem Blog „Koch dich türkisch“. Dort mischte er die Rezepte mit Anmerkungen und kleinen Geschichten aus dem deutsch-türkischen Alltag.

Der Titel ist programmatisch gemeint. „Das Interesse an Kochen und gutem Essen kann die ethnischen Spaltungen zwischen Türkischstämmigen und Deutschen überwinden und uns vereinen“, sagt Orhan Tançgil: „Integration geht durch den Magen.“ Das fanden auch andere. Der Internet-Koch und seine Freunde produzierten zunächst einen kleinen Wochenkalender mit den türkischen Rezepten. Er verkaufte sich glänzend.

Karrieresprung zum selbstständigen Verleger

Orhan Tançgil war inzwischen nach Düsseldorf gezogen und lernte dort seine Frau kennen, auch sie eine Deutschtürkin, die beide Kulturen gut kennt. Mit ihrer Unterstützung wagte er den Sprung vom angestellten Publishing-Manager zum selbstständigen Verleger. Ihr erstes Kochbuch „Sofralar – typisch türkisch tafeln“ finanzierten die beiden mit Crowdfounding-Geld und druckten es mit der für Kochbücher lächerlich geringen Startauflage von 1000 Exemplaren. Nach vier Monaten war sie ausverkauft.

Das mit dem „tafeln“ ist übrigens ein deutsch-türkisches Wortspiel. In der Türkei kommen nämlich sämtliche Gerichte gleichzeitig auf die Mitte des Tischs. Von dieser Tafel (auf Türkisch „sofralar“) kann sich jeder nehmen, was ihm schmeckt. Zum Frühstück zum Beispiel „cılbır“, pochierte Eier auf einem Joghurt-Bett, oder „sucuklu yumurta“, also Spiegelei mit Sucuk-Wurst. Dazu wird reichlich Çay serviert, also starker schwarzer Tee.

Ist die Integration der Deutschen gelungen?

Inzwischen gibt Orhan Tançgil regelmäßig Kochkurse. Rund zwei Drittel der Teilnehmer sind Deutsche, ein Fünftel deutsch-türkische Pärchen. „Wenn die deutsche Schwiegertochter von der türkischen Schwiegermutter für ihr türkisches Essen gelobt wird – dann ist das mein Ritterschlag“, sagt der Verleger und Kochbuch-Autor.

Und wann ist die Integration der Deutschen in die türkische Küche gelungen? „Wenn in deutschen Familien einmal im Monat türkisches Börek (Auflauf im Blätterteig) gemacht wird – so selbstverständlich wie heute Risotto oder Gnocchi.“ Schließlich haben sich umgekehrt die Deutschtürken längst die deutsche Küche angeeignet: Das Lieblingsgericht von Orhan Tançgils beiden Töchtern ist Schnitzel mit Pommes.