Kundgebungen in der Innenstadt Pegida ruft große Gegendemo auf den Plan

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Etwa 200 Anhängern der islamkritischen Pegida-Bewegung standen am Sonntag in der Innenstadt 4000 Demonstranten gegenüber. Sie waren einem Aufruf von mehr als 100 Organisationen gefolgt und gingen für Toleranz und gegen Rassismus auf die Straße.

Protest gegen die islamkritische Bewegung: zahlreiche Menschen haben in Stuttgart gegen Rassismus und für Toleranz demonstriert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 7 Bilder
Protest gegen die islamkritische Bewegung: zahlreiche Menschen haben in Stuttgart gegen Rassismus und für Toleranz demonstriert.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Dieses Bild hat es in der Stadt noch nicht gegeben: am Ende der Pegida-Kundgebung auf dem Kronprinzplatz werden die etwa 200 Teilnehmer in SSB-Bussen weggefahren. Mit diesem Schachzug wollte die Polizei ein Aufeinandertreffen der Islamkritiker auf dem Kronprinzplatz mit den Gegendemonstranten verhindern. Etwa 4000 Teilnehmer hatten vor der Pegida-Veranstaltung für Vielfalt und Toleranz, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Etwa 3000 blieben nach dem Ende der Kundgebung, um an den Absperrungen rund um den Kronprinzplatz die Bewegung, die sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennt, wissen zu lassen, was sie von ihnen denkt: „Ihr seid ein lächerlicher Haufen!“, skandierten sie während der eineinhalb Stunden dauernden Veranstaltung immer wieder in Richtung der Pegida-Anhänger. Fast 1000 Polizisten waren im Einsatz, um die Gruppen voneinander fernzuhalten.

Jene kehrten den Spieß um und beschimpften die Gegendemonstranten als „Faschisten“ und mit „Nazis raus“-Rufen. Unter den Pegida-Zuhörern waren meh­rere Personen, die dem rechtsextremen Spektrum angehörten. Das bestätigte auch die Polizei. Mehrere junge Männer gaben sich mit ihren T-Shirts als „Berserker Pforzheim“ zu erkennen. Diese Gruppe war neben anderen an den Ausschreitungen in Köln vergangenen Oktober beteiligt, die als „Hooligans gegen Salafisten“ auf die Straße gegangen waren.

Mehr als 100 Organisationen stehen hinter der Gegendemo

Hinter der Gegendemo standen mehr als 100 Stuttgarter Organisationen, Vereine, Parteien und Einzelpersonen, die man in dieser Geschlossenheit nicht oft für ein gemeinsames Ziel einstehen sehen wird. Das Spektrum reichte von den Anstiftern über Die Linke, Grüne, SPD, Deutschen Gewerkschaftsbund, Piratenpartei und Terres des hommes bis zu CDU und FDP. „Wir sind nicht hier, um gegen Pegida zu demonstrieren, sondern für Vielfalt, Gleichberechtigung und Teilhabe“, sagte Sara Alterio vom Forum der Kulturen vor den 4000 Teilnehmern. Ihr ging es nicht allein um die Bewegung, die vergangenen Herbst in Dresden ihren Anfang genommen hatte und in Baden-Württemberg bisher nur in Karlsruhe und Villingen-Schwenningen Fuß gefasst hat. Es sei ihr ein Anliegen, den Rassismus im Alltag nicht zuzulassen. Dieser beginne oft mit Sätzen wie: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber . . .“ Mit ihr riefen Nikolaus Landgraf (DGB) und Gökay Sofuoglu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, zu Toleranz auf.

Die Redner der Pegida-Veranstaltung widmeten wenige Worte ihrem eigentlichen Anliegen – der Furcht vor dem, was sie Islamisierung nennen. Vertreter der Pegidda-Gruppen Karlsruhe und Würzburg richteten sich an die Teilnehmer. Beim Beitrag aus Würzburg wurde es dem Stuttgarter AfD-Stadtrat Heinrich Fiechtner zu bunt: Er sei gekommen, um sich einen Eindruck von der Veranstaltung zu verschaffen, hatte er zuvor gesagt. Bei den Tönen, die der Redner dann aber anschlug, wollte er eingreifen. Er bat Sabrina Grellmann, die zum Organisatorenteam der in Stuttgart aufgetretenen Pegida-Gruppe aus Villingen-Schwenningen gehört, dem Würzburger Redner das Wort zu entziehen. Botschaften der Art „Wir werden unsere Straßen zurückholen“ und „Flutung des Landes mit illegalen Einwanderern“ waren gefallen.

Redner bezeichnet linke Gegendemonstranten als Nazis

Prominentester Redner war Michael Mannheimer, der schon auf mehreren Pegida-Kundgebungen gesprochen hatte. Er verwahrte sich dagegen, dass man ihn und Pegida-Teilnehmer als Nazis bezeichne. Nazis sah er jenseits der Absperrung, bei den Demonstranten aus dem linken Spektrum: „Sie sind die Kinder und Kindeskinder von Adolf Hitler und den Nationalsozialisten“, wetterte er, mit der Begründung, auch Nationalsozialisten seien Sozialisten und damit eine linke Partei gewesen.

Am Rande legten sich Gegendemonstranten mit Pegida-Anhängern an. An den Absperrungen kam es auch zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Beamten beschlagnahmten Transparente, als diese benutzt wurden, um darunter nach Polizisten zu treten. Um Pegida-Teilnehmern durch die Absperrung zu bringen, wurden Schlagstöcke eingesetzt. Mit Schlagstöcken und Pfefferspray ging die Polizei auch gegen Personen vor, die die Abfahrt der Busse blockieren wollten. Etwa ein Dutzend Anzeigen wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetzt, Beleidigung und Körperverletzung wurden gestellt, meldet die Polizei.

 

Am 18. Mai 2015 um 21:40 Uhr von der Redaktion geändert. In der ersten Version des Textes war von "Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes" die Rede. Richtig ist "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Ebenfalls geändert wurde "Hooligans gegen den Salafismus" in "Hooligans gegen Salafisten".