Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche Videoskizzen des Verschwindens

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Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat zum zweiten Mal ihren Kunstpreis verliehen. Gewinnerin ist die Münchner Künstlerin Monika Huber.

Die Preisträgerin Monika Huber vor ihrem Video „Captured“ Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Preisträgerin Monika Huber vor ihrem Video „Captured“Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Linie um Linie, von unsichtbarer Hand gezeichnet, entsteht das Bild einer Gruppe sitzender Frauen. Die verschleierten Körper bleiben schemenhafte Umrisse, während die Gesichter dunkel-flächig erscheinen. Dazu verliest eine weibliche Stimme die Namen. Und kaum hat das Langzeitgedächtnis in der Skizze das Foto jener Mädchen wiedererkannt, die vor ein paar Jahren in Nigeria von der Terrororganisation Boko Haram entführt wurden, beginnt das Bild auch Strich um Strich schon wieder zu verschwinden.

Mit ihrem Video „Captured“ (Gefangen) hat Monika Huber den mit 10 000 Euro dotierten Kunstpreis 2015 der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gewonnen. Am Donnerstagabend wurde er der Münchner Künstlerin bei einem Festakt im Alten Schloss von Landes­bischof Otfried July überreicht. Den Förderpreis (3000 Euro) erhielt Erik Sturm für „Neckartorschwarz“, eine Installation für die der Stuttgarter an der Verkehrskreuzung Neckartor gesammelten Feinstaub als Pigment verwendet und in Tuben gefüllt hat. Beide Werke sind mit weiteren zwanzig von einer unabhängigen Jury als herausragend ausgewählten Arbeiten bis Ende März im Ständesaal des Alten Schlosses ausgestellt.

Über mangelndes Interesse kann sich die Evangelische Kirche nicht beklagen. Fast 500 Arbeiten wurden für den zum zweiten Mal ausgeschriebenen Kunstpreis eingereicht. Das waren zwar nur halb so viele wie beim ersten Preis 2012, doch der Kunstbeauftragte der Landeskirche, Reinhard Lambert Auer, führt die geringere Beteiligung auf das Thema „ReForm“ zurück, das weniger Interpretationsspielraum ließ als „Bilder? Bilder!“ vor vier Jahren.

Es geht um den Dialog zwischen Kirche und Kunst

Sakrale Kunst wie zu Zeiten des Reformators Martin Luther oder des Renaissanceherrschers Herzog Christoph, dem im Alten Schloss gerade eine Ausstellung gewidmet ist, bringt eine kirchliche Ausschreibung heutzutage nicht mehr hervor. Das sei auch nicht die Intention, wie Otfried July hervorhob. Der Kirche geht es um den Dialog mit Künstlern, denn: „Kunst und Glaube gehören zur Deutung von Welt und Existenz.“ Und Künstler nehmen das Dialogangebot offenbar nur zu gerne an, wie nicht nur die Resonanz auf die Ausschreibung zeigt, sondern auch das Bedürfnis nach (Welt-)Deutung, das in den Bezügen zu gesellschaftlichen und politischen Themen der Werke zum Ausdruck kommt – bei aller for­malen Vielfalt.

So möchte Monika Huber die entführten Schulmädchen in Erinnerung bringen und Erik Sturm mit seinem künstlerischen Material aus Abfallprodukten etwas über „unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation“ erzählen. Von Erneuerungs- und Umgestaltungsprozessen, die alle in dem Wort „ReForm“ stecken, künden etwa auch Johannes Vogls „Walze“, eine nahezu raumfüllende Apparatur, die mit Hunderten von Schuhen auf die Pegida-Bewegung, aber auch auf die Massenflucht anspielt. Ein Objekt, das direkt aus dem Grünen Gewölbe in Dresden stammen könnte, ist dagegen das zu einer filigranen Skulptur verwandelte Hirschgeweih der jungen Stuttgarter Künstlerin Antonia Selzer.

Der Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche, kündigte Bischof July an, soll künftig alle drei Jahre verliehen werden.

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