Leonberg Siebenschläfer legt Aufzug lahm

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Der Fahrstuhl am Leonberger Bahnhof darf nicht repariert werden, weil dort das geschützte Nagetier vermutet wird – und das kann bis zu neun Monaten schlafen. Der Landkreis verspricht schnelle Hilfe.

Ein possierliches Kerlchen, das das Leben der Menschen  stark behindern kann. Foto: Mauritius
Ein possierliches Kerlchen, das das Leben der Menschen stark behindern kann.Foto: Mauritius

Leonberg - Wer mit der elektronischen Fahrplanauskunft eine Verbindung ab Leonberg sucht, wird schon einmal vorgewarnt: „Die Aufzüge an den Bahnsteigen 1 und 2 sind bis auf Weiteres außer Betrieb.“ Die Formulierung „bis auf Weiteres“ stimmt erfahrene Bahnkunden misstrauisch. Zu Recht: könnte doch der Ausfall womöglich bis Mai andauern.

Denn bei den aktuellen Problemen geht es nicht ausschließlich um Technisches, sondern zudem um Tierisches. Im Aufzugsschacht wird ein Siebenschläfer vermutet, der dort seine Winterruhe hält. In der darf das geschützte Tier nicht gestört werden.

Ob sich allerdings eines der nachtaktiven Nagetiere wirklich in den Bahnhofsschacht verkrümelt hat, das müssen Spezialisten erst klären. Gesehen hat den Siebenschläfer bisher niemand. „Es wurden lediglich Spuren gefunden“, sagt der Erste Bürgermeister Ulrich Vonderheid (CDU).

Tiere werden bis zu 18 Zentimeter groß

Das reicht aber schon, um die Reparaturen am Aufzug vorerst abzubrechen. Siebenschläfer stehen unter Naturschutz. Laute Arbeiten an der Aufzugtechnik könnten die bis zu 18 Zentimeter großen Tierchen derart erschrecken, dass sie wach werden, um durch den Schock sofort in die ewigen Jagdgründe zu entschwinden. Was, wie schon erwähnt, verboten ist.

Für gebrechliche und ältere Fahrgäste sind die Konsequenzen erheblich. Konnten Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollator bisher weitgehend problemlos vom Bahnhofsgebäude zum Bahnsteig 2, an dem die Züge nach Weil der Stadt abfahren, gelangen, so bleibt ihnen der Zugang jetzt de facto verwehrt. Doch nicht nur Behinderte haben das Nachsehen. Reisende mit schweren Koffern müssen ihr Gepäck die Treppen runter und wieder hoch schleppen.

Verantwortlich für den Stopp der Aufzugreparatur ist die Naturschutzbehörde des Kreises Böblingen. Dort ist man bemüht, die Wogen zu glätten. „Der Siebenschläfer steht unter strengem Schutz“, erklärt Dusan Minic, der Sprecher des Landratsamtes. „Es gibt ein striktes Tötungsverbot. Wir können gar nicht anders. Wir müssen die Arbeiten unterbrechen.“

Natürlich weiß auch das Landratsamt um die misslichen Auswirkungen für die Fahrgäste. „Wir suchen nach einer schnellen Lösung“, versichert Minic.

Ein Spezialbüro rückt an

So habe seine Behörde schon mit der Bahn gesprochen und ein Spezialbüro beauftragt. Das wird überprüfen, ob tatsächlich ein Siebenschläfer den Leonberger Bahnhof als Winterdomizil auserkoren hat.

„Das geht ganz schnell“, beteuert der Sprecher des Landratsamtes. Wenn die Experten nichts finden, hat sich die Sache sowieso erledigt. Sollten sie aber auf einen schlafenden Siebenschläfer stoßen, so wird der Nager behutsam verlagert. Aus bekannten Gründen möglichst ohne ihn zu wecken. „Egal wie es läuft: Es wird in wenigen Tagen über die Bühne gehen“, erklärt Dusan Minic. „Wir müssen nicht abwarten, bis er freiwillig wach wird.“

Neun Monate Tiefschlaf

Das könnte auch dauern. Ist doch der Siebenschläfer nicht etwa sieben Monate im Reich der tierischen Träume, sondern ganze neun. Von September bis Mai dauert die Winterruhe. Danach sind die Tierchen aber gleich fit und machen sich an die Paarung. Ist alles erledigt, wird sich mit Nüssen, Eicheln oder Kastanien Winterspeck angefressen, bevor sich der Siebenschläfer erneut zu Ruhe legt.

Der Bahnhofsaufzug ist ein beliebter Ort für die Tiere mit dem bis zu 15 Zentimeter langen Schwanz. Denn hier lässt’s sich offenbar nicht nur gut ruhen, sondern auch bestens speisen. Vor anderthalb Jahren knabberten Siebenschläfer verschiedene Kabel und andere Bauteile der Türsteuerung an und verursachten damit gleich dreimal einen Ausfall des Lifts.

Im vergangen August waren es Probleme mit der Hydraulik, die den Aufzug lahmlegten. Erst im Herbst klappte die sensible Technik wieder. Auch jetzt müssen sich die Bahnkunden gedulden. Zwei Monate wird die Reparatur andauern. Selbst ohne Mitwirkung des Siebenschläfers.

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5 KommentareKommentar schreiben

Wohlergehen des Menschen: Seit wann haben Fahrstühle mit dem Wohlergehen der Menschen zu tun. Wir sind fett genug. Wenn dann in gar nicht so viel Jahren um die 15 Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern wird man sich die Frage stellen müssen ob nicht etwas mehr Nager und weniger Mensch die bessere Alternative gewesen wäre. Armer Planet.

Herr, schmeiß.....: Rollstuhlfahrer, Menschen mit Gehwägen und Kinderwägen haben dann halt einfach mal das nachsehen - diese Menschen sind davon nämlich massiv betroffen, aber das würde ja bedeuten, man muss über den eigenen Tellerrand schauen.

Siebenschläfer: Der Siebenschläfer braucht sich nicht zu beschweren, wenn er umgebettet wird und dabei etwa zu schaden kommt. Das Nächtigen (hier: Wintern) in Bahnhöfen ist bekanntlich verboten.

Streng geschützt!?!: Ausser dem Wohlergehen des Menschen ist in Deutschland alles geschützt. Öko-Scharia könnte man das bezeichnen. Armes Deutschland, hoffentlich erfährt das niemand aus einem normalen Land. Für soviel Hohlheit ist Fremdschämen angebracht.

Danke: für diesen amüsanten Artikel. Besser hätte man die Absurdität gar nicht aufzeigen können, bei der der Winterschlaf eines Nagetiers über das Wohlergehen von Menschen gesetzt wird.

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