Leonberg Wenn Flüchtlinge zu Freunden werden

Von Bartek Langer 

Die ersten Menschen sind ins Hoffnungshaus gezogen. Hier leben Einheimische und Geflüchtete zusammen.

Hier fremdelt keiner: Eine syrische Familie und der Sohn der Heimleiter essen gemeinsam Kekse Foto: factum/Granville
Hier fremdelt keiner: Eine syrische Familie und der Sohn der Heimleiter essen gemeinsam KekseFoto: factum/Granville

Leonberg - Noch wird in der Heinrich-Längerer-Straße 29 gehämmert und gebohrt. „Die Außenfassade muss noch gemacht werden, und auch die beiden Wohngemeinschaften sind nicht fertig“, sagt Thomas Röhm bei der Führung durch das Hoffnungshaus, in das jetzt die ersten Bewohner eingezogen sind. Hier im Haldengebiet ist etwas entstanden, das man mit Fug und Recht „einzigartig“ nennen kann – bundesweit, vielleicht sogar in ganz Europa. In dem dreigeschossigen Haus leben Einheimische und Geflüchtete, deren Beziehung weit über die einer nachbarschaftlichen hinaus geht, unter einem Dach.

Mit dem Wohnprojekt will die Hoffnungsträger­-Stiftung Integration im wahrsten Sinne des Wortes betreiben. Man könnte sagen, es geht um einen ganzheitlichen Aspekt der Integration. „Leben zu teilen mit Einheimischen ist die intensivste Form“, befindet Leiter Röhm. Wenn Geflüchtete im Industriegebiet ohne Kontaktmöglichkeit zu Einheimischen wohnten, sei eine Eingliederung in die Gesellschaft nicht möglich.

Eine Partie „Mensch ärgere Dich nicht“ mit den Nachbarn

Deshalb ist hier das Motto „Fremde werden Freunde“ auch Programm. Wenn bei Familie Röhm Abendbrotzeit ist, dann sitzen sie schon mal mit ihren afghanischen Nachbarn am Tisch. Am Wochenende treffen sie sich auf eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ mit Omar und seiner Frau aus Syrien , die wiederum nebenbei Antworten auf drängende Fragen bekommen wie etwa: Warum ist den Schwaben die Kehrwoche heilig und wieso muss man hierzulande auch für das Musikantenstadl-Gejodel Geld abdrücken? „Für eine erfolgreiche Integration braucht es Menschen, zu denen die Geflüchteten Vertrauen haben“, erklärt Röhm. Ansonsten passten sie sich nur an.

Es gibt noch Plätze für zehn Bewohner

Das Hoffnungshaus wurde jüngst offiziell eröffnet. Die ersten 25 Bewohner waren nach den Sommerferien eingezogen, Platz gibt es noch für zehn weitere. In den Zwei- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen leben Familien aus Afghanistan und Syrien, dazu neben den Röhms noch zwei deutsche Familien. In die beiden geplanten Frauen- und Männer-WGs im Obergeschoss werden bald junge Alleinstehende einziehen.

Im kommenden Jahr soll ein zweites Projekthaus direkt nebenan folgen – die Stiftung hat insgesamt drei Häuser vom Philadelphia-Verein in der Straße gekauft, wobei im ersten Gebäude deren Hauptsitz sowie zwei Mietwohnungen untergebracht sind. Der Clou: Alle drei Häuser sind auf der untersten Etage miteinander verbunden. Dort stehen den Bewohnern Gemeinschaftsräume zur Verfügung, darunter auch ein Café. Im Haus ist auch ein Sozialpädagoge angestellt.

Wer darf hier leben?

Wer einziehen durfte, das wurde in Vorgesprächen ermittelt. „Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man bereit ist, sich auf solch ein Zusammenleben einzulassen“, sagt Thomas Röhm. Mit dem Einzug verpflichteten sich die Einwohner auch dazu, dass sie sich ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen einbringen. Der rechtliche Status der Geflüchteten war dabei übrigens nicht ausschlaggebend.

Eine wichtige Rolle spielt auch die Weiterbildung, und so werden die Flüchtlinge mit verschiedenen Angeboten fit für den Arbeitsmarkt gemacht. Dazu arbeitet die Stiftung mit lokalen Netzwerken und Firmen sowie der Agentur für Arbeit zusammen. „Wir helfen ihnen dabei, sich im Karriere-Dschungel zurecht zu finden“, erklärt Angelika Röhm, Leiterin des Projekts „Gemeinsam“, das durch die Baden-Württemberg Stiftung gefördert wird. Die Grundlage bilden Deutschkurse. „Die Angebote zielen auch auf Flüchtlinge mit schlechter Bleibeperspektive ab“, sagt sie. Sie sind für alle Asylbewerber in der Stadt offen.

Zwischen Skepsis und Akzeptanz

Als bekannt wurde, dass Flüchtlinge ins Haldengebiet kommen, gab es bei einigen Anwohnern Bedenken. „Die meisten konnten wir aber durch Gespräche abbauen“, sagt Thomas Röhm und erzählt mit einem Schmunzeln: „Als die Nachbarn feststellten, dass auch Deutsche durch die Haustür gehen, beruhigte das den einen oder anderen.“ Letztlich sei das Hoffnungshaus aber wie ein typisches Mehrfamilienhaus, in dem Deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund lebten. Dass die christliche Hoffnungsträger-Stiftung die muslimischen Bewohner missionieren will, das weist er übrigens zurück. „Es geht darum, den Menschen zu helfen“, betont er.

„Nächstenliebe“ war auch die Motivation der Röhms für den Einzug. Das „Gesamtlebensarbeitskonzept“ ist nichts Neues für die sechsköpfige Familie aus dem Schwarzwald. „Davor haben wir elf Jahre in Chile gelebt, wo wir Entwicklungshilfe leisteten“, berichtet Angelika Röhm. „Wir sind seit Dezember zurück und quasi selbst noch im Ankommensprozess“, sagt sie.

Der Aufenthalt im Hoffnungshaus ist zeitlich begrenzt. „Wir wollen den Menschen eine Starthilfe bieten und sie in den ersten Jahren begleiten“, sagt Thomas Röhm. „Es ist jedoch unser Wunsch, dass sie schnellstmöglich in die absolute Selbstständigkeit kommen.“ Nach dem Leonberger Vorbild entstehen derzeit weitere Hoffnungshäuser – zum Beispiel in Esslingen.