Live Escape Games in Stuttgart Das große Entkommen

Von -Décombe 

Sie lassen sich freiwillig einsperren. Und suchen hektisch nach dem Fluchtweg. Ein Gefangener auf Zeit zu sein, dieses Freizeitvergnügen breitet sich auch in Stuttgart aus. Die Zahl der Anbieter von „Live Escape Games“ wächst.

Wo geht es hier raus? Die Spieler suchen nach dem Ausweg. Auf dem Bild ist die eine Konsole des Stuttgarter Escape-Game-Anbieters „Plan B“ zu sehen. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Wo geht es hier raus? Die Spieler suchen nach dem Ausweg. Auf dem Bild ist die eine Konsole des Stuttgarter Escape-Game-Anbieters „Plan B“ zu sehen. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Die rote Tür fällt ins Schloss, die Kamera läuft, das Spiel beginnt. Wer jetzt am Monitor die vier Leute und das Geschehen im Raum mit der roten Tür verfolgt, kann Charakterstudien betreiben. Ruhige Typen bleiben erstmal stehen und scannen die Umgebung. Aufgeweckte Zeitgenossen hingegen stürzen los, heben Teppiche, wenden Bilder und stellen Zeitrekorde im Durchblättern von Büchern auf. Schließlich könnte jeder Gegenstand ein Hinweis sein, um dem vom Spielleiter gesetzten Ziel näher zu kommen, nämlich: „Findet innerhalb von 60 Minuten den Schlüssel für die rote Tür!“

Das Ziel, aus einem verschlossenen Raum zu entkommen, ist der Klassiker bei „Live Escape Games“ oder „Escape Rooms“, sprich Fluchträumen. Ihren Ursprung haben sie in Computerspielen, bei denen es diverse Aufgaben zu meistern, Codes zu knacken und Rätsel zu lösen gilt. Spieler in Japan übertrugen die Fiktion 2007 erstmals in die Realität. In der ungarischen Stadt Budapest begann der Boom 2011. 2013 schwappte die Welle nach Deutschland, wo es mittlerweile fast 500 verschiedene Räume in mehr als 100 Städten gibt – Tendenz steigend.

Das Abtauchen in andere Welten

In Stuttgart sind aktuell sechs Anbieter mit mehr als zwanzig Räumen am Start. „Exit Games“ eröffnete bereits vor drei Jahren „Wir waren die ersten in Stuttgart und in Baden-Württemberg“, sagt der Projektleiter Michael Schindler und erzählt, dass es mittlerweile in Würzburg, Nürnberg und Kaiserslautern Ableger des Stuttgarter Konzepts gebe. Überall seien die Leute begeistert. Egal ob Schüler, Studenten, Familien, Touristen, Rentner oder Arbeitskollegen: Die Neugier auf die 60 Minuten sei groß und die Faszination danach ziehe Kreise. Damit dies so bleibe, sei Qualität das A und O. „Escape Rooms müssen gut durchdacht und gut gemacht sein“, so Schindler, der bei der Entwicklung neuer Angebote nicht nur mit Bühnenbildnern, Schreinern und Elektrikern, sondern auch mit Spiele-Designern von der Hochschule der Medien in Stuttgart zusammenarbeitet. Wichtig sei, die mit technischen und mechanischen Effekten gespickten Räume atmosphärisch so auszustatten, dass darin jeder ganz automatisch in eine „krass andere Welt“ abtauche – etwa in ein Chemielabor, in einen Palast, ein Wohnzimmer der 60er-Jahre oder einen unterirdischen Bunker.

Der Preis für diesen „Tauchgang“ liegt in Stuttgart in der Regel zwischen 20 und knapp 36 Euro pro Person. Meist ist der Preis an die Anzahl der Spieler gekoppelt. Je mehr Spieler mitmachen, desto günstiger wird es für jeden Einzelnen. Unabhängig von der Gruppengröße gilt: Kommen die Leute in dem videoüberwachten Raum nicht weiter, gibt der Spielleiter Hinweise – etwa per Walkie-Talkie oder per Textnachricht auf einem im Raum platzierten Bildschirm.

Auch Detektive und Forscher sind gefragt

Aus der Reihe tanzt in diesem Punkt in Stuttgart der Anbieter „Plan B“, der nur auf Anforderung Tipps gibt, und zwar maximal drei an der Zahl. Aktuell können die Spieler in der Jägerstraße 12 zwischen drei Räumen wählen. Zwei davon bieten relativ beklemmende Szenerien, etwa „Der Kerker“ oder „Fallout“. In letzterem müssen die Spieler in einem düsteren Bunker diverse Geräte wieder in Gang bringen, um ihr Überleben zu sichern. Wohl wissend, dass manche Leute solche Szenarien als gruselig und unheimlich empfinden, belegen Patrick Österreicher und Alexander Zorn, die Gründer von „Enmaze Live Games“, ihre Räume ausschließlich mit positiven Themen. Als Abenteurer à la Indiana Jones sollen die Spieler etwa bei „Hunabku’s Erbe“ in einer geheimen Tempelkammer die vier Elemente und einen Schatz finden. Gelingt dies, dürfen sie den Schatz behalten.

Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich die Anbieter in Stuttgart immer mehr vom klassischen Flucht-Thema entfernen. Statt Ausbrecher und Flüchtende sind unter anderem gewiefte Detektive, Ermittler, Forscher, Diebe und Retter der Menschheit gefragt. „Wir koppeln unsere Räume immer an eine bestimmte Geschichte“, sagt Sascha Kalbfleisch von der Stuttgarter Filiale von „Team Escape“, einem Franchise-Unternehmen mit diversen Ablegern in Deutschland und weltweit. Wie er sagt, biete der Stuttgarter Standort in der Hirschstraße 27 für Firmenevents oder größere Feiern mit Catering-Angebot optimale Voraussetzungen. Mit der Eröffnung des sechsten Raums am 20. März „haben wir hier die Möglichkeit, 36 Leute gleichzeitig rätseln zu lassen“.

Der fünfte Anbieter in Stuttgart ist „My-Quest“. Noch befinden sich die drei Räume Am Wallgraben 142 in Stuttgart-Möhringen. Da das Gebäude allerdings abgerissen wird, sucht die Geschäftsführerin Maria Osipuk nach einem neuen Standort. „Egal wo, mit My-Quest geht es auf jeden Fall weiter“, gibt sich die 27-Jährige optimistisch.

Gerätselt wird auch im Freien

Die Spurenleser sind auf ganz anderen Fährten unterwegs, sie bieten ihr Spiel im Freien an. Das Team um René Bossert betreibt Waldklettergärten in Zuffenhausen und im Schmellbachtal, man kann bei Ihnen Eisstockschießen und Rätsel lösen. Ihr neuestes Spiel „Agent in Ausbildung“ führt aber aus dem Wald heraus und durch die Stuttgarter Innenstadt.

Mittlerweile sind die Spieler hinter der roten Tür bei Minute 53 angelangt. Alle stehen um einen Tresor und reden durcheinander. Der Adrenalinpegel steigt. Selbst der ruhige Typ scheint nervös zu werden. Die Aufgabe der Gruppe ist es, unterschiedliche Zahlenkombinationen auszuprobieren. Da endlich: der Tresor springt auf. Der Schlüssel darin passt, die rote Tür lässt sich öffnen. Aus den Nebenraum kommt der Spielleiter und gratuliert: „Klasse – vier Minuten unter der Zeit. Ihr habt euch super geschlagen!“