Mannheimer Multikultur-Projekt Die Vielfalt der Welt in den Quadraten

Von Franca Wittenbrink 

Die größten Schätze der Menscheit werden zum Weltkulturerbe der Unesco. Die Stadt Mannheim hat sich davon jetzt inspirieren lassen. Ihre Bürger aus vielen Herkunftskulturen haben aufgezählt, was ihnen an Mannheim wichtig ist.

Zu Mannheim gehört das Österreichische und das noch Exotischere – aber mit der angesagten Volksfest-Dirndkultur hat das eher nichts zu tun. Foto:  
Zu Mannheim gehört das Österreichische und das noch Exotischere – aber mit der angesagten Volksfest-Dirndkultur hat das eher nichts zu tun. Foto:  

Mannheim - „Heute wollen die Leute das Fett ja nicht mehr haben“, sagt Gerhard Kulessa und lacht. „Na, dann machen wir die Wurst eben mager!“ Seit über 20 Jahren verkauft der Schlesier auf dem Mannheimer Wochenmarkt Wurstwaren aus seiner Heimat. Viele seiner Kunden sind Polen, die meisten allerdings Deutsche. „Als Schlesier habe ich meine Heimat verloren“, sagt Kulessa, „aber hier habe ich eine neue gefunden.“

Über 90 Kulturgüter - materiell oder immateriell, alt oder neu, original oder kopiert, traditionell oder hybrid - tragen seit 2017 den Titel des „offiziellen Kulturerbes der Stadt Mannheim“. Die Schlesische Wurst ist eines davon.

Der Begriff des Kulturellen Erbes beruht auf der Annahme, dass jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt, zum Reichtum der Menschheit leistet. Das Unesco-Weltkulturerbe zeichnet daher seit 1978 herausragende Stätten auf dem gesamten Globus aus. Angelehnt an diese Idee, führt seit Anfang 2017 auch die Quadratestadt Mannheim als Pionierin in Deutschland eine Liste ihres kulturellen Bestandes. Schirmherrin des Projekts ist die deutsche Unesco-Kommission.

Einflüsse aus über 160 Nationen

Aufgeführt sind sämtliche Kulturgüter, die nach dem Empfinden der Einwohner zur Identität Mannheims gehören, denen die Menschen sich zugehörig, für die sie sich verantwortlich fühlen. All jene Güter also, welche die Stadtgesellschaft - zusammengesetzt aus über 160 Nationen - als ihr persönliches Erbe betrachtet. Für das im Jahr 2016 entstandene Projekt rückte Jan-Philipp Possmann, der Initiator und Leiter des Kulturhauses „Zeitraumexit“, Gruppen und Individuen in den Fokus, die in Mannheim wohnen und leben - ihre jeweilige Identität aber an mindestens zwei Orten und in zwei Kulturen sehen.

Mit einem Team aus Kulturschaffenden und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stadt besuchte Possmann ein Jahr lang Vereine und Gemeinden und stellte ihnen Fragen: „Was bringt ihr aus eurer Kultur mit, das ihr gerne mit der Mannheimer Stadtgesellschaft teilen wollt? Was erinnert euch hier in Mannheim an eure Heimat?“ Das Ergebnis sind über 90 Kulturgüter verschiedener migrantischer Gruppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Die Liste reicht von der Straßentaube über verschiedene Nationalgerichte und traditionelle Musik bis hin zu Gebäuden. Die Verbindung? Sie alle gehören zu Mannheim und sind Teil des gelebten Alltags der Stadt.