Krimikolumne

Mark Billingham: Die Schande der Lebenden Die Sucht nach Wahrheit und Tod

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Was tun, wenn es ein Mordopfer gibt, die Ermittlerin aber auf eine Mauer des Schweigens trifft? Mark Billingham ist mit „Die Schande der Lebenden“ ein exzellenter Psychothriller gelungen.

Die Sucht nach Heroin ist nur eine von vielen Abhängigkeiten, denen sich die Protagonisten in Mark Billinghams neuen Thriller stellen müssen. Foto: dpa
Die Sucht nach Heroin ist nur eine von vielen Abhängigkeiten, denen sich die Protagonisten in Mark Billinghams neuen Thriller stellen müssen.Foto: dpa

London - Fünf Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können, finden sich jede Woche beim Londoner Therapeuten Tony De Silva ein – sie eint der Kampf gegen die eigene Sucht. Da sind der renommierte Anästhesist, der zu viel aus seinem Giftschrank konsumiert hat, die verbitterte Ex-Gattin, die ihren Kummer im Alkohol ertränkt hat, ein heroinsüchtiger Stricher, eine geheimnisvolle Grenzgängerin mit Hang zum Glücksspiel und eine junge, fettleibige Kassiererin. Sie suchen Halt in der Gruppe, sprechen, reflektieren, streiten und ringen mit ihren Dämonen – bis jemand tot in der eigenen Wohnung liegt.

Nicola Tanner vom Londoner Morddezernat beginnt zu ermitteln und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Alle Mitglieder der Gesprächsgruppe haben sich dazu verpflichtet, nichts aus dem Kreis verlauten zu lassen – und das aus gutem Grund. Schließlich kennen Sie voneinander die dunkelsten Geheimnisse. Doch ist darunter ein Verhängnis, das einen Mord rechtfertigen würde? Tanner bohrt nach und allmählich entwirren sich die gegenseitigen Abhängigkeiten, in die sich die einzelnen Mitglieder der Gesprächsgruppe verheddert haben. Denn wie es so ist, wenn Menschen, zumal psychisch beschädigt, aufeinander treffen: Es wird kompliziert.

Mark Billinghams „Die Schande der Lebenden“ ist ein reinrassiger Psychothriller. Grausamkeiten und Grausiges bleiben wohldosiert, Action darf der Leser nicht erwarten. Gleichwohl wird er das Buch kaum aus der Hand legen, denn Billingham gelingt es durch geschicktes Verschachteln von Gegenwart (die Ermittlung) und Vergangenheit (der Weg zur Tat) dem Leser eine Möhre vor die Nase zu halten, der er gierig die mehr als 440 Seiten hinterher liest. Die verschiedenen Charaktere mögen auf den ersten Blick stereotyp wirken, werden aber authentisch geschildert. Prädikat: Lesenswert.

Mark Billingham: „Die Schande der Lebenden“. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Körber. Atrium Verlag Zürich 2016. 446 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99. Auch als E-Book, 14,99 Euro und Hörbuch, 16,71 Euro.