Martin Walser im Stuttgarter Literaturhaus Er lässt nicht locker

Von Rolf Spinnler 

Der Schriftsteller Martin Walser hat im Literaturhaus in Stuttgart seinen Roman „Ein sterbender Mann“ vorgestellt. Verrat, der Tango und ein grelles Porträt der Münchener Schickeria erwarten den Leser.

Der Schriftsteller Martin Walser Foto: dpa
Der Schriftsteller Martin WalserFoto: dpa

Stuttgart - Es ist wie immer, wenn Martin Wal­ser  in den vergangenen Jahren im Stuttgarter Literaturhaus zu Gast war (und das war er schon oft). Der Saal ist ausverkauft; zu seiner Rechten sitzt die Literaturkritikerin Julia Schröder, eine profunde Kennerin von Walsers Werk, die wie bei früheren Besuchen das Gespräch mit ihm führen wird; und auch die gut gekühlte Flasche Weißwein fehlt nicht, aus der sich der Schriftsteller im Lauf des Abends das eine oder andere Glas einschenken wird. Und doch ist heute, wo es um Walsers neuen Roman „Ein sterbender Mann“ gehen soll, etwas anders, denn auf dem Podium sitzen diesmal drei Personen: an Walsers linker Seite hat die Münchner Sinologin Thekla Chabbi Platz genommen.

In einer ersten Annäherung charakterisierte Julia Schröder Walsers Roman als ein Buch, in dem es um Geld und Verrat, den Tango und ein grelles Porträt der Münchener Schickeria, aber auch um so klassische Walser-Themen wie den Tod und die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Liebe geht. Verpackt hat der Autor diese Themen in eine Form, in der Briefe, E-Mails und SMS mit aphoristischen Maximen und Tagebucheinträgen vermischt sind.

Beruflicher Ruin des Helden

Als „Geschichte eines Sturzes“ bezeichnete Walser selbst das Schicksal seines Romanhelden, der nach Jahren als erfolgreicher Unternehmer und Verfasser von massentauglicher Ratgeberliteratur mit 72 Jahren plötzlich vor dem beruflichen Ruin steht, weil ihn der beste Freund verraten hat, und sich deshalb mit Selbstmordgedanken trägt. Doch wie macht man das: möglichst schmerzlos von eigener Hand aus dem Leben scheiden?

Walsers Held landet schließlich in einem einschlägigen Internetforum, in dem sich die potenziellen Selbstmörder über die besten Wege zum freiwilligen Exit austauschen. Und hier kommt Thekla Chabbi ins Spiel. Walser hat sie während einer Vorlesungsreihe an der Universität Heidelberg kennengelernt, zu der beide eingeladen waren, und ihr bei dieser Gelegenheit von seinem aktuellen Romanprojekt erzählt. Von ihr kam der Tipp, er solle sich doch mal in einem solchen Suizid-Forum umschauen, dort könne er vielleicht neue Anregungen für sein Buch finden.

Herausgekommen ist schließlich eine Gemeinschaftsarbeit, denn Thekla Chabbi hat an Walsers Roman mitgeschrieben und ist in die Rolle von zwei Frauen geschlüpft, die Walsers Romanheld im Verlauf seiner Geschichte kennenlernt. Durch ihr „mittelmeerisches“ Wesen entfachen sie seine ­Alterserotik und bringen seinen Todeswunsch ins Wanken.

Szenario einer Fernseh-Serie

So weit der Plot der Geschichte, der sich anhört wie das Szenario einer Fernseh-Vorabendserie. Walser wie Chabbi trugen dann jeweils eine längere Passage aus dem Roman vor, um den Zuhörern einen Eindruck von den unterschiedlichen Welten und auch sprachlichen Ebenen zu verschaffen, die hier aufeinandertreffen. Während Walsers Text den seinen Lesern vertrauten Sound von rhetorischer Selbstverliebtheit und satirischer Übertreibung aufweist, zeichnet sich der von Chabbi verfasste durch eine größere Schlichtheit aus.

Doch immerhin: wo der alte Goethe den Anteil von Marianne von Willemer an den Gedichten des „West-östlichen Divans“ diskret verschwiegen und Brecht seine Gehilfinnen keiner Erwähnung für würdig befunden hat, verfügt der bald 89-jährige Walser über so viel Alterssouveränität, dass er den Beitrag seiner jüngeren Mitarbeiterin gelassen gelten lässt.

Mit dem Akter kokettiert

Julia Schröders Versuchen, dem Autor einige Kommentare zu seinem Buch zu entlocken, ging dieser geschickt aus dem Weg – nicht ohne gelegentlich mit seinem Alter zu kokettieren, er sei ja ein „demenzbedrohter Zeitgenosse“. Liegt dem im Roman beschriebenen Verrat durch einen besten Freund eine reale Erfahrung zugrunde? „Fantasie ist Erfahrung“ oder „Ich bin die Asche einer Glut, die ich nicht war“, antwortete Walser und zitierte dabei seine eigene Romanfigur Meßmer, dem er 1985, 2003 und 2013 drei Bücher gewidmet hat.

Sätze seien „Augenblicksprodukte“, die nicht dem Autor zugeschrieben werden dürften. Es komme nur darauf an, dass sie gelungen seien. Beim Schreiben gehe es darum, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist. Dichter seien Leute, die die Wirklichkeit erst ertrügen, wenn sie Sprache geworden sei. Das habe die Dichtung mit der Religion gemeinsam. Beiden gehe es um die Verklärung des Daseins, weshalb das Weihnachtsevangelium der beste Prosatext sei, den er kenne. Wie für Nietzsche ist auch für Walser das Dasein nur als ästhetisches gerechtfertigt.

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