Mediendebatte nach Silvester-Übergriffen Am Pranger der sozialen Netzwerke

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Die Medien werden nach den massiven Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht verdächtigt, Informationen zurückzuhalten. Dabei wurde das Ausmaß der Vorkommnisse erst sehr spät deutlich – zu berichten gab es bis dahin wenig.

Kaum zu übersehen: die Ausschreitungen in der Silvesternacht rund um den Kölner Dom. Von den Übergriffen auf Frauen wurde  zunächst wenig berichtet – auch in den Medien. Foto: dpa
Kaum zu übersehen: die Ausschreitungen in der Silvesternacht rund um den Kölner Dom. Von den Übergriffen auf Frauen wurde zunächst wenig berichtet – auch in den Medien.Foto: dpa

Stuttgart - Die Kritiker der klassischen Medien fühlen sich bestätigt: Wieder einmal hätten diese über Straftaten von Ausländern – noch dazu in einem besonders krassen Fall – zu wenig und zu spät berichtet, wird in Internetforen geschimpft.

In der Tat hat es vier bis fünf Tage gedauert, bis Fernsehen, Hörfunk und Zeitungen die Vorkommnisse am Hauptbahnhof der Domstadt ausführlich darstellten. Deshalb schwingt wieder der Verdacht mit, dass bei Journalisten stets eine Schere im Kopf wirkt – wonach ungern veröffentlicht wird, was nicht sein darf. Soll heißen: Es wäre politisch unkorrekt, über kriminelle Ausländer zu berichten, weil dies die Stimmung gegen die Flüchtlinge schüren könnte. Der an die traditionellen Medien gerichtete, schwerwiegende Vorwurf der „Lügenpresse“ – hochgekommen während der Pegida-Proteste im Osten – hallt auch im Kölner Fall nach.

Eine kurze Agenturmeldung zwei Tage danach

Der Reihe nach: weil die Polizei die Silvesternacht am Hauptbahnhof in ersten Schilderungen als „weitgehend friedlich“ geschildert hatte, blieben auch bundesweite Reaktionen aus – nur lokale Medien waren näher am Geschehen und gaben Hinweise auf die Belästigungen schon am Neujahrstag. Erst am frühen Abend des 2. Januar lieferte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine kurze Meldung, wonach es eine „Reihe von Übergriffen auf Frauen“ gegeben und die Polizei eine eigene Ermittlungsgruppe aufgestellt hätte. Von „knapp 30 Betroffenen“ war die Rede – nicht aber von organisierten Attacken durch Migrantengruppen. Dies erschien den Nachrichtenredaktionen als eine Routinenachricht, die kaum wahrgenommen wurde. Am Sonntag änderte sich diese Kenntnislage für die Medien nur unwesentlich. Am Montagnachmittag wurde nach einer Polizeipressekonferenz bekannt, dass Oberbürgermeisterin Henriette Reker wegen der „ungeheuerlichen“ Vorfälle für Dienstag ein Krisentreffen anberaumte. Somit wurde sich die Republik frühestens am 4. Januar des Ausmaßes der Übergriffe bewusst – und erst tags darauf, nach dem Krisentreffen, nahm die Medienmaschinerie überall Fahrt auf.

In den sozialen Netzwerken ist von „Medienversagen“ die Rede, weil Informationen über womöglich arabische und nordafrikanische Täter unterschlagen worden seien, wie befürchtet wird. Dabei waren die Erkenntnisse zunächst nicht öffentlich – schon gar nicht abgesichert durch die Polizei. Besonders angreifbar hat sich das ZDF gemacht, das am Montag in den Abendnachrichten das Thema ausgelassen hatte und sich später entschuldigte: „Die Nachrichtenlage war klar genug“, schreibt der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen bei Facebook. „Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-,heute’-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat.“ Die „heute“-Redaktion habe sich jedoch entschieden, den geplanten Beitrag auf den Dienstag – den Tag des Krisentreffens – zu verschieben, „um Zeit für ergänzende Interviews zu gewinnen“, so Theveßen. „Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.“ Zeit für Interviews? Diese Begründung irritierte viele erst recht.

Unverständnis und Spott für das ZDF

Die Facebook-Seite des ZDF quillt über mit mehr als 2000 Kommentaren, in denen vielfach Unverständnis und Spott geäußert wird. Der Eintrag „Was die Flüchtlingskrise betrifft, sieht und merkt man, wie uns die Medien (so gut wie keine Negativmeldungen) beeinflussen wollen“, gehört zu den sachlichen Posts. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) gibt an, am 2. Januar via Website in die Berichterstattung eingestiegen zu sein. Im Hörfunk sei zum nächstmöglichen Zeitpunkt um 19 Uhr über die Vorfälle informiert worden. Erst am Dienstagabend stiegen sowohl ARD als auch ZDF mit Sondersendungen ein.

Jetzt wird der „große Aufschrei“ vermisst – nicht nur in den Netzwerken, sondern auch von Verbandsführern wie dem Chef der Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt: „Offensichtlich ist es so, dass es hier die falschen Täter sind. Wenn es andere Täter wären, etwa Hogesa-Mitglieder, wäre der Aufschrei längst da.“ Hogesa, das sind „Hooligans gegen Salafisten“, die sich im Oktober 2014 mit der Kölner Polizei Schlachten geliefert hatten. Es ist der Tenor vieler Meinungsäußerungen: Die Rechten werden sofort angeprangert – und die Ausländer werden verschont. Das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Journalisten schwindet. Den Vorwurf, regierungstreu zu berichten und über die wahren Probleme des Ausländerzuzugs hinwegzusehen, hören sie seit Längerem. Es ist eine Kritik, die nicht mehr nur unter Rechtspopulisten erhoben wird. Gerade in diesem Fall wird sie aber zu Unrecht geäußert.

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Gerade in diesem Fall wird die Kritik : zu Unrecht geäußert. Das heißt dann aber, dass es in anderen Fällen in der Vergangenheit die Kritik berechtigt war und ebenso mit einer Arroganz und Überheblichkeit niedergebügelt wurde. So hat Herr Schirmacher (leider verstorben) Über Herrn Kleber "die Oneman Show" geschrieben. Herr Kleber war der Meinung Herrn Käser (Siemenschef) mit der Moralkeule erschlagen zu müssen weil er es gewagt hatte (offensichtlich ohne Genehmigung von Herrn Kleber) wegen Wirtschaftsfragen nach Russland zu reisen. Ganz zu schweigen über die Berichterstattung Ukraine, Russland, Syrien usw., Also Berichterstattung um zu informieren geht anders. Wie sagte ein amerikanischer Journalist wären wir kritischer, mutiger, nicht so regierungshörig und investigativer gewesen, hätten wir das getan was unsere Aufgabe ist kritisch zu hinterfragen wir hätten den Irakkrieg verhindern können. Leider sagte er das erst ein paar Jahre nach dem Irakdesaster.

Ein Fünkchen Wahrhaftigkeit...: in der journalistischen Arbeit seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten wäre gewesen, nicht dem teils doch sehr eindimensionalen Farbkasten bundesdeutscher Regierungsarbeit hinterherzuhecheln und den marktradikalen internationalen Finanzdienstleistern und den aus Übersee, aber nicht nur, auftauchenden digitalgesellschaftlichen Konzernstrukturen alles zu erlauben, was a. dem Namen "Raubtierkapitalismus auf politischer Grundlage" zur Ehre gereicht. Und b. in der Folge dazu führt, das die Politik auf Pensionsanspruch relativ saturiert den Entwicklungen hinterherhechelt, sondern auch die Bevölkerung gerade dadurch eine finanzielle wie geistige Deregulierung durch diese digitalen Konzernkannibalen der Demokratie erleben darf und nicht mehr weiß, wo vorne und hinten ist, wo das friedliche, gemeinsame Morgen sein wird. Der Journalismus in weiten Teilen ist zu einem Worthülsenautomatismus degeneriert, der dem "Wertekreislauf auf Börsenniveau" zu dienen hat. Und ich denke nach wie vor, wir haben keine Flüchtlingskrise, wir haben eine den Demokratien gefährlich gewordene, auch und eben von gewissen journalistischen Dukten angeschobene wie am köcheln gehaltene Angst-Krise unserer Werte-Gesellschaften in Europa nicht erst seit 2015. Sprache ist auch als Waffe manipulierbar, das sollten wir niemals vergessen, wenn wir glauben sollen aber nicht wissen können ob es stimmt, was wir lesen oder hören.

das: Vertrauen in die Unabhängigkeit des Qualitätsjournalismus schwindet seit Jahren, bei sehr vielen Leuten ist da seit langer Zeit gar nichts mehr als Verachtung. Und das merkt man an dem tränenreichen Artikel, es kann auch für den Qualitätsjournalisten nicht sein was nicht sein darf, daher die Verbitterung. Kann ich aber irgendwie verstehen...

Gerade in diesem Fall wird sie aber zu Unrecht geäußert. Witrklich?: Ich habe als Vielschreiber in diversen Foren und Zeitungen u.a. auch im ZDF eine gänzlich andere Überzeugung gewonnen! Wenn man allein die heutigen Stellungnahmen im ZDF-Heute hört und sieht kommt man zwangsläufig dazu das das ZDF nur auf Seiten der Refugees und der Kanzlerin steht. Widerlich der Versuch Seehofer (nicht mein Freund...) zu demontieren durch beständiges ins Wort fallen und einseitige Kommentare pro Asyl. Ich habe schon den Eindruck das die Mehrheitsmeinung (mehr als 50% Ablehnung der Asyl und Flüchtlingspolitik) keine Berücksichtigung im ZDF (aber nicht nur dort nicht...) mehr findet. Maybrit Illner Show ist typisch: im begleitenden Forum zu 95% ablehnende Kommentierungen und in der Sendung genau das Gegenteil. Auch die Auswahl der Gäste lässt gewaltig zu Wünschen übrig: wenn mal einer eingeladen wird der nicht zu 100% Gutmenschthesen vertritt wird er von der restlichen Refugee_Welcome Bande nebst der Gastgeberin schnell zum schweigen gebracht.

nicht unter den Tisch kehren!: Aus Berichten eines Journalisten der Stuttgarter Zeitung, der aber schon länger im Ruhestand ist, weiß ich, wie Journalisten "bearbeitet" werden. Sie bekommen z.T. Auflagen, was sie berichten dürfen und was nicht, bzw. wie sie berichten müssen. Und ich denke, diese "Bearbeitung" wird auch heute noch funktionieren. Ich persönlich habe in meinem Frauenleben sehr viel sexuelle Belästigung erlebt. In meiner Jugendzeit hat man darüber eher geschwiegen - dieses Verhalten ist heute glücklicherweise nicht mehr ganz so streng. Was wir uns mit der Aufnahme der vielen Flüchtlinge antun, die zum Teil verstärkt - auch aus religiösen Gründen - eine weibliche Menschenwürde nicht anerkennen, macht mir große Angst - vor allem auch, wenn ich an meine Enkeltöchter denke. Es ist nicht damit getan, wenn dann gesagt wird, man muss keine Angst haben. Die Angst ist da, und die ist auch berechtigt. Und es ist ganz dringend die Frage angesagt, wie wir damit umgehen. Auf keinen Fall darf das Thema unter den Tisch gekehrt werden!

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