Messe Eurobike in Friedrichshafen Dem E-Bike sieht man das E nicht mehr an

Von Jürgen Löhle 

Auf der Messe Eurobike in Friedrichshafen bekommt das Fahrrad weiter elektrischen Rückenwind: Sogar Mountainbikes gibt es mit zusätzlichem Antrieb. Doch Akku und Motor sind kaum noch zu erkennen. Ein Überblick zum Publikumstag am Samstag.

Akku und Elektromotor sind bei diesem E-Bike der Firma Freygeist kaum zu entdecken. In einer Bildergalerie zeigen wir weitere Neuheiten von der Messe Eurobike in Friedrichshafen. Foto: Hersteller 6 Bilder
Akku und Elektromotor sind bei diesem E-Bike der Firma Freygeist kaum zu entdecken. In einer Bildergalerie zeigen wir weitere Neuheiten von der Messe Eurobike in Friedrichshafen.Foto: Hersteller

Stuttgart - Alles neu macht der August – zumindest was Fahrräder angeht. Seit sich die muskelbetriebene Fortbewegung auf zwei Rädern vom günstigen Verkehrsmittel für Geringverdiener zur Mobilitätsalternative für verstopfte Großstädte, zum Fitnesstrainer und Sportgerät für Gesundheitsbewusste und sogar zum Statussymbol hipper Stadtmenschen gemausert hat, schaut die Fachwelt im Hochsommer nach Friedrichshafen an den Bodensee, wo mehr als tausend Hersteller auf der Messe Eurobike ihre Neuheiten präsentieren. Das Rad komplett neu erfinden kann man zwar nicht mehr, aber es gibt doch immer wieder etwas Innovatives. Ein Beispiel: Peer Steinbrücks „Hätte, hätte, Fahrradkette“ muss man künftig umtexten, weil der Antrieb der Velos wohl bald von einem Zahnriemen aus Karbon erledigt wird, der keine Wartung mehr benötigt und von dem man keine schwarzen Waden bekommt.

Ungebrochen ist aber der Trend, Fahrräder mit einem elektrischen Zusatzantrieb aufzumotzen. Bisher galt das vor allem für Alltagsräder für den Stadtverkehr und für Tourenräder, jetzt haben auch die Mountainbiker das E ganz offenbar für sich entdeckt. Mit Schmackes durch Wald und Flur, hechelfrei Richtung Bergstation – was Offroad-Puristen wohl als Niedergang der Hartwaden-Kultur bedauern, ist einer der Trends der Messe. Und nicht nur da, in diesem Sommer gab es – un-terstützt von Motorenhersteller Bosch – bereits eine Rennserie für Mountainbikes mit Elektromotor. Klingt abstrus, scheint aber angenommen zu werden. Beim Auftaktrennen auf der Schwäbischen Alb erklärte der zweitplatzierte ehemalige Elite-Amateur Hans-Peter Engelhart: „Nachdem bergauf alle fast gleich schnell sind, werden die Rennen bergab durch Technik entschieden.“ Nun ja – ob das die Zukunft ist, wird sich zeigen.

Nur zwölf Kilo für ein stylisches E-Bike

Auf jeden Fall durchsetzen wird sich ein weiterer großer Trend: Die E-Bikes sollen optisch edler werden. Die bisherigen Modelle sind meist ganz normale Fahrräder, an die man, grob gesagt, einen Motor und einen Batteriekasten geschraubt hat. Die Funktion war wichtig, die Optik egal, so dass die meisten Räder mit den wuchtigen Batteriekästen und dem unförmigen Antrieb am Rahmen oder in den Laufrädern nicht besonders attraktiv aussahen. Das wird künftig anders – integrierte Lösungen glänzen in Friedrichshafen auf den Messeständen.

Auch hier läuft viel bei Mountainbikes. Das deutsche Bike Focus Jarifa i29 versteckt zum Beispiel den Akku komplett im Unterrohr. Die US-amerikanische Schmiede Specialized gewann mit ihrem Turbo Levo FSR einen Messepreis, weil die „Integration des Antriebssystems perfekt umgesetzt ist“, wie es in der Begründung heißt. Kurzum – man wird künftig das E-Bike nicht mehr als solches erkennen können. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Fast schon revolutionär gelingt die Integration dem Crowdfunding-Jungunternehmen Freygeist. Die Berliner präsentieren ein stylisches E-Bike für die Stadt, bei dem man mindestens dreimal hinschauen muss, um an der Hinterradnabe Anzeichen des Elektromotors zu erkennen, die Batterie ist komplett unsichtbar im nicht besonders dicken Unterrohr des Alurahmens verbaut, die Ladebuchse versteckt. Und das Ganze bei einem Gesamtgewicht von nur zwölf Kilo. Auch das ein Zukunftstrend: E-Bikes sind in der Regel von 18 Kilo an aufwärts unterwegs.

Wie Freygeist ein Antriebssystem mit so wenig Gewicht einsetzten kann, das zudem noch bis zu 100 Kilometer Reichweite bei 300 Watt Leistung garantieren soll, ist noch deren Geheimnis, da die ersten Räder gerade erst auf dem Markt sind. Ein technisches Ausrufezeichen ist das von Österreichern entwickelte und in China produzierte Velo aber auf jeden Fall. Die Belast- und Haltbarkeit des leichten Akkus wird sich in der Praxis noch zeigen müssen. Bei einem Preis von 3990 Euro sollte man aber davon ausgehen können, dass der Akku auch etwas taugt. Das Federgewicht des Freygeist erklärt sich übrigens zumindest teilweise damit, dass das Rad komplett reduziert unterwegs ist, also ohne Schutzbleche, Ständer, Gepäckträger oder Lichtanlage.

Der Rennradler hat seinen Akku noch im Oberschenkel

Gewicht ist auch der Grund, warum der Elektromotor bei Rennrädern immer noch kaum eine Rolle spielt. Selbst der leichteste Antrieb würde aus einem Sieben-Kilo-Rennpferd einen Ackergaul machen. Zudem hat der passionierte Rennradler den Akku lieber im Oberschenkel. Deshalb sitzt er ja im Sattel, weil er die Last des Tretens als Lust empfinden kann. Neues gibt es aber auch hier, vor allem an der Aerodynamik wird getüftelt. Vorbau- und Lenker aus einem Guss oder im Rahmen integrierte Bremssysteme liegen im Trend. Seltsamerweise auch die Scheibenbremse, obwohl die in Sachen Windwiderstand nicht besonders günstig ist. Trotzdem wird in der kommenden Saison zumindest das französische Worldtour-Profiteam AG2R mit Scheibenbremsen Rennen fahren. Der Trend zur Scheibenbremse scheint also nicht aufzuhalten zu sein, obwohl es weiterhin technische Bedenken gibt. Hobbyfahrer berichten in Foren immer wieder über Bremsprobleme durch Überhitzung bei langen Abfahrten im Hochgebirge.

Ungebrochen scheint auch die Liebe zu Rädern im Hochpreissegment zu sein. Der kanadische Rennradhersteller Cervelo hat kürzlich eine auf 200 Stück limitierte Auflage seine Topmodels S5 im Design des afrikanischen Profiteams MTN-Qhubeka für 13 900 Euro angeboten. Die Räder sind bis auf wenige verkauft, die nach der Messe wahrscheinlich auch weg sind.

Rennräder bleiben also immer noch etwas für Menschen, die sich gerne körperlich fordern. Aber auch hier ist der Trend zu erkennen, dass man es sich zumindest ein klein weniger leichter machen will. Aus den USA kommen die Gravel-Racer nach Europa. Das sind Rennräder mit etwas breiteren Reifen, Scheibenbremsen und einer Rahmengeometrie, die auf einer bequemeren Sitzposition und einem ruhigen Geradeauslauf ausgelegt ist. Im Marketingdeutsch beschreibt man das als „das Rennrad zum Abbiegen“ – also ein Velo, mit dem man auch mal über einen holprigen Feldweg rumpeln kann. Bisher war das typmäßig streng getrennt: Rennräder waren für die Straße, Crossräder die Sportversion fürs Gelände – beides Spezialmaschinen mit sportlich ausgelegtem Rahmendesign. Das Gravel-Bike soll jetzt so etwas wie ein Mittler sein. Dieser Trend muss sich aber erst noch beweisen. Vor einem Jahr hat man in Friedrichshafen das Fatbike, also ein Rad mit extrem breiten Reifen, als neuen Trend ausgerufen. Der SUV auf zwei Rädern verbreitet sich aber doch eher langsam.

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