Missbrauch Heimkind: Ich wurde verkauft

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Hans-Jürgen Wollschlaeger ist erstmals zu einem Treffen der Korntaler Heimopfer gekommen. Seine Geschichte geht weit über das hinaus, was andere Betroffene in den vergangenen Monaten von ihren Erlebnissen im Kinderheim Hoffmannhaus geschildert haben. Sein Bericht am Samstag war ein Zeugnis von Missbrauch auch außerhalb der Heimmauern.

Der  Vorsteher der Brüdergemeinde, Foto: factum/Granville
Der Vorsteher der Brüdergemeinde, Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen - Hans-Jürgen Wollschlaeger ist erstmals zu einem Treffen der Korntaler Heimopfer gekommen. Seine Geschichte geht weit über das hinaus, was andere Betroffene in den vergangenen Monaten von ihren Erlebnissen im Kinderheim Hoffmannhaus geschildert haben. Sein Bericht am Samstag war ein Zeugnis von Missbrauch auch außerhalb der Heimmauern. Im Zuge eines Patenmodells hatten er und andere Heimkinder in den 50er bis 70er Jahren die Möglichkeit, etwa ein Wochenende bei Familien zu verbringen. Wollschlaeger sei in zwei Familien von den Paten sexuell missbraucht worden, wie er erzählte. Vieles habe er verdrängt. „Aber jetzt ist mir klar: ich wurde verkauft“, sagte der Mann, der heute selbst Familie hat. Auch sein Fall wird ein Teil der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals sein.

Geprägt war das Treffen von der Diskussion über die Dimension und Finanzierung des Aufarbeitungsprozesses sowie die Besetzung der Steuerungsgruppe: Gegen eine der drei von der Brüdergemeinde benannten Personen steht der Vorwurf im Raum, von den Missbrauchsfällen gewusst zu haben, aber nicht dagegen vorgegangen zu sein. Detlev Zander, der das Thema Missbrauch im Heim öffentlich gemacht hatte, wiederholte bei dem Treffen den Vorwurf, er sei von der Brüdergemeinde in der Frage der Entschädigung bevormundet worden. Zander und seine Mitstreiter fordern, zwischen Sachleistungen, etwa Therapien, und Geldleistungen alternativ wählen zu können. „Wir wollen selbst entscheiden“, sagt Zander. Die Landauer Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff sprach zwar von „absolutem Gift, wenn irgendjemand bevormundet würde“; die von beiden Seiten mit der Projektleitung der Aufarbeitung beauftragte Professorin machte aber auch deutlich, dass Geldleistung ein Novum wäre. Bundesweit sei zwar auch eine Zahlung von bis zu 120 000 Euro bekannt, „bei diesen Entschädigungszahlungen handelt es sich aber um Einzelfälle. Sie wurden unter der Hand bezahlt.“

Unwahrscheinlich ist, dass diese Frage schon beim nächsten Opfertreffen im Mai beantwortet werden kann. Doch am Samstag blieb der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, selbst bei der Frage nach der Höhe einer finanziellen Beteiligung der Gemeinde am Aufarbeitungsprozess vage. Er stehe zu der Verantwortung, „dass nicht zum zweiten Mal geschwiegen wird über das, was damals passiert ist“. Es gehe nicht mehr um die Frage, ob, sondern wie Hilfe geleistet werde. „Dazu wird es kommen, aber ich kann keinen Betrag nennen“, sagte Andersen auch vor Kommunalpolitikern, die erstmals dabei waren. In der Steuerungsgruppe sollen im Mai die Modelle der Hilfeleistung finanziell und rechtlich geprüft werden.

Bis dahin wollen die Betroffenen geklärt haben, welche Rechtsform sie sich geben, um Spenden generieren zu können. Sie favorisieren derzeit eine Vereinsgründung. Sie machten insgesamt deutlich, dass die Aufarbeitung nicht auf die Opfer beschränkt sein, sondern auch die noch lebenden Täter und Mitwisser einbeziehen soll. „Dann ist er Aufwand noch viel größer. Das ist ein Riesending und hochgradig anspruchsvoll“, gab Wolff zu bedenken. Sie schränkte ein, dass man „nicht herausfinden wird, wie es wirklich gewesen ist“. Denn alle Beteiligten – Betroffene, Jugendamt, Mitarbeiter – würden unterschied­liche Geschichten erzählen.

In den nächsten Wochen soll die Struktur für die laut Wolff im Schnitt zwei bis drei Jahre dauernde Aufarbeitung konkretisiert werden. Möglichst schnell soll eine Anlaufstelle entstehen, bei der die Betroffenen ihre Erlebnisse schildern können.