Missbrauch in Backnang Onkel vergeht sich am Neffen

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Ein Mann vergeht sich mehrere Jahre lang an seinem Neffen. Dieser verdrängt lange, was ihm widerfahren ist. Nach 15 Jahren kommt es nun zum Prozess. Wie sich herausstellt, wurde der Onkel als Kind selbst Opfer seiner älteren Brüder.

Vor dem Landgericht geht es um Vorfälle, die 15 Jahre zurück liegen. Foto: dpa-Zentralbild
Vor dem Landgericht geht es um Vorfälle, die 15 Jahre zurück liegen.Foto: dpa-Zentralbild

Backnang/Stuttgart - Prozesse um sexuellen Missbrauch von Kindern sind immer eine heikle Angelegenheit für alle Beteiligten. Aus Scham, in der Öffentlichkeit über intimste Dinge sprechen zu müssen, scheint es den Angeklagten oft die bessere Option, zu schweigen. Das hat dann wiederum zur Folge, dass die Opfer als Zeugen aussagen sollen und in eine noch schlimmere Lage geraten – schließlich haben sie nicht zu verantworten, dass sie dermaßen im Mittelpunkt stehen. Von daher ist der Prozess, der zurzeit vor einer Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts stattfindet, eine echte Ausnahme. Der 49-jährige Angeklagte steht zu seinen Taten, die sich im Zeitraum von 1998 bis 2001 abspielten.

Der Angeklagte wurde selbst von Brüdern missbraucht

In dieser Zeit soll er seinen damals 11- bis 13-jährigen Neffen in einer Vielzahl von Fällen sexuell schwer missbraucht haben. Der Junge war an den Wochenenden häufig mit seinen Geschwistern zu Besuch bei Onkel und Tante in Backnang. „Er hat sich immer darüber gefreut und das auch beim Abschied gesagt“, berichtet der 49-Jährige. Deshalb sei ihm damals nicht klar gewesen, was er dem Kind antat. „Wenn er etwas gesagt hätte, wäre es wohl nicht passiert.“

Was zuerst nach Ausrede klingt, wird relativiert, als der Angeklagte von seiner Kindheit in einer desolaten Familie erzählt. Er ist das zweitjüngste von sieben Geschwistern. Der Vater war Alkoholiker und habe im Suff grundlos auf seine Kinder eingeschlagen. „Ich bin dann oft zu einem meiner älteren Brüder gegangen, der bereits außer Haus war. Bei ihm habe ich mich sicher gefühlt.“ Dieser sei mit ihm ebenfalls intim geworden. „Ich war damals so zwölf oder 13 Jahre alt.“ Deshalb habe er es für normal gehalten, was er mit seinem Neffen gemacht habe.

Bis auf den Analverkehr: „Das war schrecklich, was ich ihm angetan habe. Das hätte ich nicht tun dürfen. Es tut mir auch wirklich leid“, sagt der 49-Jährige, der trotz vieler Nachfragen konsequent Antworten gibt, auch zu explizitesten Details. Durch eine Therapie, die er nach Bekanntwerden des Missbrauchs gemacht hatte, habe er sein Verhalten richtig einzuordnen verstanden. Allerdings sind auch seine Nerven irgendwann am Anschlag. Als er berichtet, wie sein ältester Bruder die Schreckensherrschaft des Vaters übernommen hatte, nachdem sich die Mutter von diesem getrennt hatte und nun seinerseits gewalttätig gewesen sei. Sein Bruder sei ihm gegenüber ebenfalls sexuell übergriffig geworden, mit Gewalt. „Der hat sich genommen, was er wollte“, bricht es aus ihm heraus, bevor er in Tränen ausbricht.

Das Opfer hat vieles über Jahre hinweg verdrängt

Der heute 28-jährige Neffe tritt vor Gericht als Nebenkläger auf. Scheinbar gefasst berichtet er, was ihm als Kind widerfahren ist. Scheinbar, denn die Erlebnisse haben in dem Mann Spuren hinterlassen, die nicht sichtbar sind und die er sich so schnell nicht anmerken lassen will. „Ich hatte vieles verdrängt. Erst als ich mit meiner Frau gesprochen habe, ist mir immer mehr wieder eingefallen. Je mehr ich redete, desto mehr erinnerte ich mich.“

Ihm sei nicht klar gewesen, was sein Onkel mit ihm machte. „Ich war noch nicht aufgeklärt. Er hat gesagt, das sei normal, es dürfe aber niemand wissen.“ Gefallen habe ihm nicht, was passierte. Es sei seltsam für ihn gewesen, halb nackt vor dem halb nackten Onkel zu stehen oder mit ihm in der Badewanne zu sitzen. Trotzdem sei er gerne mit seinen Geschwistern bei diesem und der Tante zu Besuch gewesen. Doch schließlich kam es zu dem Analverkehr. „Ich habe gesagt, das tut weh, das will ich nicht. Er hat dann auch sofort aufgehört. Aber ich wollte danach nicht mehr hin.“

Schmerzensgeld „nicht unter 15 000 Euro“ gefordert

Ein Jahr später, 2002, vertraute sich der Junge seiner Klassenlehrerin an. Diese informierte die Mutter, die wiederum ihren Bruder zur Rede stellte. „Meine Frau hat gesagt: du brauchst Hilfe“, berichtet der 49-Jährige, der mittlerweile von ihr geschieden ist. Daraufhin habe er die Therapie gemacht. Der Neffe frisst dagegen alles in sich hinein, jahrelang. In der Familie findet er nicht viel Hilfe, erst seine Frau scheint dem Familienvater eine echte Stütze zu sein.

„Er hat während seiner ganzen Jugend unter den Taten gelitten“, führt seine Anwältin aus, die für ihn ein Schmerzensgeld „nicht unter 15 000 Euro“ erstreiten will. Mit dem Prozess erhoffe sich ihr Mandant, endlich einen Schlussstrich unter seine Erlebnisse machen zu können. Das Urteil soll Anfang März gefällt werden.

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