Myanmar Auch Buddha muss Zähne putzen

Eva Funke aus Mandalay, 11.11.2013 05:00 Uhr

Mandalay - In Myanmar, das früher Birma hieß, sind die Wochentage nach Tieren benannt. Der Mittwoch ist der Tag des Elefanten. „Das ist ein guter Tag“, sagt Ou-Ou. Wieso gut, wo es in Strömen regnet? Ou-Ou lacht und rät abzuwarten. Der 42-Jährige muss es wissen. Er ist Reiseführer und begleitet Touristen bei ihren Kreuzfahrten auf dem Irrawaddy. Von Mandalay geht es in vier Tagen nach Bagan. Rund 190 Flusskilometer liegen zwischen den einstigen Königsstädten. Bei der Ankunft am Hafen liegt die „Road to Mandalay“ in gleißender Sonne - obwohl Regenzeit ist.

Dass der 101 Meter lange weiße Luxusdampfer fremd zwischen den bunten Frachtern wirkt, ist kein Wunder. Schipperte er doch in den 1960er Jahren unter dem Namen „Nederlande“ den Rhein rauf und runter. Nachdem die Passagiere ihre Kajüten bezogen haben, lichtet das Hotelschiff rasselnd die Anker. Langsam verschwindet der Hafen. Reisen auf der „Road to Mandalay“ heißt reisen im Zeitlupentempo: Mit 11 Knoten (20 Kilometern pro Stunde) geht es flussabwärts Richtung Süden. Der 2170 Kilometer lange Irrawaddy, auch Ayeyarwady genannt, ist die Lebensader des Landes: Am Ufer waschen Frauen sich, ihre Kinder und die Wäsche. Jungs werfen Angeln aus. Bauern lassen Wasserbüffel grasen. Die Bambushütten mit den blauen, grünen und grauen Wellblechdächern sind wegen des Hochwassers, das während der Regenzeit über die Ufer tritt, auf Stelzen gebaut. „Trotzdem müssen die Bewohner oft ihre Unterkünfte verlassen und weiter weg vom Ufer neu aufbauen“, sagt Ou-Ou.

Myanmar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dass die Menschen den Passagieren auf dem Luxusdampfer trotz eigener Armut lachend zuwinken, ihnen bei den Landgängen stets freundlich begegnen, erklärt Ou-Ou mit dem buddhistischen Glauben. „Wir sind mit wenigem zufrieden und glücklich.“ Der Buddhismus durchdringt alle Lebensbereiche. Nachdem das Schiff vor der Stadt Sagaing Anker geworfen hat, gibt der Landgang eindrucksvoll Zeugnis davon. Wie riesige Zipfelmützen ragen die goldenen Kuppeln und Spitzen unzähliger Pagoden aus dem Grün der Wälder. Es sind Bilder wie aus dem Märchenbuch.

In der Umgebung leben rund 3000 Nonnen und 5000 Mönche

Etwa 700 Tempel und Klöster gibt es rund um die Stadt. In der Umgebung leben rund 3000 Nonnen und 5000 Mönche. Ihre Zeremonien erfüllen die Bauwerke mit Leben. Das am meisten verehrte Heiligtum Myanmars birgt aber die Mahamuni-Pagode in Mandalay: eine fast vier Meter hohe Buddha-Statue aus Bronze. Sie wird mit jedem Tag dicker, weil Pilger überall, außer im Gesicht, Blattgold anbringen. Die Goldschicht soll bis zu 35 Zentimeter betragen und mehrere Kilo wiegen. Frauen dürfen sich der Statue nicht nähern und müssen Männer bitten, das Gold dem Buddha anzuheften. Dem werden täglich zwischen 4 und 5 Uhr morgens von einem Mönch die Zähne geputzt und das Gesicht gewaschen. Dann ist die Pagode brechend voll. Die Zeremonie wird im Tempel via Bildschirm übertragen. Abgefallenes Gold, etwa ein Kilo pro Jahr, wird von den Mönchen mit Kehrschaufel und Besen zusammengefegt und einem guten Zweck zugeführt.

Frühaufsteher unter den Passagieren können dabei sein, wenn Mönche Lebensmittel sammeln. Das sei kein Betteln, versichert Ou-Ou. „Die Mönche geben uns die Möglichkeit, Gutes zu tun und unser Konto fürs Nirwana aufzubessern.“ Auch die Crew der „Road to Mandalay“ versorgt die Mönche mit Essen aus den Töpfen, aus denen auch die Passagiere verpflegt werden. Die werden nach ihren Landgängen an Bord mit kühlem Tee und feuchten Tüchern empfangen, mit denen sich der Staub und die Hitze des Tages schnell von Gesicht und Händen wischen lässt. Beim Nachmittagstee an Bord ist Zeit, das Erlebte Revue passieren zu lassen. Davon, dass es zwischen Muslimen und Buddhisten enorme Spannungen gibt, merken die Schiffsreisenden nichts.

In seinem Beruf als Lehrer verdient er 35 Euro im Monat

Auf das Thema angesprochen, wird Ou-Ou ernst: Bei einer blutigen Auseinandersetzung ist sein Bruder ums Leben gekommen. Die Konflikte führt er darauf zurück, dass die Zahl der Muslime stark wächst und sie die Buddhisten verdrängen. Viele seiner Landsleute teilen diese Meinung. Andere sind überzeugt, dass von Gegnern der jungen Demokratie Gewalt bewusst gesät wird, um die Demokratisierung zu stoppen. Wie dem auch sei: Ou-Ou weiß, dass das Land Frieden braucht. Denn nur dann werden neu eingerichtete Fluglinien so viele Touristen bringen, dass sie die Hotels füllen, die noch gebaut werden sollen. Auch Ou-Ou setzt seine Hoffnungen darauf. In seinem Beruf als Lehrer verdient er 35 Euro im Monat. Als Reiseführer um ein Vielfaches mehr. Mit dem Geld will er seinen Sohn im Ausland studieren lassen. Aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse muss sich Ou-Ou um Konkurrenz nicht sorgen. Die meisten seiner Kollegen sprechen nur Englisch.

„Das wird sich ändern“, ist Steve Locke überzeugt. Der 47-jährige Manager der „Road to Mandalay“ hat das Land mit dem Mountainbike in den 90er Jahren durchfahren, als es noch Militärdiktatur war. Er bietet den Passagieren Ausflüge nach Bagan, eine der größten archäologischen Stätten Südostasiens, an - natürlich per Rad. Vorbei geht es an prächtigen Pagoden aus rotem Stein. Viele dieser Zeugen vergangener Epochen stammen aus dem 11. und 13. Jahrhundert, der Blütezeit Bagans. Plötzlich setzt Regen ein. Schutz bietet einer der Tempel. Innen geht es steile Stufen hoch bis zur höchsten Plattform: Kein Mensch ist hier oben. Der Blick ist atemberaubend: Pagoden bis zum Horizont. Ihre Konturen verschwimmen im Dunst. „Viele wurden falsch restauriert“, bedauert Steve.

Aus der Ferne ist das nicht zu erkennen. Es fällt schwer, aufs Boot zurückzukehren. Die letzte Nacht an Bord bricht an. Nach einem Abendessen, bei dem die Köche noch einmal zeigen, wie fantasievoll und abwechslungsreich die asiatische Küche ist, inszeniert die Crew ein Lichtspiel auf dem nachtschwarzen Fluss. Sie setzt zig bunte Lampions aus, die mit der Strömung treiben. Mit ihnen um die Wette leuchten die Sterne über Myanmar. Später schwappen die Wellen gegen die Kojenfenster, wiegen die Passagiere in den Schlaf. Dann ist Samstag, der Tag der Schlange. Ein guter Tag trotz Regen? „Jeder Tag kann ein guter Tag werden“, sagt Ou-Ou zum Abschied.

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