Nachruf auf einen Außenseiter Paule

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Paul Blank lebte in einem oberschwäbischen Dorf. Er wurde 82 und sollte von Amts wegen in einem namenlosen Grab bestattet werden. Nachruf auf einen Außenseiter.

Schon als   Bub  hatte er  schlechte Augen. Paul wollte am liebsten   seine  Ruhe, die Wohnstube  verließ er kaum noch. Foto: Andreas Reiner
Schon als Bub hatte er schlechte Augen. Paul wollte am liebsten seine Ruhe, die Wohnstube verließ er kaum noch.Foto: Andreas Reiner

Dies ist seine Mütze. Das ist sein abgewetzter Lederstuhl. Das Sitzkissen, an dem schon ewig der Schaumstoff rausguckt. Darauf sein altes Akkordeon, ein Öllerer Herlikon mit Edelweißdekor. Seine blaue Arbeitsjacke, die er immer beim Holzmachen anhatte. Daneben steht die patinierte Bio-Urne aus gestanztem Maismehl, in der jetzt seine Asche liegt. Ein Kranz aus weißen Rosen mit weißer Schleife: „In lieber Erinnerung an Paul. Deine Freunde.“

Dunkle Großwolken türmen sich über dem Friedhof von Warthausen, einer oberschwäbischen Kleinstadt. An diesem Nachmittag wird Paul Blank – für alle nur „der Paule“ – beerdigt. Er wurde 82. Paul war ein Eigenbrötler, Sonderling, eine Randfigur. Man kannte ihn vom Sehen, geredet hat er wenig. Man kannte ihn, weil er irgendwie schon immer da war, auch wenn er in letzter Zeit nicht mehr auftauchte.

Normalerweise wären vielleicht zwei Handvoll Trauergäste gekommen: ein paar, die zu jeder Beerdigung gehen, ein paar, die ihm nahestanden – wenn man das bei Paule so sagen kann. Doch jetzt drängen sich die Menschen in der Aussegnungshalle, als wäre ein Warthausener Ehrenbürger gestorben. Das hat damit zu tun, dass Paule ursprünglich im benachbarten Biberach beigesetzt werden sollte, wo man eine „ordnungsrechtliche Bestattung“ erlassen hatte – in einem Grab ohne Namen. Das beschäftigte die Leute: Darf man einem Toten einfach den Namen nehmen? Gehört sich das? Es gelang, Paul nach Hause zu holen, wo man ihm nun die letzte Ehre erweist.

Ein Keyboarder spielt „Sag zum Abschied leise Servus“. Pfarrer Reutlinger sagt, er freue sich, dass Paul Blank die anonyme Bestattung erspart geblieben sei und dass sich an diesem Tag eine so große Gemeinschaft zusammengefunden habe, auch um menschliche Solidarität zu zeigen. Er erinnert an die Worte im Buch Jesaja: „Siehe, ich habe deinen Namen in meine Hand geschrieben, ich habe dich immer vor Augen. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen. Und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen.“

„Der Mensch ist keine Nummer, sein Name ist kostbar“

„Der Mensch ist keine Nummer“, sagt der Pfarrer, „sein Name ist kostbar.“ Dann wird Paul Blank zu Grabe getragen, die Urne in die Erde gelassen. Bis die Steintafel mit seinem Namen fertig ist, steht da ein Holzkreuz.

„A schene Beerdigung war’s“, sagt Rosa. Sie kannte Paul von früher, Ende der 50er Jahre muss das gewesen sein, sie war damals Bedienung in der Biberacher Bahnhofswirtschaft, er saß immer hinten mit seiner Halben. Sie hat ihn schon lang nicht mehr gesehen.

Karl hat die Beerdigung auch berührt. Er ist mit Paul in die Schule gegangen, erinnert sich noch, wie bei Fliegeralarm die ganze Klasse zum Käsekeller beim alten Friedhof hochmuste und dass Paul schon als Bub schlechte Augen hatte, eine starke Brille trug. Er war früh ein Außenseiter, der Schwächste in der Klasse, Zielscheibe von Hänseleien. „Kenndr kennad grausam sai“, sagt Karl. Paul kam aus der Barackensiedlung Röhrenöschle, die schlechteste Adresse in der Stadt. Später hat er bei Lindenmaier geschafft, Karl auch. Eine Zeit lang sind sie mit dem Bus zusammen ins Geschäft gefahren. Karl hat ihn mal gefragt, was sein Bruder Siegfried macht, Paul wusste es auch nicht. Irgendwann stand er nicht mehr an der Haltestelle. Man verlor sich aus den Augen.

„Wenn man ihm gesagt hätte, dass er mal so eine große Trauerfeier kriegt, hätte er wahrscheinlich nur abgewunken, aber insgeheim hätte er sich doch gefreut“, sagt Hermann. Hermann ist 48 und hatte es auch nicht immer leicht im Leben. Er wohnt in Galmutshöfen, einem Dorf mit 50 Einwohnern, wo jeder über jeden Bescheid weiß, wo man sich noch eine Sau für den Eigengebrauch hält und seit Urzeiten um zwölf die Mittagsglocke in der Dorfkapelle geläutet wird. Hier war auch Paul daheim.