Nachruf auf Oscar Niemeyer Er hat der Moderne den Samba beigebracht

Katrin Voermanek, 06.12.2012 18:22 Uhr

Rio de Janeiro - „Ich kann nicht stillsitzen, ich bin neugierig, ich will wissen.“ Wenn ein Mann, der die hundert überschritten hat, so etwas beiläufig über sich selbst sagt, kommt die Frage nach dem Geheimnis des gesunden Alterns gar nicht erst auf. In einer Lebensphase, in der andere längst in Rente und nur noch auf sehr wenige Dinge neugierig sind, hat Oscar Niemeyer noch zu jedem runden Geburtstag Journalisten und Gäste durch unbändige Vitalität und Lebenslust verblüfft.

Zum Neunzigsten, zum Fünfundneunzigsten, zum Hundertsten – immer wieder war in Würdigungen zu lesen, der brasilianische Architekt fahre weiterhin jeden Tag zur Arbeit, mache unermüdlich neue Entwürfe, rauche dazu viele Zigarillos, trinke Unmengen Kaffee und mache immer noch ­kokette Bemerkungen über die Verwandtschaft zwischen den Kurven seiner Architektur und jenen des weib­lichen Körperbaus. 2006, mit 99 Jahren, hat er zum zweiten Mal geheiratet – seine 38 Jahre jüngere Sekretärin Vera ­Lúcia. Auf den Zeichen­tischen seines Büros lagen zuletzt noch Projekte wie eine Kathedrale im brasilianischen Belo Horizonte und eine Bibliothek in Foz des Iguacu. Nun ist der Wegbereiter der brasilianischen Moderne wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag gestorben.

Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho wurde am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro als Sohn eines deutschstämmigen Kaufmanns geboren. Er war eines von sechs Kindern. Von 1929 bis 1934 studierte er an der Escola Nacional de Belas Artes in Rio Architektur. Nach seinem Abschluss begann er im Büro von Lucio Costa zu arbeiten, dem seinerzeit bekanntesten Verfechter moderner Architektur in Brasilien. Costa war – ähnlich wie Le Corbusier – zunächst prägendes Vorbild, später dann enger Projektpartner Niemeyers.

Der wichtigste Auftrag seines Lebens

Gemeinsam mit Le Corbusier bauten Costa und Niemeyer zwischen 1937 und 1943 das Ministerium für Erziehung und Gesundheit in der damaligen Hauptstadt Rio. 1939 planten Costa und Niemeyer den brasilianischen Pavillon für die Weltausstellung in New York. Das 1952 vollendete Gebäudeensemble der Vereinten Nationen in New York mit der unvergleichlich eleganten Hochhausscheibe am East River ist ebenfalls ein Gemeinschaftswerk von Le Corbusier und Oscar Niemeyer.

1953 fand die internationale Kunstbiennale in São Paulo erstmals in Niemeyers Biennale-Pavillon statt. Danach erhielt er den wichtigsten Auftrag seines Lebens: Er wurde zum Chefarchitekten der neugegründeten Hauptstadt Brasilia berufen. Die Absicht, den Regierungssitz von der Küste ins Landesinnere zu verlegen, hatte damals schon lang bestanden. Der 1956 neugewählte Präsident Juscelino Kubitschek setzte das Projekt innerhalb kürzester Zeit um. Costa gewann den städtebaulichen Wettbewerb, Niemeyer entwarf alle öffentlichen Gebäude, wieder arbeiteten beide im Team zusammen.

Es entstand eine Hauptstadt vom Reißbrett, auf einer Hochebene mitten im Nichts. Die Stadtgestalt basiert auf der Grundrissform eines Flugzeugs mit einer linearen und einer gekrümmten Achse. Markantester Punkt ist der Platz der drei Gewalten, auf dem der Nationalkongress mit kuppelförmigem Senatssaal, schalenförmigem Abgeordnetensaal und zwei schlanken Verwaltungshochhäusern steht.