Neonazi-Szene in der Region Stuttgart Rechtsverteidiger

Frank Buchmeier und Thomas Kuban, 07.02.2013 08:55 Uhr

Stuttgart - Als die schwäbische Band Noie Werte beim Skinhead-Treffen im norditalienischen Dorf Revine Lago aufspielt, recken sich dem Frontmann Steffen Hammer ausgestreckte Arme zum Hitlergruß entgegen. „Alter Mann, alter Mann von Spandau“, singt Hammer, und das Publikum, das aus allen Himmelsrichtungen zum braunen Kulturaustausch nach Venetien angereist ist, grölt kräftig mit. Das Lied ist Rudolf Heß gewidmet, den die Rechtsrockfans als Märtyrer verehren. Die Alliierten haben Hitlers Stellvertreter als Kriegsverbrecher verurteilt, seine lebenslange Haft verbüßte er im Spandauer Gefängnis, wo er sich 1987 erhängte. Hammer drückt auf die Tränendrüse: „Der einsamste Mensch der ganzen Welt, bis zum Ende seiner Tage wurde er gequält. Für ihn gab es keine Gerechtigkeit.“ Das Noie-Werte-Publikum skandiert „Sieg Heil“ und trällert als selbst gewählte Zugabe ein SA-Schlachtlied: „Blut muss fließen knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“

Sechseinhalb Jahre später tritt Steffen Hammer in schwarzer Robe im Sitzungssaal 1 des Landgerichts Stuttgart auf. Neben ihm sitzt sein Mandant Christian Z., ein 27-jähriger Kraftfahrer, der in Winterbach bei einer Hetzjagd auf junge Männer türkischer und italienischer Herkunft beteiligt gewesen sein soll. Die Verfolgten waren in eine Gartenhütte geflüchtet, die von den Angreifern schließlich angezündet wurde. Die zwölf Anklagten, allesamt dem rechten Gedankengut verhaftet, streiten ab, den Brand gelegt zu haben. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen wegen Körperverletzung.

Der Strafverteidiger Hammer, 41, beschränkt sich meist darauf, die Vorwürfe zu bestreiten, die gegen seinen Mandanten erhoben werden. Die Kärrnerarbeit erledigt sein gleichaltriger Kollege Alexander Heinig, der den Schorndorfer Maurer Sebastian T. verteidigt. Heinig greift tief in die juristische Werkzeugkiste, stellt Anträge, kritisiert die Ermittlungen der Polizei und entwickelt eine eigene Theorie: In der Gartenhütte habe ein Notstromaggregat gestanden, womöglich habe ja dieses Gerät das Feuer verursacht.

Noie Werte und ein Leserbrief in der FAZ

Alexander Heinig ist ein alter Bekannter von Steffen Hammer. Auch er sang in einer Skinhead-Band (Ultima Ratio), zudem half er Anfang der 90er Jahre bei Noie Werte als Bassist aus. Hammer gilt als ein Star der europäischen Rechtsrockszene, Heinig als B-Promi. Auf Videos sieht man ihn in Flecktarnhose mit Bierflasche in der Hand bei einem Grillfest von Rechtsextremen (Kreuzritter für Deutschland) in Waiblingen oder bei einem Neonazikonzert am gleichen Ort. Alexander Heinig steht hinten auf der Bühne und grölt: „Nigger, Nigger, out, out . . .“

Ein paar Jahre später, inzwischen ist er Volljurist, drückt er seine Einstellung zu Migranten in einem Leserbrief an die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gewählter aus: „Selbstverständlich ist die Tatsache, dass Zuwanderung die öffentlichen Kassen nur belastet, jedem Politiker in Berlin bekannt. Wann aber folgen hieraus politische Konsequenzen?“

Auch Steffen Hammers gestörtes Verhältnis zu Mitmenschen aus fremden Kulturen ist belegt: Ende der 90er Jahre feuert der Noie-Werte-Frontmann den Drummer der Band, weil der sich in eine Halbmexikanerin verliebt hat. Nach dem Rauswurf erscheint im Internet eine Annonce: „Die Musikgruppe Noie Werte aus Stuttgart sucht einen erfahrenen Schlagzeuger, der durch lange Zugehörigkeit zur rechten Szene charakterlich gefestigt ist.“

Skinhead-Rocker sind heute als Rechtsanwälte tätig

Die letzte CD von Heinigs Gruppe Ultima Ratio erschien 2003, Hammers Noie Werte wurde im Dezember 2010 aufgelöst. Heute firmieren die einstigen Skinhead-Rocker als „Rechtsanwälte in Bürogemeinschaft“ im Stuttgarter Osten. Auf der Homepage stellt sich der eine als „Steffen Wilfried Hammer, Fachanwalt für Familienrecht“ vor, Alexander Heinig nennt als Schwerpunkte seiner Tätigkeit „das Mietrecht, vor allem aber das Erbrecht sowie das Arbeitsrecht“. Ihr berufliches Engagement für Neonazis erwähnen sie mit keinem Wort.

Dabei gäbe es über dieses Spezialgebiet einiges zu berichten: Zu Steffen Hammers Mandanten zählten beispielsweise ein 22-Jähriger, der kürzlich in Leonberg einen Antifaschisten mit einer Gasschreckpistole ins Auge geschossen hat, ein aus Offenburg stammender Versicherungsmakler, der einen Linksaktivisten im Südbadischen mit einem Mitsubishi überfahren hat, sowie ein baden-württembergischer NPD-Funktionär, der sich der Wahl- und Urkundenfälschung schuldig gemacht hat.