Neue Anlaufstelle für Homosexuelle in Stuttgart Wenn das Umfeld Schwulsein nicht toleriert

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Homosexuelle Migranten haben noch immer große Probleme, wenn sie sich outen. Ein Betroffener erzählt von seiner bestürzten Familie und von seiner Flucht in den Koran. Eine neue Anlaufstelle in Stuttgart bietet Hilfe.

Oya Poyraz, Olcay Miyanyedi und Jochen Kramer (von links) wollen in den nächsten Wochen auf Moscheegemeinden und Migrantenvereine zugehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Oya Poyraz, Olcay Miyanyedi und Jochen Kramer (von links) wollen in den nächsten Wochen auf Moscheegemeinden und Migrantenvereine zugehen.Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das schlimmste sind für Hakan Öztürk (Name geändert) türkische Hochzeiten. Das sind die Tage, an denen er ständig gefragt wird, wann er denn heiraten werde. Im Alter von 27 Jahren es sei ja schließlich an der Zeit. Hakan Öztürk wird nicht heiraten, zumindest keine Frau. Vor sechs Jahren hat er sich seiner engsten Familie und seinen Freunden gegenüber als schwul geoutet – und damit große Erschütterungen ausgelöst. „Türkische Hochzeiten sind Singlebörsen: Die Frauen tanzen, die Männer checken ab. Da kommen dann alte Frauen zu einem und wollen ihre Enkelinnen vorstellen“, erzählt der Deutschtürke.

Hakan Öztürk hat sich mit seiner Geschichte an die neue Beratungsstelle gewandt, die homosexuelle Migranten ansprechen möchte und seit einigen Monaten bei der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg angesiedelt ist. „In türkischen Familien werden homosexuelle Männer noch immer zwangsverheiratet, um ihre sexuelle Orientierung zu verbergen“, erzählt Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Er hält das auf fünf Jahre angelegte und vom Bundesfamilienministerium geförderte Projekt deshalb für längst überfällig. „Für viele Migranten ist eine andersartige sexuelle Orientierung ein großes Problem. Die Familienbande sind enger und die Familien vielfach sehr konservativ, das führt zu Spannungen“, so Sofuoglu.

„Ich wollte nicht schwul sein“

Der Stuttgarter Hakan Öztürk hat früh erkannt, das er sich zu Männern hingezogen fühlt. „Ich wollte aber nicht schwul sein.“ Stattdessen stürzte er sich in den Islam. „Ich war überzeugt, dass Allah Homosexualität als schwere Sünde ansieht und hoffte darauf, dass er mir dann auch helfen würde, meine Neigung zu überwinden.“ Öztürk besuchte regelmäßig eine Stuttgarter Moschee, betete fünf Mal am Tag, selbst nachts breitete er seinen Gebetsteppich aus. „Ich dachte, wenn ich nachts aufstehe und mich Allah hingebe, dann wird er mich eher erhören“, erzählt er. Plötzlich trug er nur noch weite Hosen, wollte von seiner Mutter wissen, ob das Fleisch, das sie kochte, auch halal sei, also auch wirklich nicht von einem Schwein stammte, und weigerte sich nach Istanbul zu fliegen, weil dort zu viele Menschen auf den Straßen herumlaufen würden, die zu viel Haut zeigen. „Wenn ich heute mein Verhalten so stark verändern würde, wäre ich schnell im Verdacht, ein Salafist zu sein“, sagt der Akademiker rückblickend. Öztürk aber wollte nur eines: seine Homosexualität loswerden.

Die Bekehrung kam erst mit seinem Studium, als er lernte, auch kritische Fragen zu stellen und in einer Zeit, in der er nicht mehr bei seiner Familie wohnte. „In der Moscheegemeinde habe ich gemerkt, dass kritische Fragen nicht erwünscht sind. Das hat mich irgendwann stutzig gemacht.“ Statt weiter zu beten, beschloss der Deutschtürke, sich gegenüber seinen Eltern zu outen. „Meine Mutter hat geweint und geschrien.“ Die Schuld suchte sie bei der fremden Stadt, in die er wegen des Studiums gezogen war. Der Vater sagte gar nichts. Nach ein paar Tagen aber kam der Anruf des Vaters, der ihm zu verstehen gab, dass er noch immer der geliebte Sohn sei. „Das Verhältnis war am Anfang schon kühler. Aber ich habe mich nie von der Familie ausgestoßen gefühlt“, sagt Öztürk.

„Der Onkel hat Angst, dass ich die Kinder anstecke“

Ausgestoßen aber wurde er von zwei Onkeln, die bis heute seine Homosexualität nicht akzeptieren wollen. „Der eine hat Angst, dass ich seine Kinder anstecken könnte. Der andere sagt mir klar, dass er es nicht ertragen könne, wenn ich mit einem Partner ankomme.“ Auf Familienfeiern begegnen sich die drei Männer immer wieder, reden aber kein Wort mehr miteinander. Der Rest der Familie aber hat beschlossen, die sexuelle Andersartigkeit anzunehmen. „Nach meinem Coming-out hat der Familienrat getagt mit allen Onkeln und Tanten und beschlossen, mich anzunehmen, wie ich bin.“

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3 KommentareKommentar schreiben

Integration : Soviel zur Vereinbarkeit der islamischen Tradition und den Werten einer freien wesentlich Welt.

den werten einer freien westlichen welt: das meinten sie doch als sie wesentlich geschrieben haben. aber wo ist denn diese freie westliche welt? in großstädten und da nicht immer. gehen sie doch mal aufs land. dort treffen sie heute noch zustände an, da ergeht es dem jungen mann mit seiner familie aber richtig gut.

die Werte der freien westlichen Welt: meinen Sie die, die die Bildungsplangegner als Monstranz vor sich her tragen?

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