Neuer Fahrplan Die erste S-Bahn ist Geschichte

Martin Elbert, 28.11.2012 13:25 Uhr

Stuttgart- Wenn man am Wochenende nachts gegen halb vier über den Marktplatz schlendert, kann man immer wieder ein amüsantes Treiben beobachten: Massenhaft Nachtschwärmer, überwiegend jüngeren Datums, hechten, hetzen und rennen in Richtung Schossplatz, darunter einige Damen in Hochetagen-Besohlung eher etwas verzweifelt. Du checkst es erst gar nicht und fragst dich: Wasn los? Gibt’s da Döner for free? Muss man schnell zu einem anderen Club, weil dort jetzt die Party richtig abgeht? Nein, die Party ist vorbei für die rasenden und stöckelnden Nachteulen: Sie versuchen nur ihren letzten Nachtbus zu bekommen, der sie in die einzelnen Stadtteile, Vororte oder tief in die Region befördert. Kriegste den nicht, sitzt man bis zu ersten S-Bahn morgens fest.

Die „erste S-Bahn“ ist ab dem Wochenende 8. und 9. Dezember Geschichte. Denn wonach sich schon mehrere Generationen an Clubbern zuvor gesehnt haben, die jetzt mitunter längst brav am Wochenende das Haus hüten oder nach Wetten Dass!? in die Falle steigen, hat die aktuelle Partygeneration das Glück der „Spätgeborenen“: Die S-Bahn fährt zukünftig in den Nächten von Freitag auf Samstag, von Samstag auf Sonntag und allen Feiertagen auf allen sechs Linien im Stundentakt durch. Anders gesagt, schickt die VVS drei zusätzliche Züge pro Route auf die Reise. Konkretes Beispiel: Die S1 Richtung Herrenberg startet dann ab Stadtmitte 02:02, 03:02 und 04:02 Uhr.

Warum das erst jetzt eingeführt wird und nicht schon zum Beispiel vor zehn Jahren erklärt Stadtkind VVS-Pressesprecherin Nadine Szymanski: „Die Fahrgastzahlen haben inzwischen eine Größenordnung erreicht, die mit dem Bus kaum noch sinnvoll zu bewältigen ist bzw. die Mehrkosten für den S-Bahn-Betrieb rechtfertigen.“ Der nächtliche S-Bahn-Betrieb sei deutlich teurer als das bisherige Nachtbus-Angebot. Die zusätzlichen Fahrgeld-Einnahmen seien gering, weil die Clubber meist sowieso ein Schüler- oder Studententicket im Geldbeutel haben.

Das System Nachtbus explodierte

Dass jetzt die S-Bahnen die voll besetzten Busse ersetzen und entlasten sollen – Mitte der 90er war der Nachtbus übrigens fast noch ein Geheimtipp – spricht somit ebenfalls für ein vitales Stuttgarter Nachtleben oder sagen wir wie es ist: Gerade in den letzten zehn Jahren ist die lokale Club- und Bar-Landschaft explodiert, siehe z.B. Theo-Heuss und Geiss-Viertel. Und somit explodierte auch das System Nachtbus. „Vor 10 Jahren war nicht absehbar, wie gut das Angebot angenommen werden würde“, meint Szymanski zum Erfolg der Night Rider für alle.

Mittelfristig erwartet man nun 50% mehr Fahrgäste im Nachtverkehr, erläutert die Sprecherin die Ziele des neuen Projektes, das keineswegs ein Testbetrieb ist. „Es müsste schon ein dramatischer Fehlschlag werden (z. B. sinkende Fahrgastzahlen), um eine Rückkehr zum Busverkehr zu begründen.“ Der Nachtbusverkehr ändert sich mit dem Fahrplanwechsel ebenfalls ein wenig. Die S-Bahnen ersetzen zum einen die regionalen Nachtbusse, dafür verkehren die Busse künftig von Donnerstag auf Freitag, und neben neuen Abfahrtszeiten und mitunter neuer Linienführung werden zusätzliche Stadtbezirke an das Netz angebunden.

Frei nach dem Motto „kleiner Finger, ganze Hand“ gefragt: Wie wäre es denn eigentlich mit der durchfahrenden Stadtbahn, Frau Szymanski?: „Wurde von der SSB aktuell geprüft, aber zunächst aus Kostengründen wieder verworfen. Auch hier ist das eine Preisfrage, da man auch zur Stadtbahn noch Buslinien bräuchte, die dann teilweise schlecht ausgelastet wären.“ Das heutige Busnetz ab dem Schlossplatz gewährleiste eine gute Feinerschließung des Stadtgebietes, so die Sprecherin, und das ohne umzusteigen.

Man kann eben nicht immer alles haben. Aber das ist doch mal schon was. „Klar endlich!“, wird im Netz schon überwiegend gefeiert. Von dieser kleinen Revolution profitieren übrigens nicht nur die vermeintlichen „Landeier“, vor denen sich einige Städter so sehr fürchten und nun vermuten, dass aufgrund des neuen Nachtverkehrs noch mehr davon in die Stadt gespült werden, sondern freilich auch Partypeole von Vaihingen bis Zuffenhausen. Kann ja nicht jeder in Mitte, Süd, West oder Ost wohnen. Und noch etwas unnützes Wissen: Nicht mal in Tokio fährt die Metro durch.

 

Mehr Infos und Fahrpläne:

http://www.vvs.de/nachtverkehr

http://www.vvs.de/download/nachtverkehr.pdf