Neues Album von David Bowie Auf den Jazz gekommen

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Der Popmusiker David Bowie beschenkt sich und uns zu seinem 69. Geburtstag mit einem eleganten neuen Album. Von eingängigen Titeln hat sich der Sänger auf „Blackstar“ allerdings verabschiedet.

Äußerlich immer noch jugendlich, musikalisch aber deutlich verändert: David Bowie anno 2016 Foto:  
Äußerlich immer noch jugendlich, musikalisch aber deutlich verändert: David Bowie anno 2016Foto:  

Stuttgart - Ob dem britischen Musiker David Robert Jones wohl der preußische Reitergeneral Hans Joachim von Zieten ein Begriff ist? Das kann schon sein. Denn mit dem gleichen Überraschungs­moment, das dem Militärstrategen vor rund zweihundertfünfzig Jahren die Wendung „wie Zieten aus dem Busch“ einbrachte, agiert der Sänger aus Brixton, der sich selber einst den Namen David Bowie gegeben hat. Vor exakt drei Jahren brachte Bowie, der zuvor zehn Jahre lang nichts veröffentlicht hatte, aus heiterstem Himmel und ohne jegliche Vorwarnung sein letztes Album „The next Day“ heraus. Nun, auf den Tag genau drei Jahre später, erscheint an diesem Freitag sein neues Werk „Blackstar“ – zwar bereits seit Längerem annonciert, aber ohne dass der Inhalt vorab nach draußen gesickert wäre. Selbst den Medien wurde es weltweit erst anderthalb Tage vorab vorgestellt.

Den Veröffentlichungstag hat David Bowie in beiden Fällen bewusst gewählt, denn die erste Januarwoche ist gewiss kein idealer Erscheinungstermin, will man zwölf Monate später bei der Wahl zu den Alben des Jahres vorne mit dabei sein. Aber derlei Lorbeer muss Bowie ja auch nicht erringen, er hat bereits genug davon. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit monatelangem Vorlauf, wie viele seiner Berufskollegen sie für nötig erachten, sind sein Ding auch nicht. Auf Interviews verzichtet er seit Jahren, sein Dasein an der Seite des früheren Super­models Iman Abdulmajid verbringt der Brite hoffentlich nach wie vor gemäß einem früher von ihm geäußerten Bonmot („Ich möchte nicht ernst genommen, sondern dreimal am Tag von meiner Frau genommen werden“).

Im Dezember hat er sich in New York bei der Premiere eines von ihm komponierten Musicals öffentlich gezeigt, ansonsten lebt Bowie reichlich zurückgezogen. Aus finanziellen Gründen ist er gewiss ebenfalls nicht ins Studio gegangen. Mit einem geschätzten Vermögen von rund einer Milliarde Dollar zählt Bowie zu den reichsten Künstlern überhaupt. Dem ­ermüdenden Musikerritus „neues Album, neue Tournee“ ist er ohnehin längst nicht mehr verpflichtet: Das letzte Konzert liegt zehn Jahre zurück, eine Umbesinnung ist nicht in Sicht. Er glaube nicht, sagt sein Produzent Tony Visconti, dass Bowie überhaupt noch einmal live auftreten werde. Wenn, dann würde das sehr spontan erfolgen.

Bitte festhalten: nächstes Jahr wird er siebzig

Der Moment dafür wäre dann vermutlich der 8. Januar des kommenden Jahres. An jenem Tag wird David Bowie, bitte festhalten, tatsächlich siebzig Jahre alt. An diesem Freitag des Jahres 2016 wird er folglich 69, und das Geburtstagsgeschenk, das er sich punktgenau zur Veröffentlichung selbst gemacht hat, ist ganz schön elegant geraten. Sein Spezi Visconti zeichnet, wie seit Langem, abermals als Produzent verantwortlich. Übrigens handelt es sich um das nunmehr 25. Studioalbum. Als musi­kalischer Direktor für eine Begleittruppe, die David Bowie dem Vernehmen nach in einem New Yorker Jazzclub gecastet hat, fungiert diesmal der Tenorsaxofonist Donny McCaslin.

Sein Einfluss ist unüberhörbar. Gepflegten Barjazz oder glatte Poparrangements mit Bläsersektion sind aber mitnichten vorhanden. Epische Breite, in Sehnsuchtsferne schwelgende Soundlandschaften finden sich dagegen auf „Blackstar“ schon eher. Und vor allem gebrochene Metrik, immer mal wieder eine unvermutet hineingrätschende Dissonanz – gerade so, als wollte Bowie auf seine alten Tage noch den Indierockschuppen für sich entdecken.

Das will er aber gar nicht, denn die leitende Maßgabe des verschwiegenen Künstlers durfte Tony Visconti immerhin rapportieren. „Das Ziel war, Rock ’n’ Roll unbedingt zu vermeiden“, erklärte er im amerikanischen Musikmagazin „Rolling Stone“. Das hat geklappt. Zu hören gibt es ein außerordentlich stringent durchkomponiertes Album, das ein wenig zu handzahm im zeitgenössischen Jazz wildert, eine angemessene Prise Pop mit sich führt, vor allem aber deutlich zeitgenössische Strömungen der Alternativemusik adaptiert, dabei jedoch stets den großen Bogen sucht. David Bowies wehend-flehender Gesang (mehr denn je barmt der Meister) fügt sich prächtig dazu und krönt dieses ganz hervorragende Album.

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Bowie: Hallo Herr Welke, ein guter Artikel über ein Meisterwerk, aus meiner Sicht. Zwischen Jazzclub und Stadiontournee gibt es ja noch Zwischentoene...man sollte jedenfalls nichts unversucht lassen. VG, JS

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