Nobelpreisträger Steven Chu Einmal Politik und zurück

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Auf der Nobelpreisträgertagung in Lindau erzählte der Physiker Steven Chu von seiner Zeit als Energieminister der USA. Es sei eine lehrreiche Zeit gewesen, sagt er, und: Politiker könnten wissenschaftliche Expertise gebrauchen.

Viel Beifall erhielt Steven Chu in der Inselhalle in Lindau. Foto: Adrian Schroeder
Viel Beifall erhielt Steven Chu in der Inselhalle in Lindau.Foto: Adrian Schroeder

Stuttgart/Lindau - Wie viele andere brauche auch er sieben Stunden Schlaf am Tag, sagt Steven Chu. „Aber selbst wenn man von den 24 Stunden des Tages sieben abzieht, bleiben noch genug übrig.“ Er hat die Zeit genutzt: Als er 1997 den Nobelpreis für Physik erhielt, war er gerade einmal 49 Jahre alt. Außerdem mache er selten Urlaub, ergänzt Chu. Nur in seiner Amtszeit als Energieminister der USA habe er sich manchmal eine oder zwei Wochen freigenommen. Einen guten Teil dieser Zeit verbrachte er an der Universität Stanford in Kalifornien, wo er zuvor Professor war. Auch als Minister leitete er weiter eine Forschergruppe, meistens über Telefonkonferenzen. „In meiner Freizeit schreibe ich dann Fachartikel“, sagt er. Vor zwei Jahren gab er sein Amt in Washington auf und kehrte an seine Heimatuniversität zurück.

Diese Woche ist Steven Chu bei der jährlichen Tagung der Nobelpreisträger in Lindau. Eine gute Gelegenheit zu erfahren, welche Lehren er aus seiner Zeit in der Politik zieht. Der Unterschied ist schon äußerlich deutlich. Auf Bildern im Internet sieht man den Minister Steven Chu im dunklen Anzug. Beim Pressegespräch in Lindau trägt er ein offenes Hemd, Turnschuhe und weiße Socken. Wie waren die Jahre in Washington, D.C.? „Es war eine unglaubliche Lernerfahrung“, sagt Chu. Nicht nur, weil er im Amt Technologien kennengelernt habe, mit denen er sich noch nie befasst hatte. Er habe vor allem die Bedeutung finanzieller Motive erkannt.

Klimaschutz, schwer gemacht

Die amerikanische Politik leide immer stärker unter den hohen Kosten der Wahlkämpfe, sagt Chu. Die Spender unterstützten diese nicht nur aus Nächstenliebe. Vor allem aber will er auf die Ökonomie der erneuerbaren Energien hinaus. Die neuen Techniken müssen Kohle und Öl im Preis schlagen. „Das amerikanische Budget für Primärenergie liegt bei mehr als einer Billion Dollar im Jahr“, sagt er. „Das macht Klimaschutz so schwer.“ Als Minister hat Chu Förderprogramme für Forschungsprojekte aufgelegt. Riskante Projekte, die auch im Nichts enden konnten. Wichtig sei ihm gewesen, dass sie im Erfolgsfall wirklich etwas bewegen. An einem solchen Projekt forscht er nun selbst: Er will eine Autobatterie entwickeln, die nur 150 Kilogramm wiegt und die sich in wenigen Minuten für eine Strecke von 200 oder 300 Kilometern aufladen lässt. Ob das möglich ist, weiß er nicht. Aber wenn es gelingen sollte, wäre das der Durchbruch für die Elektroautos, sagt er.

Als Chu sein Amt 2013 aufgab, schrieb die „Washington Post“, er habe dafür gesorgt, dass sich das Energieministerium um Energie kümmere. Bei seinem Vortrag vor Hunderten Nachwuchsforschern in Lindau zitiert er aber lieber das Satiremagazin „The Onion“, das damals die Nachricht verbreitete, der Energieminister sei nach einer durchzechten Nacht mit einem Solarpanel im Bett aufgewacht. Am nächsten Tag gab Chu eine Mitteilung heraus, in der er schrieb, dass es angesichts der positiven Entwicklung der Solartechnik kein Wunder sei, dass sich immer mehr Amerikaner in sie verlieben.

Einsatz beim Brand der Deepwater Horizon

Der Nobelpreis habe ihm im Amt geholfen, sagt Chu. Die Politik könne wissenschaftliche Expertise gebrauchen. Das habe er unter Beweis gestellt, als er drei Wochen nach der Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon das Krisenmanagement übernahm. Eigentlich war der Innenminister zuständig, doch Obama schickte Chu nach Houston. „Helfen Sie denen“, soll der Auftrag gewesen sein. Dem Konzern BP war es bis dahin nicht gelungen, das Ölleck am Meeresgrund zu schließen. Chu suchte sich ein Team zusammen, in dem er weitgehend auf Experten der Ölindustrie verzichtete. Das sei überhaupt das Wichtigste im Amt gewesen: Immer die richtigen Leute zu holen und gegen die Bürokratie zu verteidigen, sagt er.

Die Forscher röntgten die Ventile der Ölleitungen, berechneten den Öl- und Gasfluss und halfen so BP, die Leitung nach zwei Monaten zu schließen. Für manche Entscheidung übernahm Chu persönlich Verantwortung, weil er meinte, das Risiko einschätzen zu können. „Ein Politiker hätte das nie getan“, sagt Chu. „Die verstecken sich immer hinter Kommissionen.“ Allerdings gibt er zu, dass ihm der Nobelpreis die Sicherheit gab, auch nach einer eventuellen Entlassung einen neuen Job zu finden.

„Moderat in meinen Ansichten“

Was hat ihn motiviert, das Amt zu übernehmen? „Ach, ich bin ziemlich moderat in meinen Ansichten“, sagt Chu. Als Wissenschaftler könne er an die extremen Posi­tionen sowieso nicht glauben: Dass fossile Energie immer die billigste Option bleiben wird, sei doch ebenso wenig ausgemacht wie die Behauptung, dass man die fossile Energie komplett ersetzen könne. Er würde es sogar begrüßen, wenn eine neue Generation von Atomreaktoren der Welt mehr Zeit für die Umstellung der Energiewirtschaft auf grüne Technologien gäbe. Doch die Reaktoren, die derzeit etwa in Finnland und Frankreich gebaut werden, seien so teuer geworden, dass sich keine Firma mehr an solche Projekte wage, sagt er. Also muss es ohne gehen, Chu ist da pragmatisch. Ein gutes Stück idealistischer klingt es jedoch, wenn er Europa empfiehlt, nationale Grenzen zu überwinden und erneuerbare Energie dort zu produzieren, wo es am günstigsten ist.

Sein zweites Motiv für den Wechsel in die Politik macht Chu am Ende seines Vortrags deutlich. Im dunklen Saal zeigt er ein Bild, dass Astronauten der Mission Apollo 8 Weihnachten 1968 zur Erde funkten. Sie hatten gerade den Mond umrundet und sahen die Erde als verletzliche blaue Kugel über dem staubigen, grauen Mond aufgehen. „Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass wir nicht auf dem Mond leben können“, sagt er. „Wir können einfach nicht woanders hingehen.“ Dafür bekommt er lauten Applaus.

Ein drittes Motiv könnte sein Ehrgeiz sein. Chu verteilt beim Pressegespräch und in seinem Vortrag ständig Noten. Sein erster Fachartikel aus dem Jahr 1977 bekommt zum Beispiel eine Drei minus. Man muss aber wissen, dass ihm allein aufgrund dieser Arbeit eine Stelle an der Universität von Kalifornien in Berkeley angeboten wurde – „dem damals besten physikalischen Institut des Landes“, wie Chu selbst sagt. Auch seine zwei Brüder stuft er ein: Er selbst stehe, wenn es nach der Intelligenz gehe, zwischen den beiden. Sein Motto nimmt er von Michelangelo: Die größte Gefahr liege nicht darin, anspruchsvolle Ziele zu verfehlen, sondern darin, sich ein leichtes Ziel zu setzen und nur dieses zu erreichen. Die USA, erzählt er noch, haben sich vor einigen Monaten verpflichtet, die CO2-Emissionen zwischen 2005 und 2025 um 26 bis 28 Prozent zu senken. „Dieses Ziel ist leicht zu erreichen“, sagt Chu. Aber die Republikaner seien dagegen. Mehr geht also nicht? Viele amerikanische Bundesstaaten seien schon viel weiter, sagt Chu, allen voran Kalifornien. „So ist es eben in den USA: Die Bundesstaaten gehen voran, und der Letzte, der folgt, sind die USA selbst.“

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