OB-Wahl in Stuttgart Die grüne Saat ist aufgegangen

Erik Raidt, 22.10.2012 07:06 Uhr

Stuttgart - Am Wahltag sucht Fritz Kuhn mittags noch einmal Ruhe. Mit seiner Frau und seinen Söhnen Leon und Mario spaziert er durch den Rosensteinpark. Auf den weitläufigen Wiesen leuchtet das gelbe Herbstlaub uralter Bäume. Noch wenige Stunden, dann wird Fritz Kuhn wissen, ob sein Weg bald wieder zurückführt nach Berlin-Frohnau, wo der Bundestagsabgeordnete noch wohnt, oder ob er Stuttgarts neuer Oberbürgermeister wird.

Vielleicht wäre er auch in Berlin noch weiter gekommen, wenn er diesen Schuss Arroganz nicht hätte. Walter Döring

Abends verdichten sich auf der Wahlparty im großen Sitzungssaal des Rathauses die Vorahnungen schnell zur Gewissheit. Noch ist kein einziger der 433 Wahlbezirke ausgezählt, da herrscht an jenem Stehtisch, um den sich die grüne Politprominenz versammelt hat, enormes Gedränge. Kameras werden in Position geboxt. Rezzo Schlauch ist als einer der Ersten gekommen. Er feixt, diesmal dürfe nichts schiefgehen. Der Landwirtschaftsminister Alexander Bonde schüttelt Hände, genauso wie der Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle. Der Erfolg hat viele Väter und Mütter, kein Grüner will an diesem Abend im Rathaus fehlen.

Nur für Minuten verlagert sich die Aufmerksamkeit aller Medien fort vom grünen Stehtisch: In genau dem Moment, als der Stuttgarter Altoberbürgermeister Manfred Rommel im Rollstuhl in den Sitzungssaal geschoben wird. Doch kurz darauf leuchten auf der Leinwand bereits die ersten Ergebnisse auf, und sofort liegt Fritz Kuhn mit drei Prozent in Führung. Am Ende wird es ein Kantersieg gegen seinen Kontrahenten Sebastian Turner. Kuhn holt fast 53 Prozent.

Es schließt sich ein Kreis

Dort, wo die Grünen auf ihren Wahlsieger nun warten, steigen die Temperaturen immer mehr an. Überall liegen sich grüne Stadträte, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete in den Armen. Nur wenige Meter entfernt ist gedämpftes Murmeln zu vernehmen. „Die CDU muss aus dieser Niederlage schnell Konsequenzen ziehen“, heißt es so und ähnlich, und die Worte der Enttäuschung finden über Kameras und Notizblöcke ihren Weg hinaus aus dem Stuttgarter Rathaus.

Um 19.15 Uhr öffnet sich ein Spalier im Raum. Die Hitze ist beinahe unerträglich, als Fritz Kuhn und Winfried Kretschmann den Raum betreten. Kuhn kämpft sich Schritt für Schritt voran durch dieses Treibhaus der Emotionen, dann steht er mitten im grünen Hexenkessel und wird von „Fritz! Fritz“-Rufen empfangen. Rezzo Schlauch ist einer der ersten, der sich Fritz Kuhn zur Brust nimmt: eine schnelle Umarmung, einen Klaps auf die Schulter, für mehr bleibt jetzt keine Zeit. Auch für Rezzo Schlauch schließt sich an diesem 21. Oktober 2012 ein Kreis.

Viel Zeit ist vergangen auf dem langen Marsch der Grünen in Stuttgart, der sie von ihren Kernvierteln im Westen und im Heusteigviertel hinaufgeführt hat zu Spitzenergebnissen auf den Halbhöhen, und der sie nun sogar mehrheitsfähig in Bad Cannstatt und in Außenbezirken wie Vaihingen und Plieningen gemacht hat. Über manche Rückschläge und etliche Erfolge sind viele Jahre ins Land gezogen, und einige der Leitwölfe der Grünen sind ergraut.

Rezzo Schlauch grinst. Wenige Tage vor Fritz Kuhns Triumph sitzt er im ersten Stock eines Italieners in der Calwer Straße. Zum Weißwein hat er Salat bestellt, es ist wirklich so. „Mich sprechen bis heute wildfremde Leute auf der Straße auf meine OB-Kandidatur an“, erzählt er und nickt mit dem Kopf hinüber zur Seite, „da drüben saßen wir damals, der Fritz und ich, im Chambre Separee und haben auf die Wahlergebnisse gewartet.“

Herbst 1996: Rezzo Schlauch trat im OB-Wahlkampf gegen Wolfgang Schuster an, vor dem zweiten Wahlgang roch es nach einer Sensation. Schlauch breitet noch einmal das politische Panorama dieser Zeit aus. Er redet darüber, wie damals der Anfang vom Abstieg der Sozialdemokraten begann, er erzählt, dass er es kaum fassen konnte, wie viele namhafte Unternehmer für ihn spenden wollten: „Das war vorher für mich unvorstellbar.“

Heute sind die Grünen ein Teil des bürgerlichen Blocks

Fritz Kuhn zog damals als Schattenmann von Rezzo Schlauch die Fäden. Nicht nur wegen seiner Statur verschwand er beinahe hinter dem Volkstribun. „Fritz Kuhn war der strategische Kopf, er hat die langen Linien der Politik entwickelt“, erzählt Schlauch. In den Anfangsjahren der Partei hätten viele gesagt, dass die Grünen vom Fleisch der SPD seien. Schlauch und Kuhn haben das nie geglaubt. „Für uns besaß es keinen politischen Nährwert, uns nur nach der SPD auszurichten, wir mussten auf das bürgerliche Lager schauen.“

Im entscheidenden Wahlgang holte Rezzo Schlauch gegen Wolfgang Schuster 1996 mehr als 39 Prozent der Stimmen. Das galt als politische Sensation, „damals stand der bürgerliche Block in Stuttgart noch uneinnehmbar“, erzählt Schlauch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch inzwischen sind die Grünen selbst ein Teil dieses bürgerlichen Blocks geworden. Die langen Linien des Finanzexperten Fritz Kuhn haben ihn selbst im Herbst seiner politischen Karriere von Berlin nun wieder in den Südwesten Deutschlands geführt: in Stuttgarts grünes Rathaus.