OB-Wahl in Stuttgart Die grüne Saat ist aufgegangen

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Ein Rückkehrer wird neuer Oberbürgermeister: über die Stuttgarter Vorgeschichte des Fritz Kuhn und den politischen Wandel in der Landeshauptstadt.

Am Ziel: Fritz Kuhn vollendet, was Rezzo Schlauch begonnen hat. Foto: Horst Rudel 10 Bilder
Am Ziel: Fritz Kuhn vollendet, was Rezzo Schlauch begonnen hat.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Am Wahltag sucht Fritz Kuhn mittags noch einmal Ruhe. Mit seiner Frau und seinen Söhnen Leon und Mario spaziert er durch den Rosensteinpark. Auf den weitläufigen Wiesen leuchtet das gelbe Herbstlaub uralter Bäume. Noch wenige Stunden, dann wird Fritz Kuhn wissen, ob sein Weg bald wieder zurückführt nach Berlin-Frohnau, wo der Bundestagsabgeordnete noch wohnt, oder ob er Stuttgarts neuer Oberbürgermeister wird.

Abends verdichten sich auf der Wahlparty im großen Sitzungssaal des Rathauses die Vorahnungen schnell zur Gewissheit. Noch ist kein einziger der 433 Wahlbezirke ausgezählt, da herrscht an jenem Stehtisch, um den sich die grüne Politprominenz versammelt hat, enormes Gedränge. Kameras werden in Position geboxt. Rezzo Schlauch ist als einer der Ersten gekommen. Er feixt, diesmal dürfe nichts schiefgehen. Der Landwirtschaftsminister Alexander Bonde schüttelt Hände, genauso wie der Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfle. Der Erfolg hat viele Väter und Mütter, kein Grüner will an diesem Abend im Rathaus fehlen.

Nur für Minuten verlagert sich die Aufmerksamkeit aller Medien fort vom grünen Stehtisch: In genau dem Moment, als der Stuttgarter Altoberbürgermeister Manfred Rommel im Rollstuhl in den Sitzungssaal geschoben wird. Doch kurz darauf leuchten auf der Leinwand bereits die ersten Ergebnisse auf, und sofort liegt Fritz Kuhn mit drei Prozent in Führung. Am Ende wird es ein Kantersieg gegen seinen Kontrahenten Sebastian Turner. Kuhn holt fast 53 Prozent.

Es schließt sich ein Kreis

Dort, wo die Grünen auf ihren Wahlsieger nun warten, steigen die Temperaturen immer mehr an. Überall liegen sich grüne Stadträte, Bürgermeister und Landtagsabgeordnete in den Armen. Nur wenige Meter entfernt ist gedämpftes Murmeln zu vernehmen. „Die CDU muss aus dieser Niederlage schnell Konsequenzen ziehen“, heißt es so und ähnlich, und die Worte der Enttäuschung finden über Kameras und Notizblöcke ihren Weg hinaus aus dem Stuttgarter Rathaus.

Um 19.15 Uhr öffnet sich ein Spalier im Raum. Die Hitze ist beinahe unerträglich, als Fritz Kuhn und Winfried Kretschmann den Raum betreten. Kuhn kämpft sich Schritt für Schritt voran durch dieses Treibhaus der Emotionen, dann steht er mitten im grünen Hexenkessel und wird von „Fritz! Fritz“-Rufen empfangen. Rezzo Schlauch ist einer der ersten, der sich Fritz Kuhn zur Brust nimmt: eine schnelle Umarmung, einen Klaps auf die Schulter, für mehr bleibt jetzt keine Zeit. Auch für Rezzo Schlauch schließt sich an diesem 21. Oktober 2012 ein Kreis.

Viel Zeit ist vergangen auf dem langen Marsch der Grünen in Stuttgart, der sie von ihren Kernvierteln im Westen und im Heusteigviertel hinaufgeführt hat zu Spitzenergebnissen auf den Halbhöhen, und der sie nun sogar mehrheitsfähig in Bad Cannstatt und in Außenbezirken wie Vaihingen und Plieningen gemacht hat. Über manche Rückschläge und etliche Erfolge sind viele Jahre ins Land gezogen, und einige der Leitwölfe der Grünen sind ergraut.

Rezzo Schlauch grinst. Wenige Tage vor Fritz Kuhns Triumph sitzt er im ersten Stock eines Italieners in der Calwer Straße. Zum Weißwein hat er Salat bestellt, es ist wirklich so. „Mich sprechen bis heute wildfremde Leute auf der Straße auf meine OB-Kandidatur an“, erzählt er und nickt mit dem Kopf hinüber zur Seite, „da drüben saßen wir damals, der Fritz und ich, im Chambre Separee und haben auf die Wahlergebnisse gewartet.“

Herbst 1996: Rezzo Schlauch trat im OB-Wahlkampf gegen Wolfgang Schuster an, vor dem zweiten Wahlgang roch es nach einer Sensation. Schlauch breitet noch einmal das politische Panorama dieser Zeit aus. Er redet darüber, wie damals der Anfang vom Abstieg der Sozialdemokraten begann, er erzählt, dass er es kaum fassen konnte, wie viele namhafte Unternehmer für ihn spenden wollten: „Das war vorher für mich unvorstellbar.“

Heute sind die Grünen ein Teil des bürgerlichen Blocks

Fritz Kuhn zog damals als Schattenmann von Rezzo Schlauch die Fäden. Nicht nur wegen seiner Statur verschwand er beinahe hinter dem Volkstribun. „Fritz Kuhn war der strategische Kopf, er hat die langen Linien der Politik entwickelt“, erzählt Schlauch. In den Anfangsjahren der Partei hätten viele gesagt, dass die Grünen vom Fleisch der SPD seien. Schlauch und Kuhn haben das nie geglaubt. „Für uns besaß es keinen politischen Nährwert, uns nur nach der SPD auszurichten, wir mussten auf das bürgerliche Lager schauen.“

Im entscheidenden Wahlgang holte Rezzo Schlauch gegen Wolfgang Schuster 1996 mehr als 39 Prozent der Stimmen. Das galt als politische Sensation, „damals stand der bürgerliche Block in Stuttgart noch uneinnehmbar“, erzählt Schlauch. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch inzwischen sind die Grünen selbst ein Teil dieses bürgerlichen Blocks geworden. Die langen Linien des Finanzexperten Fritz Kuhn haben ihn selbst im Herbst seiner politischen Karriere von Berlin nun wieder in den Südwesten Deutschlands geführt: in Stuttgarts grünes Rathaus.

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77 KommentareKommentar schreiben

@ Stuttgarter Christoph: Die Denunzierungen begannen bereits zu Mappuszeiten Richtung Bevölkerung. 'Fedehandschuh' ist nur ein harmloser Begriff der in diesem Zusammenhang gefallen ist. Und wer sich für eine Aufgabe als OB bewirbt, muss sich halt genauer überlegen, was man wie macht, um erfolgreich zu sein. Klüngel und Sponsoring helfen da selten.

Genug: Es ist genug der Häme, einiger Bildschirm-Tiger, die sich hier scheinbar in Rage schreiben ohne Nachzudenken. ich habe nicht fuer Kuhn gewählt, sondern fuer Turner. Es ist doch gut das jeder eine freie Wahl hat. ich würde trozdem niemals einen Kuhn Wähler beschimpfen oder Kuhn selber verunglimpfen. Ich stehe eben eher hinter einigen CDU Positionen in der Industrie Politik. Punkt. Wenn anderen ökologische Themen wichtiger sind, dann respektiere ich das. ABER: 1.) Wir sollten alle hoffen das Kuhn ein guter OB wird und kein schlechter. Im Sinne unserer Stadt. Auch die die Ihn nicht gewählt haben. 2.) ich finde es unerträglich wie Gegner der CDU, bereits bei der Landtagswahl oder bei der Volksabstimmung, ständig Plakate schänden, Veranstaltungen stören und versuchen andere zu bekehren. Lasst doch jeden einfach seine Meinung sagen. Man kann sich ja mit Sachthemen auseinandersetzen, aber was in Stuttgart seid 2 Jahren passiert ist nur noch rein emotional und ideologisch geprägt. das werfe ich den Grünen vor mit angestachelt zu haben. Egal welche Fehler gemacht wurden, jeder trägt eine Verantwortung das solche Dinge unterbleiben. Es bringt doch nicht sich ständig gegeneinander zu stellen. So kommt man als Gesellschaft nicht weiter! Mittlerweile sind sogar unsere Kinder in den Schulen davon infiziert und gruppieren sich. das ist doch nicht mehr normal! 3.) Man muss Hr.Turnen nicht immer abfällig als WERBEFUTZI oder sonstiges denunzieren. Das war eben sein Job. Wie andere Metzger, Lehrer oder Berufspolitiker sind, hat er eben eine Werbeagentur aufgebaut. Na und? Wieso immer dieses verächtliche lächerlich machen wollen Verhalten, oder ist es Neid? 4.) Die Zeitungen muessen nicht immer hunderte Dinge in Wahlen interpretieren, nur um etwas schreiben zu können. Im Moment gewinnen die Grünen eben mehr Wahlen bei uns, weil Sie Ihre Themen besser verkaufen und weil Sie besser mobilisieren. Die CDU macht das eben momentan sehr schlecht. Da kann man vorne hinstellen wen man will. Am Ende muss eine ganze Partei mobilisieren. Auch fehlt der CDU einfach ein gutes Thema das die Menschen bewegt. Die CDU ist wichtig, genauso wie auch die Grünen wichtig sind. jeder vertritt Positionen die gehört werden muessen. Das muss eine Gesellschaft und eine Demokratie aushalten!!!

das genau war meine Hoffnung: Aus der StN heute: '„Meine Einsamkeit im Stuttgart-21-Lenkungskreis als kritischer Kontrolleur hat mit der Wahl von Fritz Kuhn zum Stuttgarter OB ein Ende“, sagt Hermann am Sonntag.' und 'Der Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann will die Frage, wer Mehrkosten beim Bahnprojekt Stuttgart?21 übernehmen muss, gerichtlich klären lassen.' ( http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-minister-hermann-s-21-mehrkosten-vor-gericht-klaeren.697cf73d-e39d-43f8-b57a-c68ed823e82f.html ) Die nächste Lenkungskreissitzung ist im Januar. // Dank S21 und die in diesem Zusammenhang demonstrierte Staatsmacht - nicht zuletzt am 30.9. - entgegen jedwede Vernuft sind die bis dahin eher behäbigeren Schwaben aufgerüttelt worden und haben festgestellt dass ihre frühere Grundfesten ( CDU ) längst nicht mehr für dieselben Werte stehen wie früher und haben sich aufgemacht, die alten Werte in neuen Parteien und Personen zu suchen - und bei den Landesgrünen auch teilweise zu finden. // Als schon in Stuttgart Geborene und immer noch hier Ansässige, die jahrzehntelang nicht verstanden hat, dass sich bei keiner Wahl etwas ändert, freut mich diese Entwicklung außerordentlich. Und für Stuttgart bin ich heilfroh, dass uns ein weiterer 'Betonfreund' erspart bleibt.

Und der Fritz macht Tempo: Der neue Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn will die von der Landeshauptstadt Stuttgart im Jahr 2001 gekauften Flächen der Gäubahn (sogenanntes Gebiet D) an die Bahn zurückgeben und den Kaufpreis einschließlich Verzinsung zurückfordern. Damit werden der Bahn 22,8 Millionen Euro (14 Millionen Euro Kaufpreis plus Verzinsung von 5 Prozent pro Jahr) im Budget für Stuttgart 21 fehlen. Weitere Grundstücksrückabwicklungen hat Kuhn bereits angedeutet.

26 % der Stuttgarter Wahlberechtigten wählen Kuhn: von den 413348 wahlberechtigten Bürgern haben lt. StZ 102741 Herrn Kuhn gewählt, das sind 25,985 %. Ich nicht. Also Mehrheit sieht anders aus.

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