Österreich Tirol: Abseits!

Andreas Lesti aus Fieberbrunn, 24.02.2013 05:00 Uhr

Fieberbrunn - Es wird später, zugegeben, ganz guttun, wenn Rennleiter Markus Kogler in der Wärme der Gatterl-Hütte sagen wird, dass dort oben, am Gipfel des Wildseeloders, auch die Profis Respekt haben, wenn sie in die Tiefe des Nordhangs blicken. Wenn man als normaler Skifahrer dort oben steht, auf Tourenskiern am eisverkrusteten Gipfelkreuz, und der Wind peitscht Schneeflocken an die Skibrillengläser, wo sie augenblicklich gefrieren, dann kann man den Abhang nur erahnen: absurd steil, von hohen Felsen durchsetzt und von jedem halbwegs klar denkenden Skifahrer als „unbefahrbar“ einzustufen. Doch klares Denken ist nicht gefragt am zweiten März-Wochenende, wenn zum dritten Mal die Freeride World Tour in Fieberbrunn gastiert.

Das Skifahren abseits der Pisten

Wenn das Wetter mitspielt, dann fahren 48 Skifahrer und Snowboarder durch eben diesen Nordhang, springen über Felsen und Bäume, schießen durch Rinnen und schnellen durch den Tiefschnee ins Tal. Mit anderen Worten: Wer die Streif in Kitzbühel für wahnwitzig hält, der wird im Freeride-Abfahrtsrennen am Wildseeloder fortgeschrittenen Irrsinn erkennen. Doch genau dieser Irrsinn hat den Ort Fieberbrunn seit einigen Jahren verwandelt und ihm ein Image und Publikum beschert, das man bislang nur in den Westalpen gekannt hat. „Freeridebrunn“ sagen manche, vom „kleinen Arlberg“ sprechen andere. Und nun steht eben der Ort Fieberbrunn in einer Reihe mit Chamonix und Verbier, Revelstoke und Courmayeur. Fieberbrunn, das muss man dazusagen, hatte aber auch großes Potenzial, sich zu wandeln. Der Ort, im österreichischen Pillerseetal zwischen Kitzbühel und Saalbach-Hinterglemm gelegen, hat sich lange als „bestverstecktes Skigebiet der Alpen“ verkauft; auch weil es sonst keinen zu vermarktenden Superlativ gab: Die Berge hier sind nicht besonders hoch, die Lifte kratzen gerade so an der 2000-Meter-Grenze, es gibt noch keinen Pistenkilometer-Wahnsinn, und die touristische Struktur scheint irgendwann in den 1980er Jahren stehengeblieben zu sein. Da traf es sich ganz gut, dass vor zehn Jahren sechs einheimische Burschen beschlossen, einen Verein zu gründen, der sich für das Skifahren abseits der Pisten einsetzt: mit Filmen und Feiern, wie es sich für die junge Freeride-Szene gehört, aber auch mit Sicherheitskursen und Ausrüstungskunde.

Heute ist einer von ihnen Rennleiter des Freeride-Wettbewerbs und Skilehrerausbilder, einer Marketingchef bei den Bergbahnen und bei der Lawinenkommission aktiv, der andere Freeride-Profi und Filmproduzent. Und wenn man Markus Kogler, Sebastian Schwaiger und Matthias Haunholder trifft, merkt man ihnen diese Mischung aus Lebens- und Verantwortungsgefühl noch immer an. Der eine sagt: „Wir wollten uns von den Tiefschneefahrern unterscheiden und sind über die Felsen gesprungen - das war dann Freeriden.“ Der andere sagt: „Die ganze Stimmung von damals ist auf den Ort übergegangen.“ Und der Dritte sagt: „Es ist interessant, wie es sich rumgesprochen hat, dass man bei uns gut im Gelände fahren kann. Mittlerweile kommen sogar Skandinavier zu uns.“ Sie stehen auf dem Lärchfilzkogel neben der extra für die Freeride World Tour aufgebauten Schneetribüne, die einen großartigen Einblick in die Nordwand des Wildseeloders gewährt. 2500 Menschen können von hier aus das Rennen beobachten. Das Wetter ist besser geworden, und nun sieht man hinauf auf den imposanten Gipfel, von dem aus man noch gestern in die Tiefe geblickt hatte, sieht den Grat, der links vom „Contesthang“ zur Wildseeloderhütte führt und über den die Normal-Skifahrer im Schneegestöber vorsichtig abgefahren waren. Vermutlich eine gute Entscheidung. In dem ganzen Freeride-Hype hat man sich in Fieberbrunn nun auch seiner Geschichte erinnert und erkannt, dass ein paar einheimische Hasardeure den Wildseeloder schon in den 1950er Jahren mit Skiern abgefahren sind. Natürlich abseits der Pisten, denn Pisten gab es damals noch keine. Einer davon, so erzählt man sich, sei der Walter Perwein gewesen, der erste „Freerider im Pillerseetal“. Perwein, ein sympathischer Mann, der jünger wirkt als 75 und natürlich noch regelmäßig Ski fährt, steht in der Bar an der Talstation.

„Damals hat Big Mountain begonnen“

Über dem Eingang fliegen auf einer großen Videoleinwand junge Männer Abhänge hinab, und Perwein sagt: „So was haben wir auch gemacht - nur hieß es damals noch nicht Freeriden.“ Und dann beginnt er zu erzählen, wie er 1952 drei Männer beobachtet hat, die vom Wildseeloder abgefahren sind. Das hat gereicht, um Perweins Werdegang zu bestimmen. Von Fieberbrunn aus ging er später nach Zürs, dann nach Jackson Hole in Wyoming. Und wenn man Perwein dann fragt, wie das so war in Amerika, dann kramt er aus einer ledernen Aktentasche Ausschnitte aus einem Skimagazin mit Fotografien, die ihn im Jahr 1970 zeigen, wie er zwischen Baumwipfeln durch den blauen Himmel fliegt. Alle sind sprachlos, und nach einer Weile sagt Perwein: „Damals hat Big Mountain begonnen.“ Und als er dann in die Heimat zurückgekehrt ist, habe er das Potenzial der deutlich niedrigeren Berge erkannt - und dass Big-Mountain-Skifahren auch hier möglich ist.