„Orest. Elektra. Frauen von Troja“ im Stuttgarter Schauspielhaus Kriege sind nicht immer ein Jungensding

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Drama, Baby, Drama: Stephan Kimmig inszeniert in Stuttgart die Supertragödie „Orest. Elektra. Frauen von Troja“ – und liefert einen Abend ab, der an Originalität zu wünschen lässt.

Dunkler Hass: Anja Schneider als Elektra (links)  und Sandra Gerling als Orest Dunkler Hass:   Anja Schneider als Elektra (links) und Sandra Gerling als Orest Foto: Conny Mirbach
Dunkler Hass: Anja Schneider als Elektra (links) und Sandra Gerling als Orest Dunkler Hass: Anja Schneider als Elektra (links) und Sandra Gerling als OrestFoto: Conny Mirbach

Stuttgart - Mit Kindern arbeitet Stephan Kimmig gern. In seinen Augen sind sie der Inbegriff der Unschuld und damit bestens geeignet, die Schuld zu kontrastieren, die Erwachsene auf sich laden. So auch jetzt im Stuttgarter Schauspielhaus: per Video ist auf dem noch geschlossenen Vorhang ein helles Kindergesicht zu sehen, das in vier Sätzen die Lage erklärt. „Wir sind in Troja. Es herrscht Krieg. Dann sind wir im Land der Sieger. In Griechenland“, sagt das knabenhafte Mädchen, der mädchenhafte Knabe und untermauert mit heiligem Ingrimm den Ernst des beginnenden Spiels. Doch vier Sätze, gut gemeint, reichen als Orientierung nicht aus, um sich auf den verschlungenen Pfaden der griechischen Mythologie zurechtzufinden: Wer ist wer? Wie ist dieser mit jener verwandt? Und warum sind alle böse aufeinander? Das sind die Fragen, die sich an diesem Dreistundenabend eben nicht nur Kinder stellen. Irgendwas läuft schief in Kimmigs Inszenierung.

„Orest. Elektra. Frauen von Troja“ heißt das Stück, das der aus Stuttgart stammende, unter Friedrich Schirmer fest am hiesigen Schauspiel engagierte Regisseur auf die Bühne wuchtet. Und schon der summarische Titel deutet es an: Das Stück ist eine Synthese aus vier griechischen Tragödien, aus Aischylos’ „Totenweihe“, Sophokles’ „Elektra“ und Euripides’ „Troerinnen“ und „Orest“ – ein Schmelzprodukt aus der Fabrik des sonst sehr routiniert arbeitenden John von Düffel, der im vorliegenden Fall allerdings nicht sehr zuschauerfreundlich gedacht hat. In seinem neuesten Antikenprojekt verliert man häufig den Überblick und irrt zwischen nur halb vertrauten Namen umher – und das, obwohl die verkuppelten Dramen alle aus einem einzigen Sagenkreis stammen: „Orest. Elektra. Frauen von Troja“ handelt vom Fluch, der auf den Atriden liegt, von der Prophezeiung, dass sich dieses Geschlecht von Generation zu Generation selbst hinmetzeln wird.

Drama, Baby, Drama!

Die Prophezeiung trifft zu. Die Spielstätte wird zur Richtstätte, die im Schauspielhaus freilich die Form einer achteckigen Agora annimmt. Im dezenten Steingrau erhebt sich die von Katja Haß gebaute Kult- und Versammlungsstätte in der Bühnenmitte und bietet perfekte Auftritts­möglichkeiten für die agierenden Damen. Denn ausschließlich Damen sind es ja, die hier mit blutiger Anmut die Äxte schwingen. Drama, Baby, Drama: Sandra Gerling, Svenja Liesau, Astrid Meyerfeldt, Anja Schneider und Birgit Unterweger mimen in Mehrfachrollen immerzu Täter und Opfer und machen klar, dass Morden nicht nur ein Jungensding ist. Auch Frauen können böse sein, sagen uns Kimmig und Düffel – und wer jetzt einwendet, dass das eine nicht sehr aufregende neue Botschaft ist, hat recht. Aber in dieser sehr unoriginellen Inszenierung ist es noch das Originellste, das über die Rampe kommt. Denn dass Gewalt nur Gewalt erzeugt und jeder Gewalttäter seiner eigenen Wahrheit folgt, wusste man auch schon zuvor: die Supertragödie als Spartragödie, inhaltlich gesehen.

Und formal? Formal legen sich alle Beteiligten ins Zeug. Mit Eigensinn von Kathrin Plath kostümiert, arbeiten sich die Spielerinnen durch das Bewegungs- und Gestenvokabular, das sich der Regisseur für seine Modenschau der weiblichen Bestien ausgedacht hat. Zum Beispiel für Astrid Meyerfeldt: als Hekabe im glitzernden Abendkleid, als Klytaimnestra im blutdurchtränkten Nachtgewand mimt sie die klassische Tragödin und die ordinäre Schlampe, vom hohen Ton ins nieder-gehässige Zischen absteigend und dazwischen alle Sprachregister ziehend, derer sie mächtig ist. Das sind viele – und doch erstarrt auch Meyerfeldt in einer Virtuosität, die viel zu kalkuliert ist, um im Innersten zu berühren. Schade ist das nicht nur fürs Stuttgarter Publikum, sondern auch für Kimmig und Düffel. Vor vier Jahren hat dieses Duo nämlich schon einmal ein ambitioniertes, ebenfalls mit unschuldigen Kinderstimmen arbeitendes Antikenprojekt angepackt: „Ödipus. Stadt“ im Deutschen Theater in Berlin, ebenfalls vier Stücke von drei Autoren, mit Ulrich Matthes als Ödipus und Susanne Wolff als Kreon. Das Experiment glückte auf faszinierende Weise. Am Sonntag, dem 10. April, gastiert die Inszenierung im Ludwigsburger Forum. Hingehen – zumindest dann, wenn man sehen will, was jetzt in Stuttgart alles schiefläuft.

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