Ortsbesuch im Stuttgarter Hauptbahnhof Wo, bitte, geht’s hier zum ICE?

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Wer nicht täglich als Pendler im Stuttgarter Hauptahnhof unterwegs ist, kann durch die Baustellensituation schon mal den Überblick verlieren. Unserem Autor Sascha Schmierer jedenfalls kommen Zweifel, ob er der Welt der Verkehrsstrategen gewachsen ist.

Immer an der Wand entlang: Der Weg von den Fernzügen zum Nahverkehr führt die Passagiere auf zwei Fußgängerbrücken über die Trogbaustelle. Foto: Factum/Bach
Immer an der Wand entlang: Der Weg von den Fernzügen zum Nahverkehr führt die Passagiere auf zwei Fußgängerbrücken über die Trogbaustelle.Foto: Factum/Bach

Stuttgart - Nein, ich leide normalerweise nicht unter Orientierungslosigkeit. In der Regel finde ich mich schon halbwegs zurecht. Ein Navi habe ich nicht im Auto. Eine Landkarte genügt. Und auch den Fahrkartenautomaten der S-Bahn kann ich unfallfrei bedienen. Meistens jedenfalls.

Aber jetzt hier im Bahnhof, irgendwo zwischen Gleis 3 und 7, kommen mir doch leise Zweifel, ob ich der modernen Welt der Verkehrsstrategen überhaupt noch gewachsen bin. Wo, bitte schön, geht’s hier zum ICE? Wann kommt der Zug? Was ist eigentlich ein Querbahnsteig? Und wie sieht das hier überhaupt aus? Sind sich die Stuttgarter im Klaren, dass sie mindestens die nächsten sieben Jahre wie das liebe Vieh an einer rohen Bretterwand entlanggeleitet werden?

Ein Bahnhof ist kein guter Ort für halbwüchsige Mädchen

„Kannst du uns vielleicht abholen am Bahnhof?“, hat die Tochter ins Telefon geflötet. Natürlich kann ich. Für Anna-Lena tu ich alles. Weil das mit Geige und Gepäck nicht besonders komfortabel ist, sich vom Zug in die S-Bahn zu begeben. Und weil ein Bahnhof abends um zehn kein guter Ort für halbwüchsige Mädchen ist – gleich, ob er nun tiefer gelegt mit Lichtaugen klimpert oder es sich um einen althergebracht verkopften Sackbahnhof handelt.

Also bin ich auf dem Weg und hole ab. Doch schon die Sache mit dem Parkplatz ist eine Herausforderung. Wo, in Drei-Bahnchefs-Namen, soll ich bitte mein Auto abstellen, wenn ich jemand vom Bahnsteig auflesen muss? Ich kurve und kurve und sehe nichts als Baustelle und Drahtgitter. Absperrungen auf der einen Seite, Bagger auf der anderen. Wo früher mal mein Lieblingsparkplatz war, gähnt die S-21-Grube. Und wo man auch jetzt noch kurz mal halten könnte, steht leider schon die Polizei. Als ob die geahnt hätten, dass ich jetzt anrausche.

Früher habe ich die Familienkutsche ja immer bei den Bahnparkplätzen am Schlossgarten abgestellt, wenn ein Chauffeurdienst gefragt war. Anfahrt übers Neckartor, Lücke suchen, auf den Bahnsteig hechten, Begrüßungsküsschen, Gepäck schnappen und ins Freie wuchten, Kofferraum auf, einsteigen, losfahren. War eine aus meiner Sicht tauglich eingerichtete intermodale Verknüpfung der Verkehrswege. Und klappte meist ohne Strafzettel.

Wegführung im Hauptbahnhof. Zu einer größeren Ansicht der Grafik geht es hier.