Oskar-Beck-Kolumne Im Kugelhagel rettet das FBI den Sport

Von Oskar Beck 

Die US-Bundespolizei hat ihr bestes Jahr seit 1934 hinter sich – fragen Sie den Fußball-Weltverband Fifa oder das ehemalige Gangsterpärchen Bonnie und Clyde, schreibt unser Kolumnist Oskar Beck.

Ein FBI-Agent auf der Suche nach Spuren Foto: dpa
Ein FBI-Agent auf der Suche nach SpurenFoto: dpa

Miami - Der Sport wählt zurzeit seine Helden – aber wichtiger als der Fußballer oder der Wurftaubenschütze des Jahres ist erstmals der Ermittler des Jahres.

Wir gratulieren dem FBI.

Ohne die Spürnasen der größten Polizeibehörde der Welt hätte der Sport einpacken und seinen Rücktritt erklären können – und ohne das FBI wären uns 2015 auch die fesselnden Bilder aus dem Zürcher Hotel Baur au Lac verwehrt geblieben, von wo scharenweise Fifa-Dunkelmänner mit einer Decke über dem Kopf abgeführt wurden.

Das Zürich der USA ist Miami, Sitz des Verbandes Concacaf

Seit ein paar Tagen befinden wir uns zur journalistischen Weiterbildung in puncto Verbrechensbekämpfung im Zürich der USA, also in Miami. Hier hat der für die Karibik und Amerika zuständige Fifa-Außenposten seinen Sitz, eine ehrenwerte Gesellschaft namens Concacaf, und wenn die verdeckten FBI-Ermittler Sonny Crockett und Rico Tubbs aus der TV-Kultserie „Miami Vice“ noch aktiv wären, hätten sie vor lauter Fußballpaten gar keine Zeit mehr, um flankiert von rassigen Ferraris, schönen Frauen und fetziger Popmusik niederträchtige Drogenhändler, Waffenschmuggler und Geldwäscher zu überführen.

„In den Sümpfen“ hieß eine jener 113 Verbrecherjagden mit Don Johnson und Philip Michael Thomas in den 1980er Jahren – aber der tiefste Sumpf mit den fettesten Krokodilen befindet sich nicht in den nahen Everglades, sondern hinter der Hausnummer 1000 am glamourösen Miami Beach. Ständig tragen dort FBI-Beamte Computer und Kartons heraus und verhaften nebenbei Fußballfunktionäre wie zuletzt den mexikanischen Verbandschef Decio de Maria, seinen Vorgänger Justino Compean und weitere Dunkelmänner. Mexikos Staatspräsident Enrique Pena Nieto, aufgeschreckt durch die Razzia in Miami, bezichtigte die Landsleute empört „schändlicher Taten“.

Das Büro ist wegen Personalnot inzwischen führungslos. Erst wurden die Concacaf-Bosse Jeffrey Webb (Cayman Islands) und Jack Warner (Trinidad und Tobago) aus dem Verkehr gezogen, und der in Zürich verhaftete Interimspräsident Alfredo Hawit (Honduras) ist zwar vor ein paar Tagen wieder heimgekehrt – aber die Schweiz hat ihn nicht an seine Familie in Miami, sondern lieber an das FBI ausgeliefert. „Wir haben ihn“, gab die FBI-Sprecherin Kelly Langmesser bekannt.

Weitere Fälle für das FBI: Tennis und Boxen

Der Name passt, die Nächte der langen Messer häufen sich. Aus Sicht des Fußballs war es jedenfalls das zweitbeste Jahr der US-Bundespolizei seit 1934 – damals brachten FBI-Agenten im Kugelhagel den Bankräuber John Dillinger und das Gangsterpärchen Bonnie und Clyde zum Schweigen.

Mittlerweile liegt Sepp Blatters durchlöcherte Fifa in ihrem Blut, aber mit dem Fußball ist es nicht mehr getan, die zupackende Art der Amis wird auch anderweitig benötigt. Wer, wenn nicht das FBI, soll beispielsweise die Wettmanipulationen im Tennis lückenlos aufdecken? Und auch als Boxfreund wüsste man zuweilen gerne mehr. Neulich fand in Offenburg ein etwas rätselhafter WM-Kampf statt zwischen Giovanni De Carolis und Vincent Feigenbutz.

Warum ein in der unabhängigen Weltrangliste auf Platz 35 geführter Italiener und ein auf Rang 25 positionierter, relativ talentfreier deutscher 20-Jähriger um die WM boxen durften? Antwort: der Weltverband WBA schminkte den eigentlichen Titelhalter Tschudinow geschwind zum „Superchampion“ hoch, so dass plötzlich ein neuer Weltmeister gesucht werden konnte – und zündend wurde der WM-Fight verkauft als „Die Stunde der Wahrheit“.

Abhöraktion führt zu korruptem NBA-Schiedsrichter

Nach der Wahrheit, finden böse Zungen, sollte besser das FBI suchen. Beim Boxen war die US-Polizei schon gut, als noch der Mafiaboss Frankie Carbo das Geschäft kontrollierte und Weltmeister wie Jersey Joe Walcott, Sugar Ray Robinson und Sonny Liston unter der Schirmherrschaft des Gangsters kämpften. Der US-Justizminister Robert Kennedy brachte Carbo dann zur Strecke.

Wenn das FBI vom sportlichen Ehrgeiz gepackt wird, wird es spannend. Vor Jahren stießen die Ermittler anlässlich einer Abhöraktionen gegen die Mafia in Philadelphia zufällig auf den Namen des Schiedsrichters Tim Donaghy. Der gestand, Basketballspiele verschoben zu haben, ging in den Knast – und die NBA, heißt es, ist seither sauber.

Rettet das FBI den Sport?

Jäh jaulen an der Stelle alle Amerika-Hasser auf, und wehe, es geht auch noch um die Ermittlungen bezüglich der Fußball-WM 2018 in Russland und um den Verdacht von Stimmenkäufen – schnell wittern die Ideologen eine politische Verschwörung Washingtons gegen Putin.

Ist nach Blatter und Diack bald Moustafa dran?

Denkt das FBI aber womöglich viel einfacher: Will es nur den Saustall Sport auskehren? Die frühere US-Sprintkönigin Marion Jones war jedenfalls keine Russin, sondern hat sich in puncto Doping einfach nur einen Meineid geleistet und dafür mit sechs Monaten in gesiebter Luft bezahlt. Kein Russe war auch der Radlergott Lance Armstrong, er hatte einfach nur Dreck am Stecken, und mit ihm stürzte sein Weltverbandspräsident Pat McQuaid.

Das FBI hat eine Lawine losgetreten, denn weitere Sportarten beäugen inzwischen pingelig ihre Präsidenten. Sepp Blatter ist entmachtet, der korrupte Leichtathletikboss Lamine Diack sogar verhaftet – und der ägyptische Handballweltpräsident Hassan Moustafa, den die einen „Pharao“ und andere „Blatter“ nennen, wünscht sich in seinem Amtssitz Basel womöglich händeringend, dass das FBI nie einen Siebenmeter gegen ihn pfeift.

Steigender Kopfumfang und schrumpfende Hoden

Das FBI kann nämlich bissig sein, und wenn es einer weiß, dann Barry Bonds. Der war in San Francisco früher der König des Baseballs, bis ihm die FBI-Agenten den Dopingprozess machten und ihm die Zeugen nur so um die Ohren hauten, als es um die schreckliche Wirkung der Steroide ging. „Plötzlich hat Barry einen größeren Helm gebraucht“, erinnerte sich beispielsweise der Clubhausmanager an den dramatisch anschwellenden Kopfumfang des Stars, während Kimberly, Bonds langjährige Geliebte, unterhalb der Gürtellinie das noch viel grässlichere Gegenteil bemängelte: „Barrys Hoden sind geschrumpft.“

Spätestens seitdem ahnt jeder Doper, dass mit den Jungs vom FBI nicht zu spaßen ist – weil sie einem notfalls den Kopf vermessen, die Hoden abtasten und beweisen, dass Steroide nicht das Gelbe vom Ei sind.

Zum Abschluss der Sportlerwahlen 2015 ernennen wir das FBI deshalb mit Applaus zum Ermittler des Jahres, vor der Fifa-Ethikkommission – und Platz drei geht an die Kanzlei Freshfields, die nun schon seit Monaten im Auftrag des DFB Tag und Nacht prüft, ob man zur Aufklärung des Sommermärchens 2006 nicht sicherheitshalber auch noch die Amis hinzuziehen sollte.

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