Oskar-Beck-Kolumne Mr sott d’Äpfl ra do

Von Oskar Beck 

„Wir müssen“ , sagen alle Politiker. Warum tun sie es dann nicht? Eine gute Frage ist das. Die Fußballer zeigen immerhin, wie es geht.

Mr sott mehr Tore schießen: Auch Joachim Löw gehört neuerdings zur „Wir müssen“-Fraktion. Foto: Getty
Mr sott mehr Tore schießen: Auch Joachim Löw gehört neuerdings zur „Wir müssen“-Fraktion.Foto: Getty

Stuttgart - Die Gesellschaft der deutschen Sprache kürt regelmäßig das Wort des Jahres und auf besonderen Wunsch auch das Unwort des Jahres – aber 2015 muss das Repertoire erweitert werden durch das Doppelwort des Jahres.

Der Gewinner ist: „Wir müssen.“

„Wir müssen“ sagt neuerdings jeder, der sprechen kann, vor allem jeder Politiker – aber weil da zwei Wörter den Doppelpass spielen, fangen wir mit dem Fußball an, und zwar mit dem Bundestrainer. Jogi Löw hat nach den lauen letzten Spielen fast in einem Atemzug geschwind die Dreifachforderung ausgestoßen: „Wir müssen die Effizienz verbessern. Wir müssen die Konzentration schärfen. Wir müssen lernen, gegen einen Gegner wie Irland auch mal ein Tor zu machen.“

Wir müssen, und das dringend und überall, denn die Torflaute unserer Weltmeister ist bei weitem nicht der einzige Brennpunkt dieser Welt. An allen Ecken und Enden ist entschlossenes Eingreifen und zupackendes Handeln verlangt, und wir müssen jetzt ganz schnell Gas geben.

Auch Barack Obama ist ein Freund der Floskel

Wie es geht, zeigt Barack Obama nach jedem Amoklauf eines schießwütigen Entgleisten in einem US-College. Zum hundertsten Mal hat der Präsident nach der jüngsten Tragödie die Stimme erhoben und ist zur Gegenwehr übergegangen mit der Waffengewalt dieser zwei Worte: Wir müssen. „Wir müssen unsere Kinder besser schützen“, sagt Obama, „wir müssen unsere Gesetze ändern.“

Ja, dann tu es doch!, rufen ihm die Ungeduldigen mittlerweile entgegen und zitieren aus den alten Schriften von John F. Kennedy: „Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“

Wir müssen. Soviel steht jedenfalls fest, auch bei uns hier, da sind sich alle einig: Wir müssen essen, wir müssen schlafen, wir müssen sterben, wir müssen pinkeln, aber vor allem, sagen sich die Politiker, müssen wir in der Flüchtlingskrise wichtige Dinge sagen. „Wir müssen Schlepper und Schleuser bekämpfen“, sagt die Kanzlerin. „Wir müssen wirksam in den Herkunftsländern helfen“, sagt der Vizekanzler. „Wir müssen bei den Asylverfahren schneller werden“, sagt der Innenminister und setzt nach: „Und wir müssen in Europa solidarisch denken“. Zumindest der Papst fühlt sich angesprochen, aus dem Vatikan hat Franziskus verlauten lassen: „Wir müssen intelligent sein und im Dialog der Länder untereinander eine Lösung finden.“

Findet endlich eine Lösung!

Ja!, rufen da schon wieder die Ungeduldigen. Seid intelligent! Findet eine Lösung! Wir haben Euch gewählt und auserwählt – wer, wenn nicht Ihr?

Wer ist eigentlich immer gemeint mit „Wir“?

Wir Schwaben wissen es. Es ist der uralte Bauerntrick, manche sagen inzwischen auch Hausfrauentrick, und er geht so wie im Hause B. vor ein paar Tagen, als morgens beim Kaffee die Frau plötzlich beiläufig sagte: „Mr sott d’ Äpfl ra do.“ Wenn Frau B. Hochdeutsch könnte, hätte sie gesagt: Man sollte die Äpfel vom Baum ernten – und das „Man“ betont scharf mit zwei „n“ ausgesprochen.

Dieser unüberhörbare Sprachfehler ist auch der Trumpf der Politiker: Sie sagen „mr sott“ – meinen aber immer andere.

Vollmundig hocken sie in den Talkshows, halten Fensterreden, lassen sich für ihre Schaumschlägereien von ihren mitgereisten Claqueuren beklatschen – und es ist gut, dass gelegentlich ein in seinen frühen Jahren an der Front einer Sportredaktion abgehärteter Journalist in so einer Runde sitzt, sich die hohen Stollen unter den Kickstiefel schraubt und mit der Grätsche in die Debatte fährt wie unlängst Hajo Schumacher bei Günter Jauch – mit geplatztem Kragen und gestrecktem Bein hat er plötzlich gepoltert: „Was Sie hier zelebrieren, hilft keinem Flüchtling, keinem Helfer und keinem Bürger. Es ist nur Gequatsche!“

Es droht die Rückkehr von Mario Gomez

Wir vom Sport können deftig, derb und deutlich werden, und wenn ein Fußballer „Wir müssen“ sagt, belässt er es nicht bei der Sprechblase – neulich hat der VfB-Kapitän und Tabellenletzte Christian Gentner erklärt: „Wir müssen uns hinterfragen, warum wir das System vor Saisonbeginn mit Leben gefüllt haben und danach nicht mehr.“ Wir, damit meint Gentner nicht den Platzwart oder die Putzfrau im VfB-Restaurant, sondern sich und seine Mitspieler – und auch Jogi Löw bläst sein eingangs erwähntes „Wir müssen“ nicht abstrakt durch den luftleeren Raum, sondern droht seinen Stürmern mit Sonderschichten zur Förderung ihres Torschusses und Killerinstinkts und, als besonders gemeine Repressalie, mit dem Zurückholen von Mario Gomez.

Der Fußball muss jetzt nur noch zeigen, dass es auch seine Funktionäre bei Worthülsen nicht belassen. „Wir müssen“, hört man auch da immer öfter, wenn es um die Solidarität im Fifa-Chaos geht, vehement hat zum Beispiel der Bundesligapräsident Dr. Reinhard Rauball verkündet: „Die großen Nationalverbände und Ligen in Europa sind zwingend gefordert, mit einer gemeinsamen Position ihr Gewicht für einen echten Neuanfang einzubringen.“

Der Meister des Müssens heißt Sepp Blatter

„Wir müssen“, sagt lauthals unser Deutscher – doch die Franzosen stehen nach wie vor hinter Platini, die Engländer und die Spanier auf dem Schlauch und Putins Russen eisern auf Blatter, diesen aufrechten Schweizer, schließlich hat der schon vor vielen Jahren nach einer seiner Wiederwahlen von seiner Fifa energisch gefordert: „Wir müssen unsere Reputation zurückgewinnen“. Sepp Blatter war der Meister des Müssens: Wir müssen transparent sein, wir müssen ehrlich sein, wir müssen sauber sein – wieder und wieder hat er diese entzückenden Dinge gesagt und dabei geklungen wie einer von denen, die sogar nachts um drei aufstehen, weil sie müssen.

Künftig hat er nun endlich Zeit, etwas dagegen zu tun. Und es gibt ein Mittel. Hell begeistert berichten die Apotheker von einem aus den Extrakten der Brennesselwurzel gewonnenen Medikament, das gegen Blasenreizung, Harndrang und diesen lästigen Zwang des ständigen Müssens hilft – bei beliebten TV-Vorabendserien wie „Rosenheim Cops“ sieht man in der Fernsehwerbung immer wieder graumelierte Männer wie dich und mich, die befreit und glücklich in die Kamera lachen, flankiert vom wunderbaren Slogan: „Weniger müssen müssen.“

Zwei Kapseln am Tag genügen.

  Artikel teilen
1 Kommentar Kommentar schreiben

herr beck, bitte nicht wieder: ich musste eben im büro vor meinem pc laut lachen. meine kollegen haben mich ganz vorwurfsvoll angeschaut. also ab sofort bitte ihre glosse abends rausbringen. danke.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.