Krimikolumne

Ottessa Moshfegh: Eileen Durch dick und dünn

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Was ist eines der Qualitätsmerkmale für außergewöhnliche Literatur? Wenn sie dem Leser einen Menschen nahebringt, mit dem man im echten Leben so gar nichts zu tun haben will. Ottessa Moshfegh ist dieses Kunststück in ihrem düsteren Roman „Eileen“ gelungen.

Ottessa Moshfegh legt eine atmosphärisch dichte Milieuschilderung vor. Foto: Kimiya Ayubi
Ottessa Moshfegh legt eine atmosphärisch dichte Milieuschilderung vor. Foto: Kimiya Ayubi

Stuttgart - Eileen Dunlop ist eine junge Frau aus dem amerikanischen White-Trash-Millieu. Sie lebt bei ihrem Vater, einem frühpensionierten Polizisten, mit dem sie außer dem Haus und dem Hang zum Alkohol recht wenig teilt. Eileen arbeitet in der Verwaltung eines Knasts für jugendliche Straftäter, wo sie mit grimmigem Interesse ihre Sozialstudien anstellt, ansonsten aber als - nach eigener Wahrnehmung - hässliche Einzelgängerin durchs Leben stapft.

Es ist ein trostloses Leben zwischen Kolleginnen, die sie hasst, einem Aufseher, den sie aus der Ferne anschmachtet und den Jungs, zum Teil noch Kindern, die die ganze Härte des amerikanischen Justizsystems der 1960er Jahre zu spüren bekommen. Doch von Anfang an gelingt es Ottessa Moshfegh, so etwas wie Empathie für dieses spröde Wesen zu wecken. Ihrer dichten Milleuschilderung und geschickt vorantreibenden Leitmotiven ist es zu verdanken, dass die über weite Strecken unspektakuläre Handlung mit stetem Sog nach vorne strebt.

Da ist die regelmäßige Sauferei, da ist ihr Vater, der an der Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit stets seinen alten Dienstrevolver bei sich hat, da ist der kalte Winter Neuenglands, da ist Eileens altes Auto, in dessen Innenraum giftige Abgase eindringen, da ist - noch einmal - der Revolver, den Eileen an sich nimmt und mit sich herumschleppt.

Ein Wesen von einem anderen Stern

Eigentlich plant die junge Frau schon lange den Absprung, aber sie ist viel zu sehr in ihrem trägen Alltagstrott gefangen, als dass sie es auch schaffte. Doch eines Tages geschieht etwas Unerwartetes: wie ein Wesen von einem anderen Stern taucht eine wunderschöne, selbstbewusste Erziehungsbeauftragte in dem Gefängnis auf. Eileen vergisst ihren Schwarm und verliebt sich in diese Rebecca Saint John - bereit, mit ihr durch dick und dünn zu gehen.

Und diese Prüfung wartet dann tatsächlich auf die beiden jungen Frauen. Es geht um ein jahrelang vom eigenen Vater vergewaltigtes Kind, es geht um eine Mutter, die nicht nur wegschaut, sondern den Buben abends immer mit Einläufen präpariert, es geht um Mord und Totschlag. Rebecca zieht ihre Kollegin in die Sache hinein und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ob und wie glücklich das Ende ist, sei natürlich nicht verraten. Nur soviel: Eileen, die das Geschehen im Rückblick als alte Frau erzählt, scheint nach den Irrungen und Verwirrungen ihrer ersten zweieinhalb Lebensjahrzehnte so etwas wie ihren Frieden gefunden zu haben. Einige andere freilich leben da schon lang nicht mehr.

Otteassa Moshfegh: Eileen. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind Verlag, 336 Seiten, 22 Euro, auch als E-Book