ExklusivPädophilen-Bericht Grüne Jugend gegen Schlussstrich

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Der Sprecher der Grünen Jugend hat seine Partei dafür gelobt, dass sie sich den pädophilen Verstrickungen in ihrer Vergangenheit gestellt habe. Eine weitere Aufarbeitung müsse aber folgen.

Die Chefin der Südwest-Grünen Thekla Walker findet es befremdlich, wie die pädophilen Forderungen in den 80er Jahren in die grüne Politik eingeflossen sind. Foto: dpa
Die Chefin der Südwest-Grünen Thekla Walker findet es befremdlich, wie die pädophilen Forderungen in den 80er Jahren in die grüne Politik eingeflossen sind.Foto: dpa

Stuttgart - Für die Chefin der Südwest-Grünen, Thekla Walker (45), ist es „völlig befremdlich“, wie die Debatte damals gelaufen ist: Es geht um das Einsickern pädophiler Forderungen in grüne Wahlprogramme in den 80er Jahren, die das Göttinger Institut für Demokratieforschung in einem Bericht bewertet hat. Sie sei „dankbar“, dass „die grünen Feministinnen“ die Forderungen nach einer Abschaffung der Strafbarkeit sexueller Handlungen mit Kindern zurückgedrängt hätten, sagt Walker: „Spannend an dem Bericht sind für mich die gesellschaftlichen Hintergründe.“

Der Sprecher der Grünen Jugend, Erik Marquardt, lobt, dass sich die Partei der Vergangenheit stelle; nun dürfe aber kein Schlussstrich gezogen werden, der Bericht müsse die Basis für eine weitere Aufarbeitung sein: „Wir haben eine Verantwortung. Durch die Programme haben wir zur Legitimation von Pädophilie beigetragen.“

Die Autoren um Franz Walter schildern auch den wissenschaftlichen Kontext der Debatte: Schon Sigmund Freud habe „Berichte von sexuellem Missbrauch in der Kindheit vielfach reiner Fantasie“ zugeschoben, sein Schüler Wilhelm Reich hielt eine Überwindung des Faschismus nur für möglich, „wenn der Sexualität keine Grenzen gesetzt werden“. Das Aufbegehren gegen alte Moralvorstellungen – vor allem die Strafbarkeit von Homosexualität – gipfelte bei den 68ern im Ruf nach allgemeiner Libertinage, und sie erfasste Teile der Erziehungs- und Rechtswissenschaft. Die Monatszeitschrift „betrifft: erziehen“, abonniert von 30 000 Personen, brachte 1973 „prominent eine Apologie der Pädophilie“, heißt es in der Studie. Reinhart Lempp, 1971 an der Uni Tübingen zum Ordinarius berufen, berichtete in der „Neuen juristischen Wochenschrift“, dass „die selbstverständliche Annahme einer seelischen Schädigung der Kinder durch sexuelle Delikte“ auf eine „tradierte besondere Tabuisierung des Sexuellen überhaupt“ zurückgehe.

Viele Psychologen hielten Sex mit Kindern für unbedenklich

Viele Kriminologen, Soziologen, Psychologen und Pädagogen „bezweifelten, relativierten oder bestritten“ , dass Kinder durch Sex mit Erwachsenen Schäden erlitten, sagen die Autoren. Der auch als Gerichtsgutachter tätige Psychologe Helmut Kentler schrieb in der Aufklärungsbroschüre „Zeig mal!“ (Auflage: 90 000 in Deutschland), dass sexuelle Kontakte zu Kindern unbedenklich seien, „wenn solche Beziehungen nicht von der Umwelt diskriminiert“ würden.

Bei den gegen Repression und für Minderheitenrechte eintretenden Grünen – aber auch bei der FDP – fanden pädophile Lobbyvereine wie die „Deutsche Stiftung und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“ einen „Resonanzraum“. Aus der Schwulenbewegung kam der Druck für Straffreiheit von Sex mit Minderjährigen. Aber es gab früh Widerspruch, etwa von Alice Schwarzer oder dem Sexualwissenschaftler Günter Amendt, die auf das Herrschaftsverhältnis von Erwachsenen zu Kindern hinwiesen, die eine gleichberechtigte Beziehung unmöglich machten.

Es waren Feministinnen, aber auch konservative Öko-Politiker wie Baldur Springmann, die sich bei der Grünen-Bundesversammlung 1980 dagegen wehrten, dass „nur bei Androhung oder Anwendung von Gewalt“ Sex mit Kindern strafbar sei. Mitte der 80er Jahre ging die Partei auf Distanz zu pädophilen Forderungen. Die Gesamtschau der Grünen-Programme zeige, „dass die vorhandenen Beschlüsse und Entscheidungen mehr als lediglich Einzelfälle sind“, urteilen die Göttinger. Aber nicht alle Programme seien davon durchdrungen: Hessen, Bayern und teilweise Berlin hätten pädophile Forderungen „ausdrücklich zurückgewiesen“.