InterviewPhilosoph Wilhelm Schmid Wir suchen Schuldige

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Wir können nicht alles kontrollieren, sind aber nicht mehr geübt darin, Ohnmacht zu akzeptieren. Stattdessen werden Fehler und Schuldige gesucht. Kommt daher die Idee, jemand müsse an einem Schicksal schuld sein?
Die Schuldfrage haben wir aus dem Christentum übernommen. In diesem Denken ist man ja schon mit der Geburt schuldig. Ich bin nicht mal sicher, ob es so was wie Schuld wirklich gibt. Ich sehe ein, dass es für das soziale Funktionieren einer Gesellschaft sinnvoll ist, Schuld zuzuschreiben.
Aus Sicht mancher Psychologen gilt das Empfinden von Schuld als eher zu ertragen denn das Gefühl kompletter Ohnmacht, weil Ohnmacht Ausgeliefertsein bedeutet und Schuld einen Rest von Kontrolle beinhaltet.
Für Menschen, die mit Leid konfrontiert sind, ist es sehr schwer zu realisieren, dass es blanken, sinnlosen Zufall gibt. Daher kommt die Fragestellung, was man hätte tun können, um das Leid zu verhindern – und daraus resultiert der Schuldgedanke. Es gibt tausend Momente, an denen wir hätten anders handeln können. Aber die Kette der folgenden Ereignisse kann man in keinem Fall voraussehen. Daran ändert sich niemals etwas.
Bedeutet dieses Wissen um den Zufall auch etwas für den Traum vom Glück?
Das ist sehr wichtig für das Glück. Denn der größte Anteil des Glücks entspringt nach wie vor dem Zufall. Nur wir modernen Menschen wollen das nicht wissen. Aber jeder, der auf sein Leben schaut, wird sehen, wie viel von dem, was er ist, Planung war und wie viel in Wahrheit Zufall war.
Was würden wir gewinnen, wenn wir uns daran öfter erinnerten?
Das könnte ein anderes Verhältnis zum Leben zur Folge haben. Wir könnten uns sagen: Ich kann nicht alles planen und alles kontrollieren. Ich muss auch annehmen, was ist.
Manchmal klappt ja auch alles, und der Traum vom Glück scheint wahr zu werden. Warum bleibt dieses Gefühl nicht bei uns?
Wenn eintrifft, was wir uns gewünscht haben, können wir im Moment sehr glücklich darüber sein. Wenn es dumm läuft, endet das Gefühl schon mit dem Kater am nächsten Morgen. Ich habe bei meiner Arbeit im Krankenhaus mal einen Mann vor mir gehabt, der gerade im Rollstuhl gelandet war. Ich habe mit ihm über sein Gefühl gesprochen, ganz unten zu sein. Von da betrachtet kann es nur aufwärtsgehen. Wer ganz oben ist, der spürt eben auch wie beim Rundblick vom Gipfel eines Berges: es geht nicht mehr weiter hoch. Was ist das bessere Gefühl?