Anzeige

Pilgerweg Via Nova: Grenzerfahrung

Von Rainer Heubeck aus Buchwald 

Jakobsweg war gestern! Auf dem Pilgerweg Via Nova zwischen Bayern und Tschechien findet man Stille, Frieden und innere Ruhe.

Putto in der Benediktinerabtei St. Michael im niederbayerischen Deggendorf.  Foto: SoAk
Putto in der Benediktinerabtei St. Michael im niederbayerischen Deggendorf. Foto: SoAk

Buchwald - Schwer drücken die Eisenketten auf die Schultern von Simone Krampfl. Langsam schiebt sie ihren Oberkörper nach vorn, die Kettenglieder streifen seitlich an ihr vorbei, und sie spürt, wie die Last langsam von ihr abfällt. Mit dem Schritt durch das von Ketten verhangene „Tor zur Freiheit“ beginnt der letzte Abschnitt der Via Nova, eines mehr als 400 Kilometer langen, grenzüberschreitenden Pilgerwegs, der in St. Wolfgang in Österreich beginnt und am heiligen Berg der Tschechen unweit von Pribram endet. Das „Tor zur Freiheit“ steht kurz vor dem Grenzort Bucina (Buchwald) und erinnert an die Zeit des Eisernen Vorhangs, der Europa jahrzehntelang in Ost und West spaltete. Auch die Tschechen haben auf ihrer Seite ein Mahnmal errichtet: Sie haben an einem Abschnitt der früheren Grenze Stacheldrahtzaun und einen Wachturm stehen gelassen. 60 ausgebildete Pilgerwegbegleiterinnen und Begleiter bieten inzwischen Pilgerwanderungen entlang der Via Nova an. Simone Krampfl aus Annathal im Bayerischen Wald ist eine der aktivsten.

Ein Leben am Ende der Welt

„Ich bin schon immer gerne zu Fuß in der Natur unterwegs gewesen - und dass ein Pilgerweg direkt hier vor unserer Haustür durchgeht, hat mir natürlich gut gefallen“, berichtet sie. Dass die Via Nova ein grenzüberschreitender Pilgerweg ist, das ist für die 45-Jährige mehr als nur eine Randnotiz. „Ich bin zehn Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt aufgewachsen. Als Kind hatte ich immer das Gefühl, am Ende der Welt zu leben - denn es ging ja nicht mehr weiter“, sagt Simone Krampfl. Heute kann sie die ehemalige Grenze zu Fuß überqueren. Von Buchwald aus besteigt sie den 1264 Meter hohen Siebensteinkopf, ihre persönliche Lieblingsstelle. Oder sie unternimmt einen Abstecher zur Quelle der Moldau.

Bei dieser Wanderung wird sie automatisch mit dem Thema „Stirb und werde“ konfrontiert, denn zwischen abgestorbenen Bäumen, deren kahle Stämme wie Antennen in den Himmel ragen, keimt überall junges Grün. Die Via Nova ist ein Weg, der Grenzen überwindet, und das in mehrerlei Hinsicht - zum einen, weil er von Österreich über Bayern nach Tschechien führt, zum anderen, weil er zwar von der katholischen Pilgertradition inspiriert ist, sich aber als konfessionsübergreifender Pilgerweg versteht. Auf der Strecke finden sich mehrere Gedenkstätten, die an die jüdische Tradition in Westböhmen erinnern, die von den Nazis weitgehend ausgelöscht wurde. Das Simon-Adler-Museum in Gutwasser ist einer dieser Orte, aber auch die Bergsynagoge in Hartmanice, die mit privaten Mitteln renoviert und zum Museum umgebaut wurde. Nicht nur der jüdische Glaube hat seinen Platz auf einer Pilgerwanderung entlang der Via Nova.

Das Begleiten steht im Mittelpunkt

Wer mit Claudia Buchner, einer weiteren Pilgerwegbegleiterin, unterwegs ist, kann mit der praktizierenden Buddhistin auch über die Grundzüge der fernöstlich inspirierten Religion diskutieren. „Im Buddhismus gibt es kein Schuld-und-Sühne-Denken, es gibt keine außen stehende Instanz, keinen Gott und auch keine Opferrolle“, erläutert sie. Doch als Pilgerwegbegleiterin geht es ihr nicht darum zu missionieren. „Das Begleiten steht im Mittelpunkt. Viele Menschen, die sich auf eine Pilgerwanderung begeben, durchleben gerade eine Krisen- oder Umbruchsituation in ihrem Leben“, weiß Claudia Buchner, die durch den Einsatz als Pilgerwegbegleiterin ihre Heimat neu kennengelernt hat. Eine ihrer Lieblingsstellen entlang der Via Nova ist die Buchberger Leite, eine Wildbachklamm zwischen Freyung und Ringelai. „Dort ist es wunderschön, man sieht riesige Felsen und dichtes Moos - und man hat den Eindruck, dass hinter jedem Felsen gleich ein Gnom hervorspringt“, schwärmt Claudia Buchner. Am nächsten Tag trifft die Pilgergruppe Jozef Stemperk.

Er arbeitet hauptberuflich als PR-Mann für den Šumava-Nationalpark, engagiert sich in seiner Freizeit aber ebenfalls als Pilgerwegbegleiter. Für den 36-jährigen Tschechen bietet sich der Böhmerwald als Pilgerziel geradezu an: „Er hat etwas Geheimnisvolles und Melancholisches, kein Ort für seichte Unterhaltung“, sagt Stemperk. Er führt seine Besucher durch das wildromantische Vydratal, zeigt ihnen einen Kraftort mit mannshohen Felsbrocken und empfiehlt einen Halt in der Turnerhütte, der einzigen Übernachtungsmöglichkeit direkt im Kerngebiet des Nationalparks.

Seine Lieblingsstrecke freilich folgt am Nachmittag - der Anstieg von Reichenstein nach Groß-Babylon. Diese Wanderung bietet tolle Fernsichten. Das Gebiet ist außerdem nahezu menschenleer. Denn nachdem die meist deutschsprachigen Bewohner der Orte und Gehöfte nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben worden waren, richtete die tschechoslowakische Armee hier einen Truppenübungsplatz ein. „Die verlassenen Dörfer wurden auch als Kulissen für Kriegsfilme genutzt“, weiß Jozef Stemperk . Die Vorbehalte zwischen Tschechen und Deutschen sind nach seinen Erfahrungen mittlerweile nahezu überwunden. „Sicher, es gibt ein paar Leute hier in Tschechien, die die Deutschen nicht mögen, aber im Allgemeinen gibt es nur noch wenig Vorurteile. Man kennt sich, man kann frei über die Grenze fahren, und man hat positive Erfahrungen gesammelt“, versichert Stemperk.

Ein Zeichen der Versöhnung ist, dass es auch auf tschechischer Seite mehrere deutschsprachige Pilgerwegbegleiter gibt. Außerdem wurden Kirchen und Kapellen entlang des Pilgerwegs, wie die St.-Gunther-Kirche in Gutwasser oder die mittelalterliche Wehrkirche in Maurenzen, in deutsch-tschechischer Zusammenarbeit restauriert. Eine Massenbewegung ist das Pilgern auf dem tschechischen Abschnitt der Via Nova bisher aber noch nicht. Wer es vorzieht, auf viel betretenen Pfaden zu wandeln, der ist auf dem spanischen Jakobsweg besser aufgehoben.