„Qualitätskontrolle“ im Stuttgarter Staatstheater Memory mit Schloss Grafeneck

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Das Dokumentartheater Rimini-Protokoll zeigt in Stuttgart eine bewegende Produktion rund um die bis zum Kopf gelähmte Stuttgarterin Maria-Cristina Hallwachs.

Alles echt: Maria-Cristina Hallwachs (r.) mit ihrer Pflegerin Foto: Staatstheater
Alles echt: Maria-Cristina Hallwachs (r.) mit ihrer PflegerinFoto: Staatstheater

Stuttgart - Es hätte alles so schön werden können für Maria-Cristina Hallwachs. Aufgewachsen in der Stuttgarter Halbhöhe, behütet von Vater und Mutter, er Zahnarzt, sie Lehrerin, steht dem Mädchen die ganze Welt offen. Es spielt Klavier und hört Depeche Mode, geht ins Ballett und zum Rudern und legt sein Abitur ab. Alles läuft perfekt, bis zu dem Tag, an dem Maria-Cristina auf Kreta in einen Pool springt. „Vor lauter Lebenslust bin ich auf dem Rückweg vom Meer zum Hotel meinen Eltern vorausgerannt“, sagt sie. „Ich habe gerufen: Ich spring noch gschwind rein“ – und dann sei’s geschehen. Seit diesem Kopfsprung, fatalerweise in die Nichtschwimmerseite des Pools, ist Maria-Christina Hallwachs querschnittsgelähmt. Vom Hals abwärts ist ihr Körper bewegungsunfähig. Das einzige, was sie noch dirigieren kann, ist der Kopf – nach rechts und nach links, nach oben und nach unten. Der Unfall ereignete sich, als Maria-Cristina achtzehn war. Jetzt ist Frau Hallwachs achtunddreißig und sitzt im Rollstuhl auf der Bühne des Nord, wo sie sich nicht nur an den kretischen Köpfer, sondern an ihr gesamtes Leben erinnert. Wohlgemerkt: sie selbst steht im Rampenlicht und eben keine Schauspielerin, die stellvertretend für sie reden und handeln würde! Hallwachs in persona hockt in ihrem Hightech-Rolli und dringt im Lauf des neunzigminütigen Abends auch in Themenbereiche vor, die zwar eng mit ihrem Einzelschicksal verknüpft sind, aber doch weit darüber hinaus weisen: „Wann ist ein Leben lebenswert?“, lautet die konzentrisch umkreiste Frage dieser ungeheuer intensiven, von Rimini-Protokoll hintergründig eingerichteten „Qualitätskontrolle“.

Rimini-Protokoll heißt das aus Helgard Haug und Daniel Wetzel bestehende Kollektiv, das mit seinen vielfach preisgekrönten Arbeiten das Dokumentartheater revolutioniert hat. Schon einmal haben die Protokollanten in Stuttgart ein Projekt realisiert, die „Peymannbeschimpfung“ 2007, als sich im Schauspielhaus mehrere Wochen lang alles um den Terror im Herbst 1977 drehte. Und auch wenn sich die Arbeitsweise von Haug & Wetzel seitdem weiter ausgefächert hat, folgt das Duo doch noch immer seinen alten Grundsätzen. Als da wären: akribische journalistische Recherche im Vorfeld, assoziative Montage der einzelnen Themen in der Dramaturgie und deren Präsentation auf der Bühne durch Menschen, die sich mit den jeweiligen Themenkomplexen auskennen. Für diese Fachmänner und Fachfrauen hat Rimini-Protokoll den Begriff „Experten des Alltags“ geprägt – und eine solche Expertin für beschädigte Körper ist ohne Zweifel die unbeugsame Maria-Cristina Hallwachs.

Die Pflegerin wird ins Spiel einbezogen

Dass ihre Lebensgeschichte auf der Bühne kein öder Betroffenheitsreport wird, zeigt schon das Bühnenbild. Hallwachs steht mit dem Rollstuhl in einem Schwimmbecken ohne Wasser, gleichsam an dem Ort, an dem ihr zweites Leben nach dem Badeunfall begann. Und wie in der Realität hat sie auch in der Fiktion des Theaterspiels einen Betreuer zur Seite. „Ich werde nicht häufiger wir als ich sagen“, erklärt die Alltagsexpertin zu Beginn, „aber ich bin nie allein. Es ist immer jemand in Rufweite. Für die Dauer ihrer Schicht leben die Betreuer mein Leben“ – und was dieses delegierte Leben bedeutet, führt sie nun auf eindrucksvolle Weise vor: Im Vorfeld der Aufführung hat Hallwachs schwangere Frauen getroffen. Sie wollte wissen, wie diese Frauen mit den Risikofaktoren umgehen, die ihnen von Ärzten genannt wurden. Weil Hallwachs früher viel mit den Händen geredet hat, nutzte sie die Treffen auch, um die Gestik der Schwangeren zu studieren. Und nun bittet sie im Nord die diensthabende Pflegerin, diese Körpersprache für sie nachzustellen. Sie kratzt sich den Nacken, stemmt die Hände in die Hüften, zuckt mit den Achseln und vollführt mithin Bewegungen, die Hallwachs so verwehrt sind wie der Alltag, aus dem sie stammen. Das ist eine kleine, in ihrer Banalität beiläufige Szene – und doch bringt sie dem Zuschauer schlagartig ins Bewusstsein, dass das Selbstverständliche keineswegs selbstverständlich ist. Wer so gehandicapt ist wie Hallwachs, kann sich nicht mehr kratzen, er lebt ein Leben in totaler Abhängigkeit, das damals, als die Frau komatös in der Tübinger Uniklinik lag, beinahe „abgeschaltet“ worden wäre. „Ich denke immer: das Leben ist doch ganz okay“, sagt Hallwachs nun und vertreibt sich die Zeit auf der Bühne mit Kindereien, die ihr und ihrem Pfleger großen Spaß machen. Sie spielen Fußball und sausen mit dem Rollstuhl einen Parcours entlang. Und jenseits der unbändigen Lebensfreude, die sich in diesem Sport ausdrückt, betreiben sie damit auch spielerisch Aufklärung – und zwar auf eine Art, in der sich das Können von Rimini-Protokoll in seiner ganzen Subtilität offenbart.

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