Ein besonderer Fußballfan Der Trikot-Jäger

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Mehr als 1100 Fußballtrikots hängen bei ihm im Schrank: Ralf Burkhart sammelt seit seiner Kindheit Trikots prominenter Spieler. Auch Raritäten des VfB Stuttgart sind darunter. An den Oberteilen wird deutlich, wie sehr sich der Fußball gewandelt hat.

VfB-Fan Ralf Burkhart in seiner Schatzkammer: Weitere Bilder aus den Heiligen Hallen des  Trikotsammlers sehen Sie in der folgenden Fotostrecke. Foto: Breithut 11 Bilder
VfB-Fan Ralf Burkhart in seiner Schatzkammer: Weitere Bilder aus den Heiligen Hallen des Trikotsammlers sehen Sie in der folgenden Fotostrecke.Foto: Breithut

Nürtingen - Es war nicht viel mehr als ein weiß-schwarzes Stück Stoff, das die deutschen Spieler beim WM-Finalsieg 1954 im Berner Wankdorfstadion trugen. Die „atmungsaktive Climacool-Ausrüstung“, in der die Nationalmannschaft vor wenigen Tagen zum vierten Mal Weltmeister wurde, besticht hingegen „durch raffiniertes Design mit gedoppelten Ärmelabschlüssen, gesticktes Adidas-Logo, Adler- und Sternen-Patches, innovative Einsätze aus Marquisette an den Seiten und an der Rückenpasse“. So steht es jedenfalls auf der Website des Deutschen Fußball Bundes, wo man sich das Designerstück für 79,95 Euro in den Warenkorb legen kann. Wer auf dem Rücken den Namen von Hummels oder Klose gedruckt haben will, zahlt 15 Euro Aufpreis. Hunderttausende Fans liefen in den vergangenen Wochen in solchen Solidaritätsoutfits durch die Städte und Dörfer der Republik.

Ralf Burkhart besitzt rund 1100 Fußballtrikots, ein aktuelles DFB-Shirt ist nicht darunter. Es wäre ihm zu gewöhnlich. In seinem Eigenheim in Nürtingen-Neckarhausen lagern in einem riesigen begehbaren Kleiderschrank Raritäten wie ein VfB-Trikot mit weißem Klappkragen, von dem in der Saison 1984/85 nur ein einziger Satz hergestellt wurde. Der Sammler liebt dieses Stück nicht, weil er es schön findet, sondern weil es so selten ist.

Burkhart – 39 Jahre alt, 2,02 Meter groß, 130 Kilogramm schwer – war einst Handballprofi, unter anderem hielt er als Mittelblocker bei Frisch Auf Göppingen und beim TV Großwallstatt die Abwehr zusammen. Heute hat er eine Frau, Kinder, eine 80-Prozent-Stelle als Polizeihauptwachtmeister – und ein Privatmuseum.

Mit Klinsmann und Allgöwer fing alles an

Burkharts Trophäenjagd begann vor 30 Jahren in seiner Heimatstadt Gingen an der Fils. Karl Allgöwer wohnte in dem Ort, die Eltern von Jürgen Klinsmann hatten dort eine Bäckerei. Ralf Burkhart, schon als neunjähriger Bub nicht auf den Mund gefallen, klopfte bei den Kickerfamilien an und bat mit großen Kinderaugen um Trikots der beiden VfB-Stars. Sie bildeten den Grundstock seiner Sammlung.

Der weitere Wachstumsprozess lässt sich zusammengefasst so erzählen: Burkhart kennt jemanden, der jemanden kennt, der wiederum jemanden kennt. Als Resultat dieser Beziehungsketten landet ein neues Fußballerhemd in seinem Besitz: von Diego Armando Maradona, von Franz Beckenbauer, von Jupp Heynckes und ähnlichen Größen. Die Stücke sind allesamt Originale, teilweise mit Rückständen von Gras, Schweiß, Blut und Tränen. Die meisten bekommt Burkhart geschenkt, weil die Fußballer wissen, dass ihre textilen Erinnerungsstücke bei ihm in guten Händen sind. Manche kauft er. Wie viel er in sein Hobby investiert, will Burkhart nicht verraten. Schließlich gehe es ihm nicht um monetäre, sondern um ideelle Werte: „Ich dokumentiere Fußballgeschichte und Fußballergeschichten.“

Sein kostbarstes Exponat ist jenes Kleidungsstück, das Werner Kohlmeyer bei der Weltmeisterschaft 1954 trug. Es erinnert an den legendären 3:2-Triumph der deutschen Mannschaft im Endspiel gegen Ungarn – und an eine menschliche Tragödie. Kohlmeyer war der linke Verteidiger der 54er Wunderelf. Mit einer Rettungstat auf der Linie verhinderte der „Mordskerl“ (Rundfunkreporter Herbert Zimmermann) ein drittes Tor der Ungarn. Doch statt wie die anderen Helden von Bern – Fritz Walter, Toni Turek, Helmut Rahn – zu einer Sportlegende zu werden, stürzte Kohlmeyer ab. Er verfiel der Alkoholsucht, der Kontakt zu seinen drei Kindern riss ab, er verarmte und war auf staatliche Unterstützung angewiesen. Zuletzt lebte er mit seiner Mutter in einer Sozialwohnung und arbeitete als Pförtner. Er verstarb im März 1974 mit nur 49 Jahren an Herzversagen. An Werner Kohlmeyer erinnert heute nicht einmal mehr ein Grabstein. Nur ein letztes Hemd ist geblieben. Ralf Burkhart bewahrt dieses Andenken.