Regenkatastrophe in Indien Die Armen trifft die Flut am Schlimmsten

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Im indischen Chennai führt ein Jahrhundertregen zu katastrophalen Verhältnissen. Die Millionenstadt ist eingeschlossen. Militärhubschrauber werden Notpakete ab.

Immerhin stoppte der Regen am Freitag. Doch schon drohen neue Wolken. Foto: AP 10 Bilder
Immerhin stoppte der Regen am Freitag. Doch schon drohen neue Wolken.Foto: AP

Chennai - Sie habe Angst, dass ihr die Medikamente ausgehen, die sie täglich zu sich nehmen müsse, sagt Shanti Mahadevan. Seit Tagen ist die alte Frau zusammen mit Nachbarn im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses gefangen. Ihre Wohnung im Erdgeschoss steht unter Wasser, auch der erste Stock sei feucht und unsicher. Es sei unmöglich, bis zu einer Apotheke oder einem Laden zu gelangen. „Überall ist Wasser“, erzählt die Witwe der Zeitung „Mail today“. Die südindische Metropole Chennai, früher Madras genannt, versinkt in einer Jahrhundertflut. Mindestens 280 Menschen sind schon ertrunken.

Zwar stoppte der Regen am Freitag zunächst und in einigen Stadtteilen begann das Wasser zu sinken, doch am Abend zogen neue Regenwolken über der Stadt auf. Meteorologen sagten weitere Monsungüsse voraus, die die Rettungsarbeiten bremsen könnten. Tausende bleiben abgeschnitten, viele sind auf Dächern gestrandet, andere harren auf Hochstraßen und Überführungen aus, vor allem Kranke, Ältere und Kinder brauchen Hilfe. Es fehlt an Booten, um die Leute in den besonders betroffenen Gebieten zu erreichen. Die Armee ist mit 4000 Soldaten zur Hilfe geeilt, um Eingeschlossene zu holen. Militärhubschrauber werfen Notpakete ab. Man versucht, Essen und Wasser zu Gestrandeten zu bringen.

Ein Jahrhundertregen fällt auf Chennai

Große Teile der 6,7 Millionen Einwohner zählenden Stadt und der umliegende Regionen stehen seit Tagen unter Wasser. Von einigen Dörfern sind nur noch die Dächer zu sehen, ganze Slumsiedlungen wurden von den Wassermassen weggeschwemmt. Schuld daran sind laut Meteorologen Rekordregenfälle, wie sie Chennai seit mehr als hundert Jahren nicht erlebt hat. Die braune Brühe, in die sich Abwässer aus der hochsteigenden Kanalisation mischen, schwappt teilweise brusttief durch Straßen, Gassen und Häuser. Selbst die Lande- und Startbahnen des Flughafens sind überflutet ebenso wie viele Bahngleise.

Die Behörden riefen die Menschen auf, aus den gefährdeten Stadtteilen in sicherere Gebiete zu flüchten. Es wurden Suppenküchen und Notcamps eingerichtet. Regierungschef Narendra Modi war bereits am Donnerstag nach Chennai geflogen, um sich ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe zu machen. Er versprach einen Nothilfefonds in Höhe von umgerechnet 138 Millionen Euro für die Flutgebiete. Eine Marine-Flugbasis in Arakkonam, 70 Kilometer von Chennai entfernt, hat man schon zu einem Notflughafen umfunktioniert.

Das Handynetz bricht immer wieder zusammen

Die Rekordfluten bringen praktisch das ganze öffentliche Leben zum Erliegen. Aus Angst vor Stromschlägen im Wasser wurde in vielen Gebieten der Strom abgestellt, in einem Hospital starben mindestens 14 Patienten auf der Intensivstation, weil der klinikeigene Generator ausfiel. Das Handy- und Telefonnetz bricht immer wieder zusammen. Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Viele Autofabriken, die Chennai den Namen „das Detroit Indiens“ einbrachten, machten zeitweise dicht.

Weil es an Nachschub fehlt, werden vielerorts Trinkwasser, Milch, Nahrungsmittel sowie Benzin knapp. In Supermärkten habe es vereinzelt Kämpfe um Lebensmittel gegeben haben, berichtete der Bewohner Vipin Kumar Reportern. Zudem sei es zusehends schwierig, durch die knietiefe, stinkende Brühe zum Supermarkt zu waten. „Schlangen und Frösche krabbeln an einem herum. Es ist sehr unheimlich.“

Zu viel Fläche ist in Chennai überbaut

Experten machen auch eine kurzsichtige Stadtplanung für das Wasserchaos verantwortlich. Immer mehr Flächen würden bebaut und zubetoniert, so dass Flüsse und Seen keine Überlaufflächen mehr hätten. Die überfließenden Gewässer würden nun ganze Stadtviertel fluten, hieß es. Die Witwe Shanti Mahadevan weiß, dass sie noch Glück im Unglück hatte. „Immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es den Obdachlosen und den Bewohnern der Slums ergeht. Die Armen trifft es am Schlimmsten. Sie können nirgendwo hin.“