Reigeschmeckt: die niederländische Familie Kramp Hapjes in Erdmannhausen

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Wie kommen Ausländer in der Region Stuttgart klar? In einer Serie besuchen wir Familien, die in zwei Kulturen zu Hause sind. Heute: die Kramps aus den Niederlanden.

Die Famlie Kramp in der Küche ihres schwäbischen Eigenheims Foto: factum/Granville 5 Bilder
Die Famlie Kramp in der Küche ihres schwäbischen Eigenheims Foto: factum/Granville

Erdmannhausen - Patricia Kramp lebt bereits einige Jahre in Erdmannhausen, als sie erfährt, dass sie regelmäßig etwas tut, das nicht den hiesigen Gepflogenheiten entspricht. Wenn sie Bekannte zum Kaffeekränzchen eingeladen hat, lässt sie eine Dose herumreichen, aus der sich jeder einen Keks nehmen darf. Anschließend stellt sie die Dose zurück in den Schrank. So kennt sie das aus ihrer niederländischen Heimat. „Patricia, das geht gar nicht“, sagt eines Tages eine Freundin unter vier Augen zu ihr. „Du wirkst geiziger als der geizigste Schwabe, wenn deine Gäste jedes Mal fragen müssen, ob sie noch etwas Gebäck haben können.“

Weil Patricia Kramp gewillt ist, sich zu integrieren, steht vor dem Besucher nun nicht nur eine Tasse Kaffee, sondern auch ein Teller mit einer Auswahl an Süßkram. Den nascht allerdings nicht der mit Fragen und Schreiben beschäftigte Reporter, sondern der fünfjährige Iven und die zweijährige Maelle. Was ihre Mutter zu dem Hinweis nutzt, dass in einer vermeintlichen Nebensächlichkeit etwas Grundsätzliches stecken kann. „Ich finde es eigentlich nicht gut, wenn man sich einfach nehmen kann, was man will“, sagt sie. „Eine klare Begrenzung führt dazu, dass man die Dinge mehr schätzt.“

Patricia Kramp stammt aus Lichtenvoorde, einem Dorf in der Provinz Gelderland. Sie wäre gerne dort geblieben, in der Nähe ihrer Eltern, an denen sie sehr hängt. Doch dummerweise verliebte sie sich in einen Mann, der sein Berufsziel darin sieht, schnelle Autos zu konstruieren. Weil das im geschwindigkeitsbegrenzten Holland kaum möglich ist, heuerte Bjorn Kramp nach dem Studium an der Hogeschool van Arnhem beim Motorenbauer AVL Schrick in Remscheid an. 160 Kilometer nordwestlich arbeitete seine Frau derweil als Psychologin bei Koonings Jaght, einer der größten Einrichtungen für Menschen mit geistigen Behinderungen in den Niederlanden. Eine Zeit lang sah sich das Paar nur am Wochenende.

Holländer sind lockerer als Deutsche

Dann, 2011, bekommt Bjorn Kramp eine Stelle als Berechnungsingenieur bei der Mercedes-Tochter AMG im schwäbischen Affalterbach angeboten. „Wenn du die Chance hast, deinen Traum zu erfüllen, will ich dir nicht im Weg stehen“, sagt sie zu ihrem Liebsten und tauscht die Heimat, die Freunde und eine Festanstellung gegen ein nagelneues Eigenheim in Erdmannhausen. So groß wird der Unterschied zu ihrem Heimatdorf Lichtenvoorde schon nicht sein, denkt sie. Heute sagt Patricia Kramp: „Fast alles läuft hier anders.“

Allein das ständige Siezen! Im Niederländischen gibt es zwar auch ein Sie – „u“, gesprochen ü – doch benutzt man das bloß, wenn man sich mit dem König, einem Richter oder einer anderen Respektsperson unterhält (Polizisten oder Lehrer gehören bereits nicht mehr in diese Kategorie). Die Regel ist das Du, und zwar auch im geschäftlichen Umfeld: Nicht nur den Kollegen, sondern auch den Vorgesetzten bringt man vom ersten Arbeitstag an ein „jij“ entgegen. „Es fällt mir noch immer schwer, Leute zu siezen“, sagt Patricia Kramp. „Ich mag das einfach nicht, weil es so steif klingt.“

Holländer sind lockerer als Deutsche oder, wie es Patricia Kramp formuliert, „nicht so vorsichtig“. Vergangenen Herbst, als die 34-Jährige hochschwanger war, radelte sie wie immer durch Erdmannhausen. Auf dem Gepäckträger saß Iven und vor dem Lenker Maelle, beide ohne Helm in ihren Kindersitzen. „Das ist doch viel zu gefährlich“, meinten die besorgten Eltern in der Kita. „Manche halten mich für eine Rabenmutter“, sagt Patricia Kramp.

In Wahrheit kümmert sie sich rund um die Uhr liebevoll um ihren Nachwuchs – auch, weil ihr das deutsche Staatswesen kaum eine andere Wahl lässt. Aus der städtischen Kita hat sie Ivan schnell wieder rausgenommen: „Zwei Erzieherinnen für 26 Kinder – ich verstehe nicht, wie man glauben kann, dass das gut geht.“ Jetzt ist der Fünfjährige in einem Waldorfkindergarten, aber der schließt schon mittags um halb zwei. Ihren Halbtagesjob als Schulsozialarbeiterin hat Patricia Kramp geschmissen: „Ich kann doch nicht pünktlich um eins abhauen, weil ich meinen Sohn aus dem Kindergarten abholen muss, wenn mir gerade ein Sechstklässler erzählt hat, dass er zu Hause geschlagen wurde.“ Und dann das deutsche Steuersystem: Weil ihr Mann gut verdient, brachte ihr Teilzeitjob unterm Strich gerade mal 150 Euro monatlich zusätzlich in die Familienkasse. Nun ist sie Vollzeitmama, sitzt ehrenamtlich im Vorstand des Waldorfkindergartens, leitet beim Gesang- und Sportverein das Kleinkinderturnen und trifft sich alle zwei Wochen mit anderen Müttern zum Basteln.